6. Maiandacht - Maria, mein Bild


Ein Bild ist mir ins Herz gegraben, ein Bild so schön und wundermild, ein Sinnbild aller guten Gaben, es ist der Gottesmutter Bild! In guten und in bösen Tagen will ich dies Bild im Herzen tragen! – O möchten diese Worte eines schönen Liedes in unserem Leben zur Wahrheit werden, liebe Christen, und das Bild der allerseligsten Jungfrau Maria das Sinnbild unserer Liebe und das Vorbild unseres Lebens sein, um in guten und in bösen Tagen, in Freude wie in Schmerz zu ihr rufen zu können, wie wir sie heute begrüßen: Maria, mein Bild!

Einst ließ sich der göttliche Heiland eine Münze zeigen und fragte: Wessen ist dieses Bild und die Umschrift? Und als man ihm antwortete: des Kaisers, so sagte er: So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist. – Und wenn er an uns vor einem Marienbild dieselbe Frage stellte und wir ihm erwiderten: das ist Maria mit der Umschrift: Muttergottes, so würde er, der Maria vom Kreuz herab dem ganzen Menschengeschlecht zur Mutter gegeben hat, ohne Zweifel sagen: So gebt ihr, was ihr gebührt, Liebe, Dank und Verehrung! Warum? – Weil sie ist, wie es im Buch der Weisheit heißt, der Glanz des ewigen Lichtes und der makellose Spiegel der Herrlichkeit Gottes und das Bild seiner Güte.

Wenn wir jemand recht lieb haben, dessen Bild umschwebt uns überall und weilt stets vor uns im Geist. Da wir aber die Liebe zu Maria gleichsam mit auf die Welt gebracht haben, da sie nach den schönen Worten Fenelons so zu sagen mit uns geboren wurde, da uns die Augenblicke, in denen uns eine gute Mutter das erste Ave Maria gelehrt, das erste Marienbild erklärt, in die erste Muttergotteskirche geführt hatte, unvergesslich sind, so unvergesslich, dass sie nach langen Jahren des Leichtsinns und der Sünde gleich Sternen sich erheben und die Nacht unseres Herzens erleuchten, so umschwebt das Bild Mariens uns überall und ist nach dem des göttlichen Heilandes der Gegenstand unserer höchsten Freude, unseres süßesten Trostes und unserer größten Ehrfurcht.

Wer recht liebt, beweist auch die Liebe durch die Nachahmung des geliebten Gegenstandes. Darin besteht auch ein Teil der Marienverehrung. Je mehr du Maria liebst, sagt der heilige Ephräm, desto ähnlicher wirst du ihr zu werden versuchen.

Maria soll daher sein mein Bild;

O möchte ich werden ihr Bild!

Diese zwei Gedanken wollen wir heute näher betrachten!

Das Verständnis des Grußes: Maria, mein Bild, wird klar durch den Ausspruch des heiligen Eutychius: das Bild, das ich am liebsten im Geist betrachte und das ich am öftesten in Wirklichkeit anschaue, ist das Bild der heiligen Jungfrau. Durch die glühende Liebe und durch das oft wiederholte Anschauen wird es mein Bild; und mein Bild ist es in zweifacher Gestalt, ein geistiges durch die Betrachtung, ein materielles durch Menschenhand. Weil leider die Welt um uns so viel Lärmen macht und unser geistiges Auge trübt, weil wir leider keine Heiligen sind und unser Inneres nicht beständig im Himmel weilt, haben wir ein Bild von irdischen Formen nötig, um uns zur Betrachtung unserer himmlischen Mutter emporzuschwingen; ein gemaltes oder geschnitztes Bild, ein Gemälde oder eine Statue.

Dass das christliche Volk in seinen Nöten die Zuflucht zu einem marianischen Gnadenbild nimmt, ist der Heiligen Schrift ganz gemäß und sowohl von Gott im Alten Testament bestätigt als von Jesus Christus im Neuen Bund gutgeheißen. – Als die Welt in der Sündflut unterging, wohin nahmen diejenigen, die ihr Leben retteten und davonkamen, ihre Zuflucht? Zu dieser Arche, die nichts anderes war, als ein Vorbild Mariens. – Als das israelitische Volk aus Ägypten ins gelobte Land zog und in der großen Wüste den Weg nicht kannte, wer half ihm aus der Not? – Gott und ein Marienbild, weil jene Säule, die vor ihm herging und bei Tag eine Wolkensäule und bei Nacht eine Feuersäule bildete, nichts anderes war, als ein Vorbild Mariens! – Als jener liebreiche Samariter sich des Unglücklichen am Weg annahm, Öl und Wein in seine Wunden goss und sie verband, so war dieser Verwundete der arme Sünder, der barmherzige Samariter Jesus Christus, das Öl aber, das die Schmerzen linderte und die Binden, womit er die Wunden verband, ein Bild der Milde und mütterlichen Barmherzigkeit Mariens. – Als Lazarus gestorben war, wer hielt um seine Wiedererweckung an, wer weinte und bat für ihn? – Maria und Martha, zwei Vorbilder der heiligen Jungfrau. – Was hier, ehe Maria noch geboren, ehe Maria noch gestorben war, durch Vorbilder auf sie hinwies, das stellten wirkliche Bilder nach dem glückseligen Hinscheiden Mariens dar und diese Bilderverehrung ist von der heiligen Kirche durch verschiedene Konzilsbeschlüsse gutgeheißen und gebilligt worden. Wie jetzt Tausende von Christen jährlich zu den Gnadenbildern von Loretto, Einsiedeln, Altötting und Mariazell pilgern, so hat gewiss noch jeder fromme Christ ein Bild der Muttergottes in seinem Haus oder trägt eines auf einer Medaille an seiner Brust. Durch öfteres Gebet vor demselben, durch stets wiederholtes Anschauen, durch beständig erneuerte Betrachtung desselben drückt er die schönen Züge der Himmelskönigin so tief in seine Seele, so lebendig in sein Gedächtnis, dass Mariens Bild stets vor seinem Innern schwebt und ihn überallhin begleitet und er in Wahrheit sagen kann: Maria, mein Bild! – Auf diese Weise kam der heilige Leonhard von Portu Maurizio so weit, dass er oft auf der Kanzel sagte: Wenn ich bedenke, wie viele und große Gnaden ich von Maria empfangen habe, so oft ich vor ihrem Bild betend kniete, so komme ich mir selbst nicht anders vor als eine Kirche mit einem Gnadenbild der seligsten Jungfrau, wo die Mauern überall mit Gelübdetafeln überdeckt sind und wo man nichts anderes liest, als: Wegen einer von Maria erhaltenen Gnade. So scheint es mir, eben diese Worte seien überall an mir zu lesen. – Als die gottselige Maria Viktoria von Sarntheim im Jahr 1722 krank im Bett lag und vor Schmerzen kein Glied rühren konnte, wurde ihr aus weiter Ferne ein schönes Muttergottesbild zugesendet, dem sie bereits im Innern des Klosters eine kleine Kapelle erbaut hatte. Die Klosterfrauen erschienen an der Pforte, das Bild zu übernehmen, in festlichem Schmuck und brennende Kerzen in der Hand. Sie stimmten nach Übernahme des Bildes das herrliche Lied an: Sei gegrüßt du Stern des Meeres! – Der Schall davon drang auch zur kranken Maria Viktoria, sie berührend mit Himmelskraft. Sogleich sprang sie leicht aus ihrem Bett. Auf den Knien rutschte sie dem Bild entgegen, einstimmend in das Jubellied, ganz überströmend von der Andachtsglut und begrüßte die Königin des Himmels in ihrem Bild. Alsdann legte sie sich wieder geduldig auf ihr Schmerzenslager. So sollen auch wir, liebe Christen, in Freuden und Schmerzen, in Wohl und Weh unsere Zuflucht zum Bild Mariens nehmen und es geistigerweise in unserem Herzen tragen, wie es in Wirklichkeit der große Johannes Sobiesky auf allen seinen Feldzügen mit sich hatte und König Ludwig I. im Jahr 1363 in der Schlacht gegen die Ungläubigen bei sich trug.

Als einst die Mutter Carl VIII., Königs von Frankreich, mit dem Beinamen: der Schöne, ihren Sohn wegen seiner hübschen Leibesgestalt lobte, antwortete er mit kindlichem Dank: Ich bin ja dein Bild, o Mutter! – Liebe Christen, o dass auch wir zu Maria in Wahrheit sagen könnten: Wir sind dein Bild, unser Lebenswandel ist der Abglanz deines Lebens und unsere Tugenden sind der Wiederschein deiner Tugenden! So lange wir nicht streben, nicht bloß vor deinem Bild betend zu knien, sondern auch dein Tugendbild nachzuahmen, es auszuprägen in unserem Leben, kannst du uns unmöglich ganz und vollkommen lieben! – Von dem seligen Bettler Benedikt Labre erzählt seine Lebensgeschichte: Er zeigte nicht bloß seine innige Liebe zur allerseligsten Jungfrau durch seine inbrünstige Andacht vor ihren Bildern und durch seine vielen Wallfahrten zu ihren Gnadenorten, sondern ganz besonders durch Nachahmung ihrer schönen Tugenden. Dies war ihm die Hauptsache und sollte es für jeden Diener Mariens sein. – Sein untadeliges Leben, seine engelgleiche Reinheit, die Betrachtung der Welt und seiner selbst, seine Geduld und Sanftmut und die anderen Tugenden, wodurch er sich auszeichnete, hatte er sich von Maria, seiner lieben Mutter abgelernt. – Er versuchte, so viel es ihm möglich war, ein lebendiges Abbild der Tugenden Mariens zu sein und die Worte des heiligen Hieronymus zu erfüllen: Mein Lieber, ehre Maria aus Liebe, die du zu ihr hast, aber dann zeigst du wahrhaft deine Liebe, wenn du die, die du liebst, nachzuahmen versuchst.

Im vierzehnten Jahrhundert lebte in Italien auf einem Schloss eine adelige Familie mit zwei Kindern. Die Eltern starben früh und die beiden Waisen kamen unter die Vormundschaft eines Onkels. Der war ein gottloser Mann, der das Verderben der Kleinen beschloss, um sich ihres Vermögens zu bemächtigen. Die Kinder gingen täglich vom Schloss aus in eine benachbarte Kirche zur heiligen Messe und mussten auf diesem Weg an furchtbaren Felsenschluchten vorüber. Dahinab wollte sie der Bösewicht stürzen und lauerte ihnen deshalb auf. Die sterbende Mutter hatte aber den Kindern ein Kästchen übergeben mit dem Auftrag, es nicht eher zu öffnen, als bis sie einmal eine große Angst empfänden. Dieses Gefühl aber beschlich sie auf diesem Weg so stark, dass es sich bis zum Entsetzen steigerte und in dieser Not öffneten die Kinder das Kästchen, das sie stets bei sich trugen. Es war das Bild ihrer Mutter darin, mit einem Kranz von Brillanten eingefasst. Die Strahlen der eben aufgehenden Sonne fielen auf die Edelsteine, dass sie im wunderbaren Glanz schimmerten und funkelten. Dieses rätselhafte Licht aber, das von den Kindern ausstrahlte, erschreckte den Bösewicht hinter dem Baum so sehr, dass er ganz außer sich geriet und in wilder Verzweiflung sich eben dahinab stürzte, wohin er die Kinder dem Tod überliefern wollte. Die beiden Waisen aber waren gerettet. – Seht ihr die Kraft des Mutterbildes! – Darum verehrt es mit inniger Andacht, darum bildet es nach in eurem Leben, darum ruft recht oft von Herzen: Maria, mein Bild! Dann werdet ihr sie einst nicht mehr im Bild, sondern von Angesicht zu Angesicht schauen im Himmel. Amen.