5. Maiandacht - Maria, mein Ring


Zur Zeit der heidnischen Kaiser finden wir in Italien die Verehrung Mariens wenig erwähnt. Im Hintergrund der Katakomben rief man leise die Heiligen und Martyrer an, und ihre Gräber dienten als Altar, um die göttlichen Mysterien zu feiern. Die edlen Frauen von Rom trugen Ringe mit Smaragden, Korallen oder Saphiren, auf denen Marienbilder eingeprägt waren und hinterließen sie sterbend ihren Kindern als Symbole ihres Glaubens. Galla, die Witwe des Symmachus, ließ lange danach eine prächtige Kirche erbauen, um einen dieser Ringe, die Reliquie einer Glaubensverfolgung, darin aufzubewahren. Das Bild daran war so schön, dass man glaubte, es sei aus den Händen eines überirdischen Künstlers hervorgegangen und es als ein Geschenk des Himmels verehrte.

Jene Zeiten der Furcht, jene Glaubensverfolgungen sind jetzt vorüber; die Prophezeiung der heiligen Jungfrau ist nun glänzend erfüllt: Von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter. Öffentlich prangt ihr Bild in unzähligen Kirchen und Kapellen, vor dem Tausende von Christen hilfesuchend knien. Doch wenn wir auch jetzt nicht mehr gezwungen sind, Mariens Bild auf Ringen zu tragen, um sie bei einer plötzlich einbrechenden Verfolgung schnell genug verbergen zu können, so sollen wir die allerseligste Jungfrau zum Zeichen unserer innigsten Liebe oft und oft mit dem heiligen Johannes Damaszenus: Maria, mein Ring, begrüßen, und warum? – Weil der Ring das Zeichen einer Verbindung ist, die nur der Tod auflösen kann, einer Liebe, die bis zum Grab treu bleibt und unsere Vereinigung mit Maria eben so fest, unerschütterlich und dauerhaft sein soll. Maria ist unser Gnadenring, Liebesring, dies zeige uns die heutige Betrachtung!

Dem berühmten Gnadenbild der Muttergottes auf Montserrat in Spanien schickte Franz I., König von Frankreich, aus der Gefangenschaft seinen goldenen Ring mit den Worten: dies sei das einzige Geschenk, das ein gefangener König der Himmelskönigin machen könne. Er erhielt bald darauf die Freiheit. Der König gab ihr den Ring, die Königin ihm die Gnade; Franz wandte sich durch die einzige Gabe, die ihm geblieben war, an Mariens Hilfe und Maria erwarb ihm dafür von Gott die Erledigung aus seinen Fesseln. Ein wahrer Gnadenring! Was hier nur Sinnbild, ist in Maria Wirklichkeit. Wenn nach dem Ausspruch des heiligen Leo des Großen jeder Sünder ein gefangener König ist, so wende er sich bittend, hilfeflehend an die Himmelskönigin, und Maria befreit ihn von den Fesseln der Sünde und der Versuchung, frei von den Ketten der Krankheit und Armut, frei von den Fesseln des Unglücks und der Verfolgung, denn sie ist jener himmlische Gnadenring, den Gott der Herr um die Menschheit gezogen, wie der heilige Athanasius sagt. Du bist voll der Gnade, begrüßte sie der Erzengel, und diese Gnadenfülle empfing sie nicht bloß für sich, sondern auch für uns. Es ist eine Lehre der Kirche, dass wir alle Gnaden von Gott durch Maria erlangen. Von ihrer Fülle haben wir alle empfangen und empfangen immer noch, denn wie ein Ring rund ist ohne Anfang und ohne Ende, so sind auch die Gnaden, die wir durch Maria erhalten, unermesslich, unzählig, endlos. Die heilige Brigitta, diese große Verehrerin Mariens, hatte einmal ein Gesicht, in dem sie die Himmelskönigin in unendlicher Huld und Liebe ihre beiden Arme um die ganze Welt schlingen sah. Ihr Mutterherz funkelte wie der feurigste Rubin und ihre Arme, rund wie ein Ring gebogen, glänzten wie strahlendes Gold. Siehst du, geliebte Tochter, sprach sie zu der Heiligen, so umfange ich wie ein Gnadenring erbarmungsreich die Welt! – Wohin wir uns daher auch begeben, liebe Christen, wohin wir uns auch wenden, wir sind eingeschlossen von dem Ring ihrer Gnaden, umgeben, umrungen, umspannt von zahllosen Gnaden, die sie uns von Gott erwirkt. Was wir an uns besitzen, was wir täglich empfangen, was wir in Zukunft noch empfangen werden, ist eine Gnadenwirkung Mariens, und während wir ihr für eine erhaltene Gnade danken, hält sie schon wieder eine neue bereit, uns damit zu belohnen.

Vor dem Gnadenbild der Muttergottes auf Montserrat knieten der König von Spanien Ferdinand der Katholische und seine Gemahlin Isabella, um Maria den Tribut des Dankes darzubringen für die Besiegung der Sarazenen und die Aufpflanzung des Kreuzes auf den Mauern von Granada. – Kaum hatten sie ihre Andacht vollendet, da erscheint in dem Hafen von Barcelona ein Schiff, das berühmteste vielleicht, das je die Wogen des Weltmeeres durchfahren hat. Es ist das Schiff des großen und frommen Kolumbus, der die neue Welt unter dem Schutz des Kreuzes und der Gottesmutter entdeckt hatte, und der nun dem königlichen Paar ankündigt, dass es Gebieter eines neuen Reiches jenseits des Meeres geworden ist.

In dieser Geschichte, liebe Christen, spiegelt sich das Leben eines wahren Verehrers Mariens ab. Während er für den Sieg, den er mit Hilfe der heiligen Jungfrau über den bösen Feind, über seine Leidenschaften errungen hat, während er für den Glauben, den er durch den Beistand der Himmelskönigin innerhalb der Mauern seines Herzens und seiner Familie bewahrt hat, hienieden dankt, hält Maria eine neue Gnade für ihn bereit und kündigt ihm an, dass er durch ihre Fürbitte jenseits der Welt ein neues Reich sich erworben hat, das Reich der ewigen Seligkeit.

Wenn sich zwei Herzen am Altar auf ewig verbinden, so geben sie sich zum Unterpfand ihrer Liebe einen Ring. Dieser Ring wird an den vierten Finger der linken Hand gesteckt, weil nach alter Überlieferung von diesem aus eine Ader gerade zum Herzen gehen soll, zu dem Herzen, das der Sitz der Liebe ist. – Maria ist unser Liebesring, weil von ihrem Mutterherzen aus nicht bloß eine Ader der Liebe zu uns fließt, sondern ein ganzer Strom von Huld und Neigung sich über uns ergießt; weil wir von ihrer Mutterliebe rings wie ein Ring umschlungen sind, so dass wir die Worte des Apostels, die er von Gott spricht, auch auf sie anwenden können: In ihr leben, schweben und sind wir. Ihre Mutterliebe umfängt uns, wie des Regenbogens siebenfarbiges Licht nach der Sündflut die Erde umspannte zum Zeichen des Friedens und der Versöhnung. Ihre Mutterliebe umgibt uns, so dass wir mit dem heiligen Sänger sagen können: Stiege ich in den Himmel hinauf, so wärst du da, stiege ich in die Hölle hinab, so wärst du da; nähme ich die Flügel der Morgenröte, um am äußersten Ende des Meeres zu wohnen, so würde auch dort deine Rechte mich halten und deine Hand mich führen! – Wo, liebe Christen, finden wir in unserem ganzen Leben in der Jugend und im Alter eine Zeit, einen Tag, eine Stunde, wo wir sagen können, dass wir außer diesem marianischen Liebesring gestanden sind? Wo wir nicht deutlich fühlten, dass sie unsere Mutter ist, eine mächtige Mutter, die uns helfen kann, eine gütige Mutter, die uns helfen will? – Wo wir nicht die Wahrheit des Anspruches empfanden, den der heilige Andreas von Kreta getan: Glücklich ist die Seele, die mit Maria eine unauflösliche Verbindung eingeht, da ihre Liebe selbst der Ring ist, der unser Herz mit ihrem Mutterherzen vereint?

Die herzliche Liebe, die die Heiligen zur Muttergottes hegten, wurde öfters auf ganz besondere, wunderbare Weise belohnt. Es ließ sich die hohe Himmelskönigin herab zum Zeichen ihrer Liebe mit ihnen in die innigste geistliche Verbindung zu treten, gleichsam mit ihnen, wie mit dem heiligen Josef, ihrem keuschesten Bräutigam, eine himmlische Ehre einzugehen und diese geheimnisvolle Verbindung durch einen Ring zu bekräftigen.

Der selige Alanus de Rupe aus dem Orden des heiligen Dominikus, war einer der vorzüglichsten Verteidiger der Verehrung der allerseligsten Jungfrau und einer der eifrigsten Beförderer der Rosenkranzandacht. Er selbst betete täglich den ganzen Psalter des Rosenkranzes. Vor seinem Eintritt in das Kloster war er Soldat. In einer Schlacht sah er sich einmal von Feinden rings umgeben. Sein Tod war unvermeidlich. Da rief er Maria an und mit mächtiger Hand führte sie ihn unversehrt durch die Reihen der Feinde. Ein anderes Mal entriss sie ihn dem sicheren Tod in Wassergefahr. Darum hatte er sich Maria von Herzen ergeben, sein ganzes Leben ihrem Dienst geweiht und da er ein wahrhaft heiliges Leben führte, so hatte sie auch das größte Wohlgefallen an ihm. Sie erschien ihm eines Tages, zog einen Ring vom Finger, der aus ihren Haaren geflochten war, steckte ihn zum Unterpfand der geistlichen Vermählung mit ihm an seinen Finger und verließ ihn in einem solch seligen Entzücken, das bis zu seinem Tod 1475 nicht mehr von ihm wich. Nach seinem Tod leuchtete sein Mund und seine Hand wegen des vielen Rosenkranzbetens wie der reinste Kristall.

Was hier die Legende fromm erzählt, das, liebe Christen, wiederholt sich im innerlichen Leben bei jeder Seele, die Maria liebt. Sie ist und bleibt für sie der Ring, der mit dem Goldreif ihrer Gnaden, der mit dem Rubin ihrer Liebe und dem Diamant ihrer Huld das christliche Herz umschlingt und weil ihr Erbarmen Erde und Himmel umfasst, so wird die Seele dort oben erst recht erfassen, dass sie hienieden nicht umsonst so oftmals gerufen: Maria, mein Ring! Amen.