4. Maiandacht - Maria, meine Blume


In der Natur ist unstreitig das Anmutigste die Blume, so dass es gewiss kein Menschenherz geben wird, das sich nicht an ihrer Gestalt erfreut und an ihrem Wohlgeruch ergötzt. Die Heiligen, deren Glaubenskraft nicht bloß Menschen und Tiere, sondern auch die Pflanzen gehorchten, pflegten den vertraulichsten Umgang mit den Blumen, den schönsten Kindern der Natur. Der heilige Ignatius war ganz begeistert bei ihrem Anblick und der heilige Franz von Assisi nannte sie seine lieben Schwestern. Beim Leichenbegängnis der heiligen Elisabeth von Portugal neigten auf dem Weg, wo der Zug vorüberging, alle Blumen ihr Haupt; und die heilige Rosa von Lima schmückte jeden Samstag des ganzen Jahres das Muttergottesbild mit schönen Blumen, die sie selbst in ihrem Gärtchen gezogen hatte. Wunderbar aber war es anzuschauen, dass das Gärtchen der lieben Rosa zu keiner Zeit leer von Blumen war. Es durfte die Witterung noch so rau und ungünstig sein, immer blühten dort Blumen zum Schmuck des geliebten Bildes.

Doch was sind die irdischen Blumen, die der Heilige Geist selbst mit dem menschlichen Leben wegen der seiner Kürze vergleicht: Der Mensch ist wie eine Blume, die am Morgen aufblüht und des Abends verwelkt, gegen jene, die ich heute mit euch allen, liebe Christen, als: Maria, meine Blume, begrüße? – Maria nennt sich selbst eine Blume: Ich bin eine Blume des Feldes. Jesaja sieht sie prophetisch als eine Blume aus der Wurzel Jesse aufblühen. Im Hohen Lied wird sie begrüßt als eine Lilie unter den Dornen und im Buch Sirach als eine Rosenstaude in Jericho. Der heilige Epiphanius preist sie als die schönste Blume im Garten Gottes, und der heilige Germanus sagt: Gerne will ich sterben, wenn ich in Wahrheit diese Blume mein nennen kann.

Lasst uns jetzt, liebe Christen, diese himmlische Blume näher betrachten; der gelehrte Hugo von St. Viktor gibt uns dazu die Anleitung. Er sagt: Eine vollkommene Blume muss drei Eigenschaften haben, sie muss sein schön, wohlriechend und heilsam, Bedingungen, die wir in Maria im höchsten Grad vereinigt finden.

Als der berühmte Maler des Altertums, Zeuxis, die Göttin Juno malen sollte, da suchte er fünf der schönsten Jungfrauen, die er nur finden konnte, sah sich von jeder das feinste und regelmäßigste ab, von diesen die Stirn und die Haare, von jenen den Mund und die Augen und brachte auf diese Weise ein Gemälde zusammen, das an erhabener Schönheit alles bisher Gesehene weit übertraf. – Ist dies auch ein schwaches Bild, weil es ein Bild dieser Erde ist, so lässt es euch doch wenigstens ahnen, liebe Christen, die namenlose, unaussprechliche Schönheit, die der allmächtige Gott in Maria erschuf, in deren Antlitz, wie in das ihres göttlichen Sohnes zu schauen, selbst die Engel gelüstet, in deren Zügen sich alle Schönheit der Frauen des alten Bundes zur höchsten Vollkommenheit vereinte, deren Stirn von himmlischer Anmut strahlte, aus deren Augen der ganze Himmel schaute und deren Gestalt göttlicher Liebreiz umfloss! – Etwas Schöneres, sagt der heilige Anselm von Maria, kann selbst die allmächtige Hand des Herrn nicht mehr erschaffen, und könnt ihr daran noch zweifeln, liebe Christen, wenn der göttliche Salomo selbst seine Braut mit den Worten schildert: Schön bist Du, meine Freundin, ganz schön und kein Makel ist an Dir! – Wie vor der Schönheit der Rose das reine Weiß der Lilie, das Goldgelb der Kaiserkrone, das Dunkelblau des Veilchens, das Violett der Aster und der Purpur der Georgine verschwindet, so verbleicht jede irdische Schönheit vor jener der allerseligsten Jungfrau Maria. Sie ist die vollkommenste Blume, weil sie die schönste ist und einen Duft ausatmet, der alle Wohlgerüche Indiens übertrifft.

Die Türken glauben, dass der Duft der Rose der Atem ihres Propheten Mohamed sei. Ein Mohamedaner wird darum nie eine Rose auf die Erde werfen, und wo er Rosenblätter liegen sieht, wird er sie aufheben. Was bei den Türken nur ein leerer Wahn ist, das ist bei uns Christen Wahrheit. Unsere Blume atmet den Wohlgeruch Christi, der Duft Mariens ist der Hauch des allmächtigen Gottes. Darum zieht es uns auch so unwiderstehlich zu ihr hin, sagt Gerson, weil von ihr Himmelsluft uns entgegenweht, weil Paradiesesduft von ihr ausströmt und in ihrer Nähe der Balsamgeruch der Heiligkeit uns umgibt.

Als in Jerusalem die furchtbare Verfolgung ausbrach, flüchtete sich Maria mit dem heiligen Johannes und Magdalena nach Ephesus. Über ihren dortigen Aufenthalt wissen wir nichts. Die Lücke ist leicht zu erklären durch die vorherrschenden Zeitereignisse. Die Apostel hielten nach der Auferstehung des Herrn alles für Nebensache, was für sie, einzig und allein mit der Verbreitung des Glaubens beschäftigt, nicht in unmittelbarem Zusammenhang stand mit diesem wichtigsten aller Gegenstände. Ganz erfüllt von ihrer hohen Sendung und völlig dem Heil der Seelen hingegeben, vergaßen sie sich selbst ganz und gar, und so haben sie uns kaum einige unvollständige Urkunden über die evangelischen Arbeiten hinterlassen, die das Geschick der Welt verwandelten. Auf diese Weise ist ihre Geschichte einer erhabenen Grabschrift vergleichbar, die, fast verwischt, weder Anfang noch Ende zeigt. Es ist begreiflich, dass die Mutter Jesu das Los der Apostel geteilt hat. Die letzten Jahre ihres Lebens verflossen fern von Jerusalem, im fremden Land, woselbst ihr Aufenthalt, durch kein auffallendes Ereignis bezeichnet, nichts als eine Fläche darbietet, worauf keine dauernde Spur im flüchtigen Gedächtnis der Menschen geblieben ist. Indessen deuten der blühende Zustand der Kirchen von Ephesus und das Lob, das der heilige Paulus ihrer Frömmigkeit erteilt, hinlänglich auf die erfolgreichen Bemühungen der heiligen Jungfrau und den göttlichen Segen, der ihr auf allen Wegen folgte. Die Blume von Jesse hinterließ von ihrem Duft, wo sie vorbeigegangen ist und diese leichte Spur verrät ihre köstliche Anwesenheit. Der Wohlgeruch Christi, den sie an sich trug, der Duft ihrer Tugenden, den sie ausatmete, zog alle Herzen an sich. – Und auch wir, liebe Christen, können nicht umhin, Maria mit den Worten des Hohen Liedes zuzurufen: Ziehe mich zu Dir, wir laufen dem Geruch Deiner Salben nach, worunter wir, nach dem heiligen Bernhard, nichts anderes zu verstehen haben, als den Duft ihres guten Beispiels, ihrer erhabenen Heiligkeit, ihrer Tugenden und guten Werke.

Die dritte Eigenschaft einer vollkommenen Blume ist selten und noch seltener im Verein mit den beiden anderen. Es gibt Blumen, schön und duftig, aber ohne Heilkraft, während es solche gibt, die Krankheiten heilen, aber denen Geruch und Schönheit fehlt. Nur in einer einzigen Blume finden wir auch die Heilkraft mit Duft und Pracht vereint im höchsten Maße, in Maria, die die heilige Kirche das Heil der Kranken nennt. Wie ihr göttlicher Sohn auf Erden so viele Leidende gesund gemacht und so viele Kranke geheilt hat, so nimmt auch Maria den Schmerz hinweg und es gibt kein Weh des Leibes und der Seele, wovon sie nicht den armen Menschen befreit. – Durchlese, o Christ, die Tausende von Büchern, in denen die Krankenheilungen durch Mariens Fürbitte aufgezeichnet sind; zähle, wenn du kannst, die Menge von Votivbildern, die an den Gnadenorten der heiligen Jungfrau aufgehängt sind und die Wunder ihrer Heilkraft dem christlichen Volk verkünden, - und du wirst zu den freudigsten Überzeugungen gelangen, dass du in Maria eine ganz vollkommene Blume verehrst.

Papst Klemens XI. brachte oft lange Zeit im Kapuzinerkloster am schönen See von Albano zu, weil in diesem der selige Crispin von Viterbo als Laienbruder lebte und alle durch den Glanz seiner Heiligkeit erbaute und erfreute. Einmal war der Heilige Vater wieder in dem Kloster und hörte die Messe, als Adriani, einer der päpstlichen Kämmerer, plötzlich von einer furchtbaren Kolik ergriffen wurde und die Kirche verlassen musste. Er begegnete dem Bruder Crispin, der gerührt von seinen heftigen Schmerzen und Leiden, ihn zu seinem Altar führte, eine von den der heiligen Jungfrau dargebrachten Blumen nehmen ließ und ihn von seiner Krankheit für immer befreite. Als der Leibarzt des Papstes von dieser Heilung hörte, sagte er zu Crispin: Deine Heilmittel haben mehr Kraft, als meine. Herr, entgegnete der Selige, Ihr seid ein geschickter Arzt und ganz Rom kennt Euch als solchen, aber die heilige Jungfrau ist noch geschickter als Ihr und alle Ärzte der Welt.

Ja, Du, o Maria, bist eine Blume, schöner als der Himmel, duftender als der Wohlgeruch des Paradieses und heilbringender als jede Arznei! – Nazareth, wo Du geboren, heißt eine Blume, und aus dem Grab, in dem man Deinen Leib vergebens suchte, blühten Blumen empor. So schmückten Blumen Deine Wiege, wie Dein Grab als sinnreiche Mahnung, dass die Christenheit Dich einst als der Blumen Schönste verehren wird. – O möchte ein jeder Christ von seiner Geburt bis zum Tod Dich glühend verehren und oft vom Herzensgrund Dich grüßen: Maria, meine Blume! Amen.