31. Maiandacht - Maria, mein Alles

 

Nun stehen wir am Schluss unserer lieben Maiandacht und sehen mit wehmutsvollen Blicken auf die schönen Tage zurück, die wir vor dem blumengeschmückten und lichtumstrahlten Marienbild betend und singend zugebracht haben und die leider nur zu schnell vergangen sind. Doch, liebe Christen, wir wollen die Wehmut dieser Stunde durch den höchsten Grad dankbarer Liebe überwinden, wir wollen die Andacht zu Maria in uns zu einer Flamme anfachen, deren Glut uns das ganze Jahr erwärmt und unvergesslich bleibt.

Wenn die Sonne untergeht, hinabsinkt und vor unseren Augen verschwindet, wenn die Erde noch glänzt und die letzten Strahlen der Sonne purpurn sie verklären, da flammt sie, ehe sie gänzlich schwindet, noch einmal empor, nimmt gleichsam all ihre Strahlen zusammen, blitzt auf in einem Flammenmeer, in einem Glutenstrom, in einem Feuerball und – geht unter! – Gleich der irdischen Sonne wollen wir, bevor wir diese heilige Stätte verlassen, alle Strahlen der Huld und Liebe Mariens zusammenfassen und noch einmal vereinigt beschauen. Was die heiligen Väter Herrliches von Maria gesagt, was das eigene Herz lobend und dankend von ihr spricht, was die ganze Welt Wunderbares von ihr verkündet, das spreche unser letzter Gruß aus: Maria, mein Alles!

Als jener berühmte Maler Carlo Dolce, der seinen Pinsel der heiligen Jungfrau geweiht hatte, wieder einmal nach seiner Vaterstadt Siena kam, begab er sich mit seinen Freunden auf den Friedhof. Dort blieb er vor einem Grab stehen und weinte bitterlich. Als ihn seine Gefährten, erschüttert von seinem Schmerz, fragten, wer denn in dieser Gruft ruhe, antwortete er: Mein Alles! – Es war das Grab seiner Mutter! – Ihm war seine irdische Mutter Alles und uns, liebe Christen, ist Maria Alles, weil sie unsere himmlische Mutter ist; und wohlgemerkt Maria bleibt uns Alles, weil sie nie stirbt und ihre Mutterliebe keine Trennung kennt und kein Grab.

Der fromme Ludwig von Granada schreibt: Wünschst du Alles, was wir über die brüderliche Liebe gelehrt haben, in einen einzigen Satz zusammenzufassen, so bestrebe dich gegen deinen Nächsten ein Mutterherz zu haben und du wirst Alles in seinem ganzen Umfang erfüllen, was über die Liebe gesagt worden ist. Alle Eigenschaften, Arten und Wirkungen der Liebe also sind in einer Mutter vereint, weshalb der heilige Stanislaus Kostka auf die wiederholte Frage, warum er Maria so sehr liebe, stets dieselbe Antwort gab: Sie ist ja meine Mutter! Und ebendeshalb mein Alles!

Eine gute Mutter ist unser Alles, darum haben Kinder Recht, wenn sie zu ihrer lebenden Mutter sagen: Du bist mein Alles, und über dem Grab der Verstorbenen weinend ausrufen: Ich habe mein Alles verloren. Maria aber ist nicht bloß die beste Mutter, sondern auch unsere Mutter, die gleich dem heiligen Paulus uns allen Alles geworden ist. Alles, was wir bedürfen und brauchen, was wir ersehnen und wünschen, was wir bitten und hoffen; Alles, was dem Leibe nötig, was dem Geist zuträglich, was die Seele bedürftig ist: Alles, Ruhe und Reichtum, Trost, Liebe und Leben, Alles, Alles!

Siehst du das Kind, das erschöpft vom Spielen oder müde vom Weinen, sanft einschläft auf seiner Mutter Schoß; wie es die Ärmchen um ihre Brust geschlungen so friedlich schlummert und so süß träumt! Ein natürlicher Zug seines Herzens zieht es hin zur Mutter, eine innere Stimme sagt ihm, dort findest du Ruhe! – Seitdem das Kindlein von Bethlehem ruhte auf Mariens Schoß; seitdem der Leichnam Jesu ruhte in dem Schoß der heiligen Jungfrau, gibt es auch für den Christen keine bessere Ruhestätte im Leben und im Tod, als Mariens Mutterschoß. Wie oft sind wir müde von dem ernsten Spiel des Lebens, wie oft ist unser Auge rot verweint von den Sorgen und Kümmernissen dieser Erde, wo werden wir Ruhe finden? – Bei Maria, sagt Thomas von Kempis, die unsere müden Glieder stärkt und die bittersten Tränen trocknet, weil sie uns Alles geworden ist!

Als der berühmte Seefahrer Harrington Schiffbruch litt und sein ganzes Vermögen, all sein Hab und Gut mit dem Schiff zu Grunde ging, rief er dennoch aus: Ich habe Alles gerettet! Warum? – Er hatte seine Mutter gerettet und kam mit ihr glücklich ans Ufer. Seine Mutter war sein ganzer Reichtum, wenn er auch an zeitlichen Gütern arm wie ein Bettler geworden! – Wenn der heilige Bernhard sagt: Maria ist unser größter Schatz, so sind wir reich, wenn wir auch dürftig sind, so haben wir Alles, wenn wir auch nichts besitzen. Bei mir sind Reichtümer und überschwängliche Güter und ich bereichere die, die mich lieben, heißt es in der heiligen Schrift von Maria. Sie ist die Schatzmeisterin aller Gnaden, sagt der heilige Johannes Damaszenus, alle Schätze der Barmherzigkeit Gottes sind in ihren Händen und sie allein ist auserwählt worden, die Schlüssel zu denselben zu verwahren und sie unter den Menschen nach ihrem Gutdünken auszuteilen. Wenn du also, lieber Christ, aus dem Schiffbruch dieses Lebens einzig nur die Liebe zu Maria gerettet hast, so hast du Alles gerettet, wenn du auch Alles verloren hast, einen Reichtum an Gnaden, Hoffnungen und Seligkeit dir bewahrt, der alle irdischen Schätze, auch die unermesslichen eines Krösus, unendlich übertrifft.

Wie ihr göttlicher Sohn ruft auch Maria: Kommt zu mir alle, die ihr mühselig seid und beladen, ich will euch erquicken; denn aus meinem Herzen fließt ein Quell des Trostes, der nie versiegt. Es liegt schon in der Natur, dass Kinder immer zur Mutter fliehen, wenn sie betrübt sind und wenn ein Schmerz ihre Seele beschwert; noch mehr aber drängt uns der Glaube zu jenem heiligen Mutterherzen hin, welches von Gott die Bestimmung erhielt, die Trösterin der Betrübten zu sein. Darum musste sie auf Erden die Schule der Leiden durchmachen bis zum Lebensende, darum versenkte sie der Herr ins tiefste Meer der Schmerzen, damit sie aus eigener Erfahrung jedes irdische Weh kennen lerne und vom Himmel herab eine liebende Mutter aller Leidenden sei. Die Tränen Mariens versiegen die unsrigen, sagt der heilige Thomas von Villanova, und die Seufzer Mariens hemmen die unsrigen. Lass nur fließen, heilige Jungfrau, den Strom deiner Zähren, ruft der heilige Bonaventura aus, als er die Schmerzen Mariens unter dem Kreuz betrachtete, denn je reichlicher dieser Strom sich ergießt, desto kräftiger wird dein Trost für die leidende Menschheit. Wisst ihr, liebe Christen, fragt der heilige Germanus, warum Maria der Welt Alles geworden ist? Weil sie der Trost aller Betrübten ist, und wer auf der Welt war noch nie betrübt? – Wenn man einen wahrhaft guten Menschen kennen lernen will, dann darf man nur sehen, zu wem die Armen und Dürftigen Vertrauen haben. Dann hast du, Maria, das beste Mutterherz, weil es stets von Leidenden, Betrübten, Traurigen und Kummervollen umrungen ist, die alle zu dir fliehen und denen du Alles bist! Hat geholfen, tönt es aus tausend dankbaren Herzen, hat geholfen, kannst du auf tausend und tausend Bilden an ihren Gnadenorten lesen und wenn jede Träne, die Maria getrocknet und jeder Schmerz, den Maria gestillt, zum Stein würde, um damit der Trösterin der Betrübten ein Heiligtum zu erbauen, so würde dies ein Tempel werden, dessen Zinnen in die Wolken ragten und dessen Türme die Sterne berührten. – Eine Mutter begleitete mit ihrem halbjährigen, todkranken Kind den Wallfahrerzug der Erzbruderschaft des heiligen Rosenkranzes von Wien nach Mariataferl. Aber ihr Gebet um Genesung ihres Kindes fand keine Erhörung. Das Kind verschied in ihren Armen. Grenzenlos war ihr Herzeleid. Vergebens versuchte sie der Wallfahrtspriester zu trösten. Nun setzte sie sich mit ihrem toten Kind im Schoß auf einen Seitenstuhl im Angesicht des Gnadenbildes und rief voll Vertrauen: Mein Kind muss ich wieder haben, mein Kind muss ich wieder nach Hause bringen; die schmerzhafte Muttergottes wird meine Bitte nicht unerhört lassen, meine Tränen ansehen und mich nicht ungetröstet scheiden lassen. Dies wiederholte die arme Mutter, ehe der Zug abgeht, so oft und so jammervoll, dass alle, die sie sahen, in Tränen zerflossen vor Mitleid und ihr Gebet mit dem Gebet der trostlosen Mutter vereinigten. Plötzlich wurde die unglückliche Mutter innerlich angetrieben, sie nahm das tote Kind und trug es dreimal voll des lebendigsten Vertrauens auf Mariens Macht und Hilfe um die Gnadenkapelle und legte es dann auf den Altar. Und siehe, als der Wallfahrtszug abgehen will und der letzte Segen mit dem Allerheiligsten gegeben wird, schreit das Kind laut nach seiner Mutter. Alles erstaunt, alles jubelt, alles preist die Liebe und Macht der Himmelskönigin Maria!

Das menschliche Herz ist zum Lieben erschaffen. Liebe ist sein Bedürfnis; wohl ihm, wenn ein reiner und edler Gegenstand seine Sehnsucht erfüllt; tausendmal glücklich aber das Herz, das Maria zum Gegenstand seiner Liebe macht! Während jede irdische Liebe das Herz unbefriedigt lässt, erfüllt es die Liebe zu Maria ganz und vollkommen, weil die heilige Jungfrau auch in dieser Hinsicht uns Alles ist. So sehr hat Maria die Welt geliebt, dass sie ihres eingeborenen Sohnes nicht geschont, sondern ihn hingegeben hat für das Leben der Welt. Wer dies betrachtet, der wird den Ausspruch des heiligen Alphonsus bestätigen: Weil nie ein Geschöpf gelebt hat, noch leben wird, das Gott mehr geliebt hätte, als Maria, so hat es auch nie jemanden gegeben und wird nie jemanden geben, der die Menschen mehr geliebt hätte als Maria! – Wer, o gebenedeite Frau, könnte je den Umfang, die Größe, die Erhabenheit, die Tiefe deiner Liebe bemessen? Ihren Umfang: sie kommt allen denen zu Hilfe, welche sie anrufen; ihre Größe: sie erfüllt das Weltall; ihre Erhabenheit: sie reicht bis in die Stadt Gottes; ihre Tiefe: sie steigt zu denen herab, die im Finstern schlummern und ruft sie zum Licht zurück. Deshalb erschloss sich das Herz des gottseligen Bruders Paul Granger schon als Kind der Liebe der gebenedeiten Mutter des Herrn. Du liebst mich recht innig, sagte er einst zu seiner Mutter; doch eine andere Mutter habe ich im Himmel, die mich noch mehr liebt, als du.

Die heilige Kirche wendet auf Maria die Schriftstelle an: Wer mich findet, findet das Leben, und lässt uns im Salve Regina zu Maria beten: Du unser Leben, unsere Süßigkeit und Hoffnung sei gegrüßt! Darauf gründet sich der Ausspruch des seligen Amadeus: Maria, du bist mein Leben! Es ist dies der Ausdruck der höchsten Liebe, die den Geliebten wie ihr eigenes Leben liebt und sein Leben als den Grund des ihrigen betrachtet, so dass sie ohne ihn sterben müsste. Die Seele ist das eigentliche Leben im Menschen und die Gnade ist das Leben der Seele; da wir aber ohne Maria keine Gnade empfangen, so hat der selige Heinrich Suso recht: Mit Maria das Leben, ohne sie der Tod!

O Maria, du meine Ruhe und mein Reichtum, du mein Trost, meine Liebe und mein Leben, mit einem Wort du meine Mutter, denn damit habe ich gesagt, dass du mein Alles bist! Zum letzten Mal im schönen Mai knie ich vor deinem Bild mit einer großen Schar deiner Kinder, die heute alle mit mir es schmerzlich fühlen, dass unsere Sprache viel zu arm ist, um dich zu loben, unsere Herzen viel zu kalt sind, um dich zu lieben, unser Verstand viel zu schwach ist, um deine Herrlichkeit zu erfassen! – Was wir auch immer zu deinem Preis und Ruhm in diesem Monat gesagt und getan, ach, wie wenig ist es gegen die Unendlichkeit deiner Mutterliebe und Majestät! – Doch wie dein göttlicher Sohn die zwei Pfennige der armen Witwe lobte und segnete, so wirst auch du, seine heilige Mutter, die schwachen Blüten unserer Liebe, die geringen Gaben unseres Dankes huldvoll ansehen und dadurch segnen, dass du uns von Gott die Gnade erbittest, alle guten Vorsätze, die wir in der diesjährigen Maiandacht gefasst, zu halten und beharrlich auszuführen. – Und nun, o heilige Jungfrau, sei noch einmal gegrüßt, mit allen jenen 31 Grüßen, die wir nach der frommen Weise unserer heiligen Väter und nach dem Drang unserer liebenden Herzen dir in diesem Maimonat zugerufen haben, und ihr heiligen Engel, wir bitten euch, reiht sie wie Perlen und Edelsteine aneinander zu einer Krone für die Himmelskönigin, von armen Menschenkindern ihr fromm geweiht, von Kindern ihrer Mutter, ihrer besten Mutter, die nach Gott ihr Ein und Alles ist und bleiben möge in alle Ewigkeit! Amen.