30. Maiandacht - Maria, mein Himmel


Auf dem mit Asche bestreuten Boden liegend, erwartete der heilige Martin, Bischof von Tours, die Augen und Hände zum Himmel erhoben, betend seine Auflösung. Als die Priester, die sich um ihn versammelt hatten, ihn baten, es zu gestatten, dass man ihn ein wenig auf die Seite lege, sagte er: Lasst mich doch lieber den Himmel anschauen, als die Erde!

Auch wir, liebe Christen, wollen dem Beispiel des heiligen Martin folgen und unsere Augen wegwenden und unsere Herzen losreißen von der Erde und hinrichten auf den Himmel; aber auf jenen geistigen Himmel, durch den wir am sichersten in den wirklichen Himmel kommen, auf Maria, von der der heilige Chrysostomus sagt: Sei gegrüßt du Himmel, in dem der Herr sich seinen Thron bereitet hat. Der ewige Vater schickte seinen Gesandten Gabriel mit dem Befehl an Maria ab: Gehe zu dem anderen Himmel, der auf Erden ist!

Der Himmel ist der Inbegriff aller Freude, Wonne und Seligkeit; ist der Ort, der jede Sehnsucht stillt und nichts zu wünschen übrig lässt, weshalb es auch schon hienieden für den höchstmöglichen Ausdruck der Liebe gilt zu sagen: Du bist mein Himmel! Wenn daher Maria ganz unser Herz erfüllt, wenn sie nach Gott der einzige Gegenstand unserer heißesten Liebe ist, so wird es uns drängen, sie zu begrüßen: Maria, mein Himmel, und zwar umso mehr, als wir in ihr wirklich alles finden, was der Himmel verleiht, als sie den Himmel zum Himmel macht!

In diesem Weltall hat Gottes Wunderhand sich vier Wohnungen zubereitet: Die Bundeslade, den Tempel, die Erde und den Himmel; die Bundeslade als den Sitz seiner Barmherzigkeit; den Tempel als den Palast seiner Heiligkeit; die Erde als den Schauplatz seiner Allmacht und den Himmel als den Thron seiner Gerechtigkeit. Diese Wunderwerke wiederholen sich in der heiligen Jungfrau. In Maria ist, wie in der Bundeslade Aarons wunderbarer Stab zu schauen, aber jener, der nie in eine Schlange verwandelt worden; in ihr sind die Gesetzestafeln des Mose zu lesen, aber jene, die nie an einen Fels zerschellten; in ihr wird das Manna aufbewahrt, aber jenes, das die Verwesung nicht berührte. – In der seligsten Jungfrau erhebt sich wie im Tempel das heilige Gezelt des Allerhöchsten, aber ohne das Pochen des höllischen Hammers; in ihr wohnt der Herr, aber ohne die Nebelhülle; in ihr opfert der Hohepriester, aber der Unbefleckte. In dir, o Gottesbraut, erblüht wie auf der Erde das Paradies, aber ohne die Schlange und ohne die Bosheit der Sünde; in dir wandelt die Gottheit, aber ohne Rache; in dir sprudeln die Quellen, aber jene der Gnaden! – An dir flimmern, wie am Himmel die Sterne, aber unwandelbare; an dir leuchtet der Mond, aber zu deinen Füßen und keiner Verfinsterung unterworfen; an dir strahlt die Sonne, aber ohne Flecken! – Darum nennt dich der heilige Rupert das himmlische Paradies; darum heißt dich der heilige Gregor von Nyssa den Himmel der Seligkeit; darum begrüßt dich der heilige Hieronymus als den Himmel der Liebe! – Wenn der heilige Bernhard den Ausspruch tut: Auf wen du blickst, o Maria, der wird gerettet und von wem du deine Augen abwendest, der geht zu Grunde, können wir da nicht zu dir, o heilige Jungfrau, sagen: Ein ganzer Himmel liegt in deinen Augen? – Wenn die heiligen Väter glauben, dass an der Bekehrung des rechten Schächers, dem der Herr noch im Todesaugenblick das Paradies versprochen, die Nähe Mariens Schuld war, können wir da nicht zu dir sagen: Bei dir sein ist so viel, als im Himmel sein?

Es ist gerade als ob die Heiligen für Maria kein treffenderes Bild, keinen passenderen Vergleich fänden, als den Himmel, weil sie denselben in ihren Schriften und Aussprüchen fast so oft gebrauchen, als sie von der allerseligsten Jungfrau Erwähnung tun. Den einen ist sie eine Himmelsblume, den anderen eine Himmelsleiter. Der heilige Augustin sagt: Maria ist ein Himmelsfenster geworden, weil durch sie das wahre Licht der Welt eingegossen wird, durch sie Gott auf die Erde herabstieg und durch sie die Menschen würdig gemacht worden, in den Himmel zu steigen. -–Nachdem die Apostel auf dem Berg Tabor der Verklärung Christi beigewohnt, fühlten sie dort schon ihr Herz von Sehnsucht nach dem Himmel durchdrungen, dass sie nimmer zur Erde niedersteigen wollten; und als erst Jesus Christus wirklich vor ihren Augen auf dem Ölberg sich in den Himmel erhoben, sahen sie ihm lange nach und ihr Herz wäre gewiss vor Heimweh nach dem Himmel gestorben, wenn nicht, wie der heilige Vinzenz Ferrerius so schön sagt, ein anderer Himmel auf Erden bei ihnen geblieben wäre, die allerseligste Jungfrau Maria. – Nur dieser Himmel vermochte das Herz des Liebesjüngers Johannes zu beruhigen und zu trösten, nachdem er in den Himmel verzückt die Wunder seiner Herrlichkeit geschaut hatte.

Worin besteht der Himmel? Im Genuss und Besitz Gottes, in der Gesellschaft der Engel und Heiligen. Es ist aber eine unleugbare Tatsache, dass wir durch Maria zu Jesus kommen und dass wir uns an Maria wenden müssen, wenn wir den Herrn besitzen und genießen wollen. Nie komme ich allein zu dir, sprach Maria zur heiligen Brigitta, wie ich auf Erden nie ohne Jesus war, so bin ich auch jetzt nie ohne ihn. Wir sind beisammen, wenn du zu mir flehst und meine Liebe betrachtest, gerade so, wie du, wenn du kommunizierst, mit dem Fleisch und Blut Jesu Christi, auch mein Fleisch und Blut genießt, das er von mir empfangen hat. – Da ferner Maria die Königin der Engel und Heiligen ist und die Untertanen stets bei ihrem Oberhaupt sind, so bewegst du dich im Dienst Mariens immer in der Gesellschaft der himmlischen Geister und Auserwählten Gottes.

Worin besteht der Himmel? In Freuden ohne Schmerz und in einer Seligkeit ohne Ende. Dann, heilige Jungfrau, bist du mein Himmel auf Erden; denn wer dich von Herzen liebt und dir aufrichtig und wahrhaft dient, der empfindet deutlich, dass dein Umgang nichts Bitteres und deine Gesellschaft nichts Widriges hat, dass ein Tag zugebracht in deinen Vorhöfen, zu Füßen deiner Altäre und heiligen Bilder, besser und süßer sei, als tausend andere; der fühlt wahrhaft mit dem heiligen Alphonsus, dass es keinen größeren Trost, keine süßere Freude, keinen seligeren Genuss geben kann, als zu dir seine Zuflucht zu nehmen und sich ganz in dein erbarmungsreiches Herz zu versenken. Da schwinden die Stunden wie Augenblicke, da fallen die Nebel vergänglicher Liebe, da zerreißen die Schleier irdischer Sorgen, da geht eine Sonne im Herzen auf, die tageshell es erleuchtet und liebeswarm es durchglüht. – In der heiligen Schrift heißt es vom Himmel: Dort wird kein Kummer und keine Sorge mehr sein und jede Träne von den Augen getrocknet werden. Wer aber weiß noch von Kummer zu sagen, der zu Maria, der Trösterin aller Betrübten, sich flüchtet? – Ist nicht sie die barmherzige Samaritanin, die in die verwundete Seele den Wein der Liebe und das Öl der Barmherzigkeit gießt? – Da flieht die Sorge und weicht der Kummer, da flieht und verschwindet ein jeglicher Schmerz und immer wird die Klage da stummer, fliehst du zu Mariens Mutterherz! – Eher kannst du die Sterne des Himmels zählen, sagt der heilige Ignatius, als die Tränen, die Maria schon getrocknet, denn noch niemand hat der heiligen Jungfrau seine Tränen umsonst geweint. – In der heiligen Schrift heißt es vom Himmel: Dort wird kein Tod mehr sein, denn alles Frühere ist vergangen. Wer mich findet, heißt es von Maria, der findet das Leben! Wer immer, und wäre es auch der größte Sünder, vertrauensvoll zu ihr zurückkehrt und seine Sünden aufrichtig bereut, der findet durch sie das Leben; wer immer in der Liebe und Andacht zu Maria treu und beharrlich bleibt, für den wird kein Tod der Seele mehr sein und seine früheren Sünden werden ihm durch die Fürbitte Mariens hinweggenommen! – Die Seligkeit des Himmels dauert ewig und auch die Liebe unseres marianischen Himmels nimmt kein Ende. Ihre Liebe begleitet uns von der Wiege bis zum Grab; kein Undank und Misstrauen, keine Kälte und Gleichgültigkeit, nichts ist im Stande, sie aufhören zu machen. Himmel und Erde werden eher vergehen, als Maria eine Seele verlässt, ruft der selige Heinrich Suso; weshalb Maria ewig lieben so viel heißt, als ewig selig sein! – Aus diesem Grund kann ich dich, o heilige Jungfrau, mit dem Himmel vergleichen. In der Tat bist du ja nichts anderes als die Wohnung Gottes. Lieblich fällt das funkelnde Siebengestirn am Himmel in unser Auge, aber du strahlst herrlicher in den sieben Gaben des heiligen Geistes. Der Himmel hat Sterne ohne Ende, du, o Maria, Tugenden ohne Zahl! Der Himmel bewegt sich in wunderbarer Weise, du schreitest immer höher, ohne jemals fehl zu gehen. Dort wohnt Gott und seine Heiligen, dich Maria, verehren diese sogar!

Abgenommen hat Maria dem Himmel die Sonne, um sich darein zu hüllen; den Mond, um ihn als Schemel ihrer Füße zu gebrauchen; die Sterne, um ihr Haupt damit zu krönen; sie geht nicht in den Himmel ein, sie trägt ihn um sich wie einen Schmuck, nein, sie selbst ist ein Himmel, die Wohnung Gottes, der Aufenthalt der Engel, das Paradies der Heiligen, der Ort ewiger Freude und Seligkeit!

Als die ehrwürdige Maria Klotildis, Königin von Sardinien, auf dem Sterbebett lag, brachte ihr der Beichtvater die heiß erwartete Nachricht, dass der König ihr Gemahl, endlich nach langem Kampf sich in Gottes Willen ergeben habe, der sie von dieser Welt abrief. Da sprach sie: O welche Freude, mein Vater! Nun, da ich dies weiß, habe ich nichts mehr zu verlangen, als das Paradies! – So, liebe Christen, sollen auch wir sprechen: Nun da ich weiß, dass Maria mein Himmel ist, habe ich kein anderes Verlangen mehr als nach diesem Himmel. Ihr zu dienen sei mein einziges Sehnen, ihr wohlzugefallen, sie nachzuahmen mein einziges Streben, ihre Liebe, Huld und Gnade mein einziger Wunsch! Zwei Dinge sollen mich dazu begeistern. Je größer deine Sehnsucht nach dem Himmel ist, sagt die heilige Theresia, desto sicherer erreichst du ihn. Maria wird also desto eher mein Himmel, je mehr ich mich danach sehne und verlange. Dann spricht der heilige Laurentius Justiniani: Wenn du auf Erden nicht ohne Maria sein kannst, will sie auch im Himmel nicht ohne dich sein! Die Liebe zu Maria ist also das sicherste Mittel, selig zu werden und in den Himmel zu kommen. Welch heißes Verlangen, welch beständige Sehnsucht nach Maria soll daher aus diesen Gründen unsere Brust durchglühen; wie oft sollen wir im Leben nach diesem Himmel seufzen und im Tod jenem gottseligen Jüngling Alexander Bertius aus Florenz gleichen! Er lag auf dem Sterbebett und je näher er dem Himmel kam, desto größer schien die Wonne seines Herzens zu werden. Als die glühende Abendröte noch einmal sein Marienbild beleuchtete, erhob er mit aller Anstrengung seinen geschwächten Leib, setzte sich auf und nachdem er lange geschwiegen, rief er: Zum Himmel, zum Himmel! Amen.