3. Maiandacht - Maria, meine Sonne


Nicht umsonst wird die Sonne das Herz des Himmels genannt, denn wie vom Herzen aus alle Lebenspulse strömen und sich im ganzen Körper verteilen, so geht auch von der Sonne alles Leben für die Natur aus und die ganze Erde empfängt von ihr Wachstum und Gedeihen. Ebenso tief gedacht, als wahr empfunden ist es daher, wenn die heilige Kirche Maria mit der Sonne vergleicht und die Worte des Hohen Liedes: „Du bist auserwählt wie die Sonne“, auf die Himmelskönigin bezieht.

Gleichwie die erste Himmelssphäre durch ihre Bewegung macht, dass alle anderen Himmelssphären sich bewegen, so bewirkt auch Maria, wenn sie für jemanden bittet, dass der ganze Himmel mit ihr Gott bittet. Ist sie daher nicht recht eigentlich das Herz des Himmels? - -

Siehe, es steigt die Sonne herauf, ganz allein und ohne jede Begleitung; und nun erhellt sich der Luftraum, die Erde öffnet ihren Mutterschoß, die Edelsteine erhalten ihren Glanz, die ganze Schöpfung ersteht wie neugeboren. Ihr erfasst ohne Zweifel, liebe Christen, was ich mit diesem Bild sagen will! Mögen gleichwohl die Heiligen gleich Sternen geleuchtet haben, Maria allein ist „auserkoren wie die Sonne“, bei ihrem Aufgang erbleichen und verschwinden die flimmernden Sterne. Sie ist daher die erste im Himmel, wie die Sonne das erste Gestirn am Himmel ist.

Wer aber hat sie dazu gemacht? – Der Herr. In der geheimen Offenbarung sah der heilige Johannes eine Frau, mit der Sonne bekleidet. Das ist Maria, die Gott mit der Sonne bekleidete, mit all der Schönheit und dem Glanz der Sonne, mit all den Eigenschaften und Wirkungen der Sonne. Ein schönes Bild dieser Wahrheit gibt uns Judith. Sie war überaus schön von Angesicht, sagt die Heilige Schrift, und sie erhöhte ihre Reize noch durch festliche Kleider, Schmuck und Kleinodien. Die allerseligste Jungfrau war von Natur aus das schönste Wesen, das je aus der schaffenden Hand der göttlichen Allmacht hervorgegangen ist. Diese natürliche Schönheit erhöhte sie aber noch durch den Schmuck der Heiligkeit und jeglicher Tugend. Wie aber die Heilige Schrift von Judith noch weiter sagt: Zu ihrer Schönheit verlieh ihr der Herr einen Glanz und vermehrte ihre Schönheit so, dass sie allen Augen in unvergleichlicher Zierde erschien, so gab auch Gott der heiligen Jungfrau noch einen Sonnenglanz, eine wunderbare Macht, eine überirdische Hoheit, die im Strahlenlicht der Welt sich zeigt und sich in erbarmender Liebe gegen die Menschen durch die drei Eigenschaften der Sonne offenbart, sie erhellt, erwärmt und zeitigt die christliche Seele, wie jene die Natur.

Auf den ersten Blick erkennen wir in diesen drei Wirkungen den innerlichen Gang der Rückkehr zu Gott, und weil Maria vorzüglich berufen ist, die armen Sünder heimzuführen ins Vaterhaus, so ist nichts natürlicher und gerechter, als sie mit der Sonne zu vergleichen.

Wenn die Sonne sich erhebt am Himmel, wenn sie heraussteigt aus dem Meer, wie ein glühender Feuerball, wenn ihre ersten Strahlen die Gipfel der Berge röten wie mit blühenden Rosen und dann vergolden, da weicht die Nacht, da flieht die Dämmerung, da zerreißen die Nebel und alles wird hell ringsum, licht und klar. – Der erste Schritt zur Besserung, sagt der heilige Thomas, ist die Selbsterkenntnis. Wenn der Sünder anfängt, sein Elend einzusehen, wenn er erkennt, wie tief er gefallen, wie weit er gekommen, wie unglücklich er geworden ist, wenn sein Verstand zu erfassen beginnt den Verlust der Gnade und die schrecklichen Folgen der Sünde, - - dann wird es in seinem Innern immer heller und heller, immer lichter und lichter und wer vertreibt diese Nacht? – Du, o himmlische Sonne, du, Maria, mit den Strahlen deiner Huld und Liebe, deiner Barmherzigkeit; denn dein Gebet macht hell die Nacht, ruft der heilige Bernhard, und deine Macht vertreibt die Finsternis! – Der Verstand des Sünders wird licht, die dunklen Leidenschaften, die unheimlichen Wünsche, die finsteren Gewohnheiten verschwinden, die Nebel der Verblendung fallen, die Dämmerung des Misstrauens auf Gottes Barmherzigkeit entflieht und der Sünder ist durch das Sonnenlicht der Fürbitte Mariens an dem Punkt angelangt, an dem er mit dem verlorenen Sohn im Evangelium spricht: Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater heimkehren.

Die Nacht hat mit seltenen Ausnahmen immer etwas Kaltes, besonders in den Morgenstunden. Diese Kälte vertreibt die Sonne, denn wenn sie erscheint, wird es warm und diese Wärme steigert sich bis zur Glut. – Je tiefer der Mensch gesunken ist und je länger er im Sündenzustand dahinlebt, desto kälter wird sein Herz. Dasselbe umzieht dann gleichsam eine Rinde von Eis, es erstarrt bis zu einer solchen Unempfindlichkeit, dass weder die Drohungen des Vaters noch die Tränen der Mutter, weder die Trauer der Geschwister noch die Bitte eines Freundes, noch die Ermahnungen eines Seelsorgers, dass kein Unglück, keine Schande, kein Elend mehr einen Eindruck auf das Herz des Sünders machen. – Nur eine vermag diese Eisrinde zu schmelzen, jene, von der es in der Heiligen Schrift heißt, dass niemand sich verbergen kann vor ihrer Hitze; Maria, die Sonne der Barmherzigkeit, ist allein im Stande, das kalte Herz zu erwärmen. Sie ruft in dem Sünder wieder wach das Heimweh nach einem besseren Leben, sie facht den letzten Funken von Gottesliebe, der noch unter der Asche glimmt, zur Flamme an, sie erwirbt ihm von Gott den Schmerz einer gedemütigten und zerknirschten Seele, und gleichwie beim Aufgang der Sonne die Tauperlen an den Gräsern zittern und funkeln, so schmilzt die Sonnenglut ihrer Mutterliebe das kalte Herz des Sünders und löst es auf in Tränen der aufrichtigsten und bittersten Reue. Es wiederholt sich, was die Heilige Schrift von Petrus sagt: Und er ging hinaus und weinte bitterlich.

Die dritte Eigenschaft der Sonne ist, dass sie Wachstum verleiht, Gedeihen bringt und alle Früchte zeitigt. In geistiger Hinsicht versinnbildet diese Wirkung die Stärkung des Willens, so dass sich der Sünder aufmacht, sein Gewissen zu reinigen, sich entschließt, allen angerichteten Schaden, jedes Ärgernis wieder gut zu machen, sich fest vornimmt die Gewohnheiten abzulegen, alle Mittel, um im Guten beharrlich zu bleiben, gewissenhaft anzuwenden, mit einem Wort, würdige Früchte der Buße zu bringen. – Und auch das ist das Werk derjenigen, durch deren Hand uns alle Gnaden zukommen, also auch die Gnade der Bekehrung; auch das ist die Gnadenwirkung der himmlischen Sonne Maria. An sie wandte sich Augustinus, als sein Verstand den Irrtum erkannte und sein Herz die Sünde bereute, im heißen Gebet um die Kraft, die Fesseln der Leidenschaften für immer zu brechen. Und Maria stärkte seinen Willen so, dass er nie mehr abwich von der Tugend und nun die Krone der Heiligkeit sein Haupt umglänzt.

Zu Venedig, der Königin des Meeres, wurde im Jahr 1481 aus einer altadeligen Familie Hieronymus Aemiliani geboren. Von einer frommen Mutter nur für Gott und den Himmel erzogen, verließ er doch schon als junger Mann von fünfzehn Jahren die Tugendbahn. Er fürchtete Gott nicht mehr, nur vor den Augen der Welt wollte er noch untadelig erscheinen. Er trat in den Kriegsdienst und ergab sich, nachdem auch sein Vater gestorben war, allen Ausschweifungen einer ungezügelten Leidenschaft. Im Krieg war er tapfer, überhaupt ein guter, tüchtiger Soldat, tat sich in vielen Schlachten rühmlich hervor; aber in den Augen Gottes war er ein armer, unglücklicher Sünder. So durchlebte er seine Jugend in allen möglichen Ausschweifungen bis in sein dreißigstes Jahr. – Als im Jahr 1511 die Festung Kastelnuova im Sturm eingenommen wurde, befand er sich gerade darin. Mit Heldenmut kämpfte er an der Spitze seiner Soldaten, doch die Feinde überwältigten ihn. An Händen und Füßen gefesselt, wurde er ins Gefängnis geworfen und hatte jeden Augenblick den Tod zu erwarten. In diesem Elend wachte er auf. Er erinnerte sich mit Wehmut an die Tage seiner Jugend, wo er so oft vor dem Gnadenbild Mariens von Treviso betete. Mit heißem Gebet verlobte er sich dorthin und sein Verstand wurde hell – er erkannte seine Sünden, und sein Herz wurde warm – er weinte bitterlich – wodurch, liebe Christen? – Ein ungewöhnlicher Glanz erleuchtete des Kerkers Dunkel, Maria erschien ihm vom Lichtglanz einer Sonne umflossen, so dass er von den Strahlen geblendet nicht in ihr Antlitz zu schauen vermochte, sie berührte ihn und die Fesseln fielen und sie führte ihn aus dem Gefängnis wunderbar und sicher mitten durch die Feinde bis hin nach Treviso. Dort dankte Hieronymus auf seinen Knien und in Reuetränen zerfließend seiner himmlischen Mutter für die Rettung des Lebens. Nun aber war er wie umgewandelt; bei einer Hungersnot im Jahr 1528 verkaufte er all seine Habe, um die Armen zu speisen; die Kirchen und die Spitäler der Kranken waren von nun an die Orte, wo er die schönsten Werke der Gottseligkeit übte. Sein heiliges Leben beschloss ein ebenso kostbarer Tod. Er verschied am 8. Februar 1537 mit den Worten: Maria, meine Sonne! Amen.