27. Maiandacht - Maria, mein Spiegel


Der allmächtige Gott hat zwei Spiegel gebildet, die an Schönheit, Größe und Klarheit alles übertreffen. Der erste ist der Sohn Gottes, der die menschliche Natur angenommen und den der heilige Laurentius Justiniani einen Spiegel der Vollkommenheit nennt und Salomo im Buch der Weisheit einen makellosen Spiegel der Herrlichkeit Gottes und das Bild seiner Güte. Der andere ist die glorwürdige Mutter Gottes; denn sie selbst hat einst der heiligen Brigitta geoffenbart: Wisse, meine Tochter, dass mein Leib und meine Seele reiner sind als die Sonne und klarer als das schönste Glas eines Spiegels. Wer mich anschaut, sieht in mir die drei Personen der allerheiligsten Dreifaltigkeit, die in mir auf eine unaussprechliche Weise ruhen und mich also mit Gnaden erfüllen, dass deren gesamte Vortrefflichkeit in mir gefunden wird.

Daher nennt auch der heilige Petrus von Alkantara Maria einen Spiegel der Jungfräulichkeit; der heilige Athanasius nennt sie einen Spiegel ohne Makel und die heilige Kirche in der lauretanischen Litanei einen Spiegel der Gerechtigkeit. Wir aber, liebe Christen, die wir heute Maria unter dem Titel: Maria, mein Spiegel anrufen, wollen in denselben blicken und darin die Gottesliebe und Nächstenliebe betrachten, um diese in unserem Leben nachzubilden.

Maria ist ein klarer Spiegel, weil sie ein Hauch der Kraft Gottes ist und ein reiner Ausfluss der Klarheit des allmächtigen Gottes; nichts Unreines trübt ihren Glanz, weil er vom ewigen Licht kommt; und darum kann man nirgends reiner, klarer und deutlicher erschauen, was man sehen will, als in diesem Spiegel der Liebe Gottes und des Nächsten, wie die heilige Magdalena von Pazzis Maria nennt.

Ein Pharisäer fragte einst den Herrn: Meister, welches ist das größte Gebot im Gesetz? Jesus sprach zu ihm: Du sollst den Herrn deinen Gott lieben aus deinem ganzen Herzen und aus deiner ganzen Seele und aus deinem ganzen Gemüt. Dies ist das größte und das erste Gebot. Das andere aber ist diesem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst. – Der heilige Bernhardin von Siena sagt, dass Maria mit der Tugend der göttliche Liebe von Gott so begnadigt und begabt gewesen sei, dass sie dieses evangelische Gebot von der Liebe vollkommen gehalten und erfüllt habe. Sie liebte Gott von ganzem Herzen, über alle zeitliche und vergängliche Dinge dieser Welt; sie liebte ihn von ganzer Seele mehr als Leib und Leben, mehr als ihr eigenes Fleisch und Blut; sie liebte ihn aus ganzem Gemüt mehr als alle himmlischen und geistigen Dinge. Ja sie brannte von solcher Liebe zu Gott, sagt dieser Heilige, dass sie mit David hätte sagen können: Mein Herz ist entflammt vor Liebe; selbst wenn sie schlief, wachte ihr Herz und liebte Gott mehr, vollkommener und verdienstlicher als jeder andere Heilige im wachsten Zustand. Es konnte auch nicht anders sein, da Maria Gott, die wesentliche und unendliche Liebe selbst, in ihrem Schoß empfangen, mit ihrer Menschheit bekleidet, gepflegt und bedient hat.

Der heilige Evangelist Johannes hat beim letzten Abendmahl an der Brust des Herrn geruht. Diese Ruhe des Jüngers schätzt die heilige Kirche so hoch, dass sie diese im Offizium des Heiligen mit folgenden Worten erwähnt: Dies ist jener Johannes, der beim Abendmahl an der Brust des Herrn ruhte; wohl ein seliger Apostel, dem solch erhabene Geheimnisse geoffenbart wurden; den Strom des Evangeliums hat er getrunken aus der Quelle der göttlichen Brust selbst. – Dieser Apostel nun ist so voll der Liebe gewesen, dass er ein glühender Ofen zu sein schien. Was er danach geredet und geschrieben, war nur lauter Liebe. Liest man sein Evangelium, so handelt es von der Liebe; liest man seine Briefe, so handeln sie von der Liebe. Sprach er und predigte er, so waren seine Worte Liebe. Bis in sein höchstes Greisenalter floss sein Mund über von Liebe. – Wenn nun Johannes eine solche Liebe aus dem Herzen Jesu, die kurze Zeit, die ihm darauf zu ruhen vergönnt war, gesogen, welch ein Meer von Liebesgluten muss erst das Herz Mariens durchströmt haben, unter welchem die wesentliche Liebe selbst neun Monate lang geruht hat?

Das Zeichen, woran man erkennt, dass ein Mensch Gott von ganzem Herzen liebe, gibt der untrügliche Mund der ewigen Wahrheit selbst an: Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist´s, der mich liebt. Joh 14,21. Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibt ihr in meiner Liebe, wie auch ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. Joh 15,10. Wenn man nun aus der Haltung der Gebote auf die Liebe schließen kann, so hat Maria Beweise ihrer Liebe genug gegeben, was ihre Antwort hinlänglich bezeigt, die sie dem Erzengel Gabriel gegeben: Siehe, ich bin eine Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort! Sie war dem Willen und den Befehlen der göttlichen Majestät so untergeben und zugetan, dass sie denselben nicht einmal in ihrem ganzen Leben, auch nicht im geringsten, entgegen, sondern allzeit im höchsten, vollkommensten Grad gehorsam war.

Der Herr selbst gibt dem König David das Zeugnis: Ich habe David, den Sohn des Jesse, als einen Mann nach meinem Herzen erfunden, der allen meinen Willen tun wird. Apg 13,22. Welches Lob hätte Gott, dem alle Herzen und Willen am besten bekannt sind, erst Maria geben müssen, der Tochter Jesses, der hochgebenedeiten Mutter seines Sohnes!

Den Berg Olymp hielten die Alten für den höchsten Berg, dessen Gipfel bis über die Wolken reiche, vom steten Sonnenschein erfreut und nie von einem Ungewitter betrübt werde; wenn daher die Wanderer ihren Namen mit dem Finger in den Sand schrieben oder ihren Fuß in denselben drückten, so fanden sie diesen Namen und den Fußtritt nach langen Jahren noch so unversehrt und neu, als wären sie erst gemacht worden. – Maria wird in der heiligen Schrift und von den Vätern oft mit einem Berg verglichen. Ihre Grundfesten sind auf den heiligen Bergen, sagt David, und Jesaja spricht: Und der Berg wird auf dem Gipfel der Berge stehen und sich erheben über alle Hügel. Alle Heiligen nämlich sind ebenfalls lauter Berge gegen uns sündhafte Menschen, aber gegen die Hoheit Mariens verschwinden sie zu Hügeln; wo der höchste Grad ihrer Vollkommenheit ist, da beginnt die erste Stufe der Heiligkeit Mariens. Dieser höchste Berg aber ist vom schönen Wetter der himmlischen Gnade und vom Sonnenschein der göttlichen Liebe so beglückt, dass kein Ungewitter, keine Trübsal, keine Widerwärtigkeit, dass weder eine menschliche, noch teuflische Versuchung sie dahin vermögen konnten, auch nur im Geringsten von dem Willen des Allerhöchsten abzuweichen. Das Gesetz, das Gott selbst mit dem Finger seiner Allmacht in ihre Seele, in ihr Herz, in ihren Willen eingeschrieben hatte, war so unauslöschlich in ihr befestigt, dass der heilige Geist mit Recht von ihr sagen konnte: Viele Wasser vermögen die Liebe nicht auszulöschen. – Willst du wissen, sagt daher der heilige Thomas von Villanova, wie man Gott lieben soll, so schaue in den Spiegel des heiligsten Herzens Maria!

Dieser Spiegel lässt uns aber auch, liebe Christen, hell und klar die Nächstenliebe sehen, die in dem Mutterherzen Mariens für uns wohnt. Wir erblicken darin die kindliche Liebe, wie Maria ihren beiden Eltern Joachim und Anna mit der innigsten Zärtlichkeit ergeben ist und sie verehrt und pflegt bis zu ihrem letzten Atemzug; die eheliche Liebe, wie sie ihrem keuschen Bräutigam Joseph mit heiliger Zärtlichkeit bis zu seinem Tod anhängt; die Freundesliebe, wie sie Johannes und Magdalena, diese beiden Vorbilder der reinen und bußfertigen Seelen, in ihr Herz eingeschlossen hat und ihnen mit Rat und Tat jederzeit zur Seite stand. Wie hell leuchtet ihre Nächstenliebe, als sie eilig über das Gebirge ging, um das Herz ihrer Base Elisabeth mit der frohesten Botschaft zu erfreuen! Wie sonnenklar erschien ihre Nächstenliebe, als sie mit ebenso zarter Schonung, als mütterlicher Besorgtheit den Hochzeitsleuten zu Kana aus ihrer Verlegenheit half! – Wahrlich mit vollem Recht preisen die heiligen Väter einstimmig Maria als das herrlichste Ideal, als das vollkommenste Vorbild der Nächstenliebe! Außer Gott, sagt der heilige Germanus, hat niemand eine größere Liebe zu uns, als Maria, Sie übertrifft an Liebe alle Geschöpfe, spricht der heilige Hieronymus, wie der Himmel die Erde an Seligkeit übertrifft. Wen gibt es wohl, fragt der heilige Bonaventura, über den die Sonne nicht leuchtet, und wer ist, über den das Erbarmen Mariens nicht strahlt?

An einem schönen Frühlingstag im Jahr 1854 bestieg ein junger Offizier vom Generalstab den Berg La Salette. Ein frommer Gedanke war es nicht, der ihn herführte; denn seit langer Zeit war er nur noch dem Namen nach ein Christ. Aber als er durch die Stadt Corps kam, hörte er von der Wallfahrt reden, sah die vielen Pilger vorüberziehen und entschloss sich, gleichfalls hinzugehen. Als der Offizier auf der Hochebene angekommen war, fand er in dieser Einöde durchaus nichts, was ihn irgendwie anziehen konnte und schon schickte er sich an, aus Langeweile wieder den Berg herabzusteigen, als er den Superior der Missionare P. Burnous traf, der uns diese Geschichte erzählt. Wir sprachen eine Zeit lang von gleichgültigen Dingen; endlich fragte ich ihn, ob er die Wunderquelle Mariens schon gesehen? Nein, erwiderte er. O verlassen sie nicht diesen Berg, sagte ich, ohne diesen kleinen Brunnen besucht zu haben. Tun sie mir auch noch den Gefallen, ein Glas von diesem wunderbaren Wasser zu trinken, es hat noch niemanden geschadet, vielen aber sehr wohl bekommen. – Wenn ihnen dies Vergnügen machen kann, so will ich es tun, antwortete der junge Mann und verabschiedete sich. Ich dachte schon gar nicht mehr daran, als mir gegen Abend jemand meldete: Ein Stabsoffizier, der seit diesem Morgen wider seinen Willen auf dem Berg zurückgehalten werde, wo er nur eine Stunde hat bleiben wollen, liege in Tränen zerflossen auf den Knien vor dem Bild der Muttergottes und verlange, von der Gnade besiegt, dass ich ihn Beicht hören sollte. Man kann sich denken, welche Freude mein Herz überströmte und welche Antwort ich gab, als ich diesen armen, verlorenen Sohn bei mir eintreten sah. Mein Vater, sagte er, sie sehen einen großen Sünder vor sich. Ach, wie schwer ist die Last, die mich drückt, ich muss sie ablegen; denn jenes Glas Wasser, das ich an der Quelle getrunken, hat mein ganzes Wesen umgewandelt und ich habe keine Ruhe mehr, bis ich Frieden mit Gott geschlossen habe! Die demütigste, von den aufrichtigsten Reuetränen begleitete Beicht beschloss diesen herrlichen Tag. Am folgenden Morgen sah ich meinen jungen Stabsoffizier, auf dessen Brust das Ehrenkreuz glänzte, am heiligen Tisch knien und Liebestränen flossen über seine Wangen herab, als meine vor Rührung zitternden Hände den Leib des Herrn auf seine Zunge legten. Einige Stunden später reiste er ab, das Herz voll Frieden und Dankbarkeit. Seine Bekehrung war ebenso dauerhaft, als sie aufrichtig gewesen. Zu tapfer, um menschliche Rücksichten zu scheuen, bekannte er sie ohne Furcht, als er bei seinem Regiment ankam, dessen Apostel er wurde.

Aus diesem Beispiel sehen wir wieder glänzend die Nächstenliebe Mariens, die sich dieser unglücklichen Seele erbarmt und liebend sie wieder zu Gott zurückgeführt hat. Blicken wir daher recht oft, liebe Christen, in das hochheilige Mutterherz Mariens, um aus diesem Spiegel Gott und den Nächsten lieben zu lernen! Amen.