26. Maiandacht - Maria, meine Freude


So oft ich an Maria denke, sagt der heilige Bernhard, so empfinde ich eine Freude, die alle irdischen Freuden weit übertrifft und alle Schmerzen der Erde versüßt. Es gibt daher, liebe Christen, kein besseres Mittel, den Trübsinn zu verscheuchen und die Traurigkeit zu verbannen, als die Erinnerung an Maria, die die Kirche in der lauretanischen Litanei die Ursache unserer Freude nennt und der heilige Johannes Damaszenus ein unerschöpfliches Meer der Freuden heißt. In der heiligen Schrift steht geschrieben, dass Gott einen fröhlichen Geber liebt; da aber das Leben der heiligen Jungfrau auf Erden nichts anderes war, als eine einzig große Hingabe an Gott, ein unwiderrufliches Geschenk für den Herrn, ein beständiges Opferleben, so können wir nicht mehr zweifeln, dass Maria stets heiter und froh gewesen, weil sie als die getreueste Befolgerin des göttlichen Willens ihre Gaben und Opfer mit freudigem Herzen dargebracht hat. Aus diesem Grunde behaupten auch einige Väter, dass die Freude, die Maria unter dem Kreuz über die Vollendung des Opfertodes Christi für das Heil der Welt empfand, ebenso groß gewesen sei, als der Schmerz, der dortmals ihre Seele durchdrang. Die Freude des Herzens, die Maria ihr ganzes Leben hindurch beseelte, drückte sie am deutlichsten in jenem Danklied aus, das bei dem Besuch Elisabeths ihrer Seele entjubelte; in jenem Magnifikat, das die heilige Kirche in so hohen Ehren hält und das die heilige Theresia mit vollem Recht einmal einer tiefbetrübten und niedergeschlagenen Mitschwester zum Singen aufgab mit den Worten: Sei fest überzeugt, dies Lied wird dir gewiss die Freude wieder bringen! – In diesem Lied heißt es: Mein Geist frohlockt in Gott meinem Heil; der Herr war also der Grund der Freude Mariens und die Ursache unserer Freude ist Maria; deshalb wollen wir ihre Freude und unsere Freude näher betrachten.

Als König Saul seine Tochter dem David zur Gemahlin zu geben versprach, schätzte dieser es so hoch, dass er zum König sagte: Wer bin ich, oder was ist mein Leben oder was ist mein Geschlecht in Israel, dass ich der Schwiegersohn des Königs werden soll? Zu den Herren des Hofes aber sprach er: Glaubt ihr etwa, dass es nur ein Geringes sei, des Königs Eidam zu sein? – Wenn nun David die Verwandtschaft mit den Großen dieser Erde, die denn doch nur sterbliche Menschen sind, so hoch achtete, wie soll Maria sich nicht gefreut haben, dass sie durch die Gnade des Allerhöchsten zur Mutter seines eingeborenen Sohnes erwählt wurde? Der Herr war der Grund ihrer Freude.

Der heilige Geist kam am Pfingstfest nicht bloß über die Apostel, sondern auch auf Maria herab, die mitten unter ihnen war. Da aber nach den Worten des heiligen Paulus auch die Freude eine Frucht des heiligen Geistes ist, wie wird Maria, der Tempel des heiligen Geistes, so voll der Freude gewesen sein, da sie voll des heiligen Geistes war! Astiages, König von Medien, träumte, dass aus seiner Tochter ein Weinstock hervorgewachsen, dessen Reben ganz Asien umfingen. Seine Weisen, die er um die Auslegung des Traumes befragte, erklärten, der Sohn seiner Tochter werde Herr über ganz Asien sein, was auch geschah, denn sie wurde Mutter des Cyrus, der ganz Asien unter sein Zepter brachte. Die allerseligste Jungfrau Maria aber wusste nicht aus einem Traum, sondern aus dem Mund des Erzengels Gabriel, dass sie einen Sohn gebären werde, der von sich selbst sagt: Ich bin der wahre Weinstock, der mit seinen Reben nicht bloß ein Volk, ein Land, ein Königreich, sondern die ganze Welt, ja Himmel und Erde umfangen und dessen Reich kein Ende nehmen wird. Sollte dies nicht Ursache genug sein, das zarte, jungfräuliche Herz Mariens mit Freude zu erfüllen und ihren Geist in Gott frohlocken zu machen, da sie außerdem wusste, dass sie noch eine unberührte Jungfrau war, obwohl sie Mutter geworden, dass sie jenen unter ihrem Herzen trug, der das Ziel hatte, die Welt von Sünden zu erlösen und alle Menschen selig zu machen? Darum jubelte sie und frohlockte, darum freute sie sich in Gott, weil der Herr die Ursache ihrer Freude war.

Und wer von uns, liebe Christen, diese Freude der Muttergottes andächtig betrachtet, der wird sie gewiss auch empfinden und ihrer teilhaftig werden, der wird gewiss auch die Wahrheit des Ausspruchs des heiligen Bonaventura fühlen: Maria ist nach Gott unsere einzige Freude! Die Heiligen waren von dieser Wahrheit ganz durchdrungen und der selige Zisterzienser Arnulph betrachtete täglich die Freuden, die Maria auf Erden während ihres Lebens hatte. Zum ersten die Freude, die sie empfand, als der Engel ihr die Menschwerdung Christi verkündigte und sie vom heiligen Geist empfangen hat; zweitens die Freude, die sie beim Gruß der heiligen Elisabeth hatte; drittens die Freude, als sie ohne Schmerzen ihr göttliches Kind, unsern Heiland, geboren hat und Jungfrau vor, bei und nach der Geburt geblieben ist; viertens die Freude, als die drei Könige kamen und ihren Sohn anbeteten; fünftens die Freude, als sie ihren Jesus im Tempel aufopferte und der Greis Simeon ihn in seine Arme nahm und weissagte; sechstens die Freude, als sie ihren Sohn vom Tod auferstanden sah; siebtens die Freude, als sie ihn erblickte, wie er in den Himmel auffuhr. – Diese sieben Freuden betrachtete er täglich und fand darin seine eigene übergroße Freude. – Die allerseligste Jungfrau aber wollte diese Freude ihres Dieners noch erhöhen. Einmal, als er sich in der Krankenstube befand, erschien sie ihm und sprach: Warum, mein Geliebter, betrachtest du täglich die Freuden, die ich auf Erden so überaus schön empfand? Gedenke auch jener, die ich im Himmel habe und die ungleich größer sind. Hierauf belehrte sie ihn und sagte: Zum ersten freue ich mich, dass mir, als ich in den Himmel aufgenommen wurde, eine größere Glorie bereitet worden, als ich nur hoffen oder denken konnte, ja sagen oder würdigen kann. Zweitens freue ich mich darüber, dass wie der Tag von der Sonne, so der himmlische Hof von meiner Herrlichkeit beleuchtet, sich noch weit mehr erfreut. Drittens freue ich mich, dass die Himmelsbürger mir gehorchen und mich als die Mutter ihres Königs ehren. Viertens freue ich mich, dass der Wille der höchsten Majestät Gottes und der meinige ganz eins sind und in allem, was meinem Willen gefällt, die heiligste Dreifaltigkeit mit gütigster Huld mit mir einverstanden ist. Fünftens freue ich mich, dass meinen Dienern, nach meinem Wunsch, in diesem und in dem anderen Leben vergolten wird. Sechstens freue ich mich, dass ich über alle Engel erhoben und durch ein besonderes Vorrecht die Nächste am Thron des dreieinigen Gottes bin und die selige Gesellschaft aller Heiligen genieße. Siebentens freue ich mich, dass ich in voller Gewissheit bin, dass meine Glorie niemals mehr abnimmt.

Es ist die Eigenschaft eines guten Herzens, dass es sich freue an der Freude anderer; wenn unser Herz daher Maria aufrichtig liebt, so muss es ihre Freude mitempfinden und ihre Wonne mitfühlen, so muss Maria selbst, die der heilige Johannes Damaszenus ein unerschöpfliches Meer der Freude nennt, der Gegenstand unserer Freude sein, wie sie ihr Grund und ihre Ursache ist. Um nur einige Tropfen aus dem Freudenmeer zu schöpfen, so verursacht uns die Wahrheit, dass Maria uns das Heil der Welt geboren, Jesus Christus, ohne den wir gar nicht selig werden könnten, so verursacht uns der Gedanke, dass Maria von Gott uns zur Mutter bestimmt worden, so verursacht uns die Tatsache, dass Maria ein Geschöpf wie wir, all unsere Schwachheiten, Nöte und Hilflosigkeiten kennt, so verursacht uns die Erinnerung, dass Maria ein Herz voll Liebe und Erbarmen habe und selbst alle Leiden und Schmerzen dieses Tränentales erfahren und daher mehr Mitleiden mit ihren armen Kindern fühle, eine Freude, die uns hinreißen, eine Freude, die uns begeistern muss, die uns immer und immer wieder drängt aus dem Grund unseres Herzens zu rufen: Maria, meine Freude!

Nur einmal war der göttliche Heiland bei einem öffentlichen Fest, auf der Hochzeit zu Kana; er hatte aber seine Mutter bei sich, um zu zeigen, wie der heilige Alphonsus so schön sagt, dass sie die Ursache unserer Freude sei. Mit Maria Lust und Wonne, ruft der selige Heinrich Suso aus, ohne sie Trauer und Schmerz! Rufe die heilige Jungfrau zu deinen Festen, dann werden sie wahre Freudenfeste im Herrn; denn sie heiligt und verklärt nicht bloß die Freude, sie macht sie auch vollkommen. Es ist wunderbar, wie die bloße Erinnerung an Maria, sagt der heilige Ignatius, schon das Herz zur Freude bewegt; der innere Grund davon liegt in den zahllosen Freuden, womit Jesus das Herz seiner Mutter erfreute, so dass gleichsam eine Freudensonne ihr heiliges Antlitz umstrahlt, deren Glanz sich auch uns mitteilt und jede Nacht des Trübsinns und der Trauer verbannt. Wer wollte die Wonnen zählen, mit denen das heilige Herz deiner glorwürdigen Mutter, o göttlicher Heiland, ohne Unterlass übergossen worden! – Das freundliche Liebkosen zwischen dieser heiligen Mutter und ihrem vielgeliebten Sohn, die Freude dieser heiligen Mutter und ihrem vielgeliebten Sohn, die Freude dieser hochgebenedeiten Mutter, da Jesus als Kind auf ihrem Schoß ruhte und sie ihn mit tausend Küssen der Liebe bedeckte, zur Zeit da er als Knabe mit ihr gebetet und gearbeitet; als er im Mannesalter sie belehrte und teilnehmen ließ an seinen segensreichen Wanderungen durch Palästina; als sie sich zu Nazareth und Bethlehem, in Ägypten und zu Jerusalem aufgehalten, wer wollte diese Freuden alle genügend aussprechen und beschreiben! Ich sage unverhohlen, wenn einer die geringste unter allen Freuden, die die heilige Jungfrau zu jener Zeit gehabt, empfinden würde, ihm alle anderen Freuden und Genüsse vergehen würden! – Darum ist Maria eine zweite Sarah, die da sagte: Mein Gott hat mir eine Freude gemacht, wer es nur immer hören wird, wird sich mit mir erfreuen!

Der heilige Franziskus Solan pflegte die Kranken in den Spitälern. Waren sie traurig, verzagt und niedergeschlagen, so hatte er ein besonderes Mittel, um sie zu erheitern. Er zog seine Geige hervor und sang ihnen mit lieblicher Stimme die schönsten Marienlieder; und immer wurde dabei ihr Herz mit dem größten Trost erfüllt. Als einst sein Oberer krank darniederlag und in einer Nacht von sehr traurigen Gedanken gequält wurde, da trat um zehn Uhr nachts Franziskus in seine Zelle und fragte den Leidenden, was ihn so schmerze? Der Kranke schwieg. Franz aber sagte: Ich weiß alles! Ich will singen! – Und alsbald ergriff er die Geige und begann vor dem Bild der allerseligsten Jungfrau mit gar süßer Stimme zu singen: Maria, meine Freude! – Nachdem er geendet, schlich er sich still fort. Von dem Kranken aber war alle Trauer gewichen und Friede und Freude in sein Herz eingekehrt. Amen.