25. Maiandacht - Maria, meine Quelle


Zu Cordoba in Spanien lebte der Wollspinner Gonzales Garcia in fürchterlicher Not und im höchsten Elend. Seine Frau lag an der Gicht krank und konnte nichts verdienen; seine Tochter war ebenfalls kränklich. Obwohl die Lage Garcias zum Verzweifeln war, verlor er doch sein Gottvertrauen nicht und besonders suchte und fand er Trost im Gebet zu Maria. Müde vom Weinen und Beten, schlief er einst ein und im Traum sah er die Himmelskönigin, die ihm eine Quelle zeigte, deren Wasser seiner Frau Gesundheit und ihm zeitlichen Wohlstand bringen werde, wenn er ihr Bild ausgraben würde, das dort unter einem alten Feigenbaum verborgen liege. Als er erwachte, suchte er die Quelle und fand sie bald, und als er und die Seinigen davon getrunken, kehrte Gesundheit und Gottes reichster Segen in die arme Familie zurück. Nun machte Garcia beim Bischof die Anzeige, worauf nach dessen Befehl unter dem Feigenbaum nachgegraben und richtig ein wunderliebliches Muttergottesbild gefunden wurde. Hocherfreut darüber bauten die Bewohner Cordobas eine Kirche an dieser Stätte und stellten das Bildnis darin auf, zu dem alljährlich Tausende pilgern und aus der Quelle Gesundheit des Leibes und der Seele trinken.

Zu diesem Wunderquell pilgerte auch einst ein Jüngling. Er wollte aufgenommen werden in den Orden des heiligen Ignatius, wurde aber abgewiesen, weil er mit der Zunge stotterte. Traurig begab er sich zu unserer lieben Frau von der Quelle und rief: Ich werde nicht von diesem Platz weichen, bist du mich erhört hast, o Maria! dann trank er von der Quelle und siehe – er wurde wunderbar geheilt und fand sogleich die gesuchte Aufnahme. Er wurde einer der beredtesten Männer seiner Zeit, der berühmte Gottesgelehrte Thomas Sanchez, der durch Wort und Schrift die Ehre Mariens verherrlichte.

Trinken auch wir, liebe Christen, geistiger Weise aus dieser Gnadenquelle, um mit beredten Worten zu schildern und mit glühender Liebe zu betrachten den Titel, mit dem wir heute Maria grüßen wollen: Maria, meine Quelle! Eine Quelle der Gnade und des Trostes!

Denke dir, lieber Christ, den schönsten Garten der Welt, in dem alle Blumen durch eine große und andauernde Hitze verwelkt und verdorrt sind; wie dauern dich die erstorbenen Blumen und besonders der Gärtner, der traurig und betrübt sehen muss, wie all seine Mühe und Arbeit vergebens gewesen! Würdest du aber diesen Gärtner des andern Morgens früh im Garten sehen in der Absicht, alle verwelkten Blumen auszureißen, während er alle Gewächse und Blüten wieder ganz frisch, lebendig und duftend findet, würdest du da nicht glauben, ein Engel hätte unsichtbarer Weise die Hand angelegt! Dieser ausgedorrte Blumengarten ist ein Bild der armen Welt, wie sie gewesen, ehe Gott der Allmächtige, ihr seine Hilfe zugesendet und diese Hilfe, die gleich einer Quelle frischen Wassers neues Leben der Erstorbenen gab, ist keine andere, als Maria. Die allerseligste Jungfrau, sagt der heilige Petrus Damian, ist jener Brunnquell gewesen, der sich in die vier Ströme geteilt und nicht allein das himmlische Paradies, sondern auch den weiten Erdkreis erfrischte, das arme Menschengeschlecht, das durch die Sünde viel stärker, als die Blumen jenes Gartens durch die Sonnenhitze, ausgedorrt war, wieder neu belebte.

Maria ist die Quelle der Gnaden, weshalb die heilige Kirche lehrt, dass wir keine Gnade von Gott empfangen, außer durch Maria, von der der Erzengel sagte: Du hast Gnade gefunden bei Gott, und die er begrüßte mit den Worten: Du bist voll der Gnaden! – Der göttliche Bräutigam nennt sie selbst im Hohenlied 4,15: Du bist eine Quelle der Gärten, ein Brunnen lebendiger Wasser, die ungestüm vom Libanon fließen, die sich mit dem sehnsuchtsvollen Drang, sich mitzuteilen, vom Thron des Allmächtigen, vom Herzen des himmlischen Vaters in die arme Menschheit ergießen. Der heilige Bonaventura sagt: Unsere himmlische Mutter hat alle Gaben und Gnaden Gottes, die in den anderen Heiligen verteilt sind; weshalb sie spricht: In der Fülle der Heiligen ist mein Aufenthalt! – Der heilige Bernhard lehrt: Gott hat die Fülle all seiner Gnaden in Maria ausgegossen, damit wir, insofern irgend eine Hoffnung, irgend eine Gnade, ein Heil in uns ist, erkennen, dass alles von ihr herkomme. Darum können wir von ihr, wie von Jesus mit des Apostels Worten sagen: Von ihrer Fülle haben wir alle empfangen und deshalb kann sie mit Recht uns zurufen: Wen dürstet, der komme zu mir und trinke, ich bin die Quelle der Gnaden, die euch neues Leben gibt und zwar überfließend und gerne gibt.

Zwei Dinge werden aber erfordert, dass wir von dieser heiligen Quelle Nutzen ziehen können. Vor allem muss die Quelle so beschaffen sein, dass man dazu kommen und das Wasser erreichen und schöpfen kann, dass es die Quelle reichlich und gerne spendet. Eine irdische Quelle viersiegt leicht, wenn ihr der Zufluss fehlt; unerschöpflich würde sie aber sein, wenn sie ihren Boden und Grund in der Tiefe des Meeres hätte. Die hochgebenedeite Mutter des Herrn aber schöpft ihren Reichtum an Gnaden aus der Tiefe des Meeres nicht allein der Menschheit Christi, sondern sogar der Gottheit selbst, wie es heißt in der heiligen Schrift: Die Tiefe des Abgrundes habe ich durchdrungen, wie könnte sie daher jemals versiegen oder karg und spärlich die Wasser der Gnaden mitteilen? – Dass sie aber auch willig und gerne mitteilt, daran ist nicht mehr zu zweifeln, da es ihr Amt ist, zu dem sie Gott erwählt und bestimmt, die Ausspenderin seiner Gaben und Gnaden zu sein; da sie sich selbst eine Mutter der schönen Liebe nennt. Als eine Mutter aber weiß sie schon, was ihr gebührt, dass sie ihre Kinder herzlich liebe, ihnen manchen Kuss gebe, sie mit aller Sorgfalt pflege, kurz die Liebe ihres Herzens im Werk zeige, wie der heilige Gregor sagt: Der Beweis der Liebe ist die Tat. Darum nennt der heilige Kasimir Maria eine Quelle des Trostes und der heilige Ephräm eine Quelle aller Seligkeit, weil niemand, der zu ihr sich flüchtet, ungetröstet von ihr geht.

Es ist daher leicht für uns, die zweite Forderung zu erfüllen, nämlich zu dieser Quelle, die so reichlich fließt, hinzueilen und voll Sehnsucht und Verlangen das Wasser zu schöpfen. Wer von uns, liebe Christen, bedürfte nicht des Trostes in einer Welt, die so wenig Tröstliches bietet? – Darum ist es gleichsam ein Bedürfnis für uns, eine Art Notwendigkeit für unser armes Herz, zu dieser Trösterin der Betrübten zu gehen und mit dem frommen König David zu seufzen: Wie der Hirsch sich sehnt nach der Wasserquelle, also verlangt meine Seele nach dir! – Maria aber ruft uns zu: Schöpft mit Freude Wasser aus der Quelle, die mein göttlicher Sohn in meinem Mutterherzen eröffnet, die in Liebe und Erbarmen für euch fließt und eure Seele mit einem Trost erfrischt, wie ihn niemand auf dieser Erde euch zu geben vermag!

An dem äußersten Ende des Departements der Isere und auf der Grenze des Departements der oberen Alpen in Frankreich liegt auf einer Plattform in einem Winkel des Gebirges die Stadt Corps mit 8500 Einwohnern. Hoch über Corps in einer Entfernung von drei bis vier Stunden befindet sich der Berg Salette, auf dessen Oberfläche zehn kleine Weiler in unregelmäßigen Zwischenräumen zerstreut liegen und mit der Pfarrkirche in der Mitte die kleine Pfarrgemeinde Salette bilden. Vom Weiler Salette höher hinauf wachsen keine Bäume mehr; man bemerkt nur mehr einige kränklich aussehende Buchen und kleine alte und knorrige Eschen. Mühsam ansteigend gelangt man in ein kleines Tal, das links und rechts in der Richtung von Morgen gegen Abend von kleinen Hügeln umgeben und in gleicher Richtung von einem kleinen Bach namens Rigiard durchflossen ist. Von da aus bis zum Gipfel der umliegenden Berge ist alles mit einem herrlichen Grün und mit einem Schmelz blauer Blumen bedeckt. Dieses Gebirgstal, gegen 6000 Fuß hoch über der Meeresfläche, ist der Ort, wohin seit dem Jahr 1846 eine ungeheure Zahl von Pilgern aus allen Teilen der Welt hinströmt; hier in diesem einsamen Alpental würdigte sich die Himmelskönigin zwei kleinen Hirtenkindern in freundlicher Majestät zu erscheinen, ihnen die Zukunft zu offenbaren und sie, so jung und ungebildet sie auch waren, zu ihren wahren und glaubwürdigen Aposteln an ihr geliebtes Volk zu machen.

An dem Platz der Erscheinung befand sich eine ausgetrocknete Quelle, die nun reichlich zu fließen anfing und deren Wasser seit dieser Zeit nie aufhörte hervorzuquellen. Es ist schön und klar, fällt in der Breite von etwa 3 Schuh über schmale Felsen herab und die Quelle ist jetzt mit einer sehr schönen und offenen Kapelle aus Marmor bedeckt. Die Nachricht von dieser Quelle verbreitete sich schnell und setzte zahllose Scharen nach dem Berg in Bewegung, die nicht bloß kamen, die Quelle zu sehen, sondern auch von ihrem Wasser zu trinken und davon mit nach Hause zu nehmen. Bald erfolgten wunderbare Dinge. Das Wasser heilte verschiedene Krankheiten und befreite Presshafte von ihren Leiden; ja die Wirkung des wunderbaren Wassers erstreckte sich auch auf die Seele der Trinkenden. Hier zeigt sich also Maria wahrhaft als die Quelle der Gnaden und des Trostes, als welche sie mit dem heiligen Johannes Damaszenus die ganze Kirche vertrauensvoll begrüßt. Was die in Kraft dieser Quelle von La Salette gewirkten Wunder anbelangt, so ist deren Zahl so groß, dass sie gar nicht mehr beschrieben werden können. Nur ein einziges soll hier Platz finden, um den Titel fester zu begründen, mit dem wir heute die allerseligste Jungfrau angerufen haben: Maria, meine Quelle! –

Einer Schar von Wallfahrern, die aus einer benachbarten Pfarrei kam, schloss sich eine jener liederlichen Dirnen an, die die Schande ihrer Familie, das Ärgernis der Gläubigen sind. Das verirrte Mädchen, mit welchen Gewissensbissen hatte sie sich den Genuss ihrer Schande erkauft! Wie viel Elend hatte sie erduldet, sich die Freiheit ihres Lasters zu bewahren! Sie wird auch heute von den Wallfahrern ausgestoßen, aber schweigend folgt sie ihnen, so nahe sie kann. Es treibt und drängt sie etwas. Wie die übrigen will sie aus der Wunderquelle trinken; aber als sie sich ihr nähert und das Glas an ihre Lippen setzen will, bemerkt sie im Wasser schwimmend eine taube Ähre. Sie ergreift sie und steckt sie schnell in ihr Kleid. Niemand bemerkt etwas; nun aber entfallen große Tropfen ihrem Auge. Ja, sie bricht in Weinen und Schluchzen aus; sie bekennt sich schuldvoll und unglücklich; sie verlangt zu beichten, denn gereinigt will sie vom Berg hinabsteigen und eine würdige Magd Mariens werden. Sie tat es unter dem Zeichen der aufrichtigsten Zerknirschung. Heimgekehrt verließ sie die Sünde für immer und führte einen Lebenswandel, der alle, die sie kannten, aufs Höchste erbaute. Die taube Ähre ist fruchtbar gewesen! Amen.