24. Maiandacht - Maria, mein Baum


Der heilige Gregor der Große vergleicht die Heiligen und Auserwählten Gottes auf dieser Erde mit einem Baumgarten. – In diesem Baumgarten nennt er die Heiligsten: Cedernbäume, weil sie, allzeit beständig in der Liebe Gottes, sich durch nichts Irdisches davon abwendig machen lassen. Der Dornstrauch, der in Palästina einen besonders lieblichen Geruch von sich gibt, sind die gottseligen Christen, die sich bemühen, die Sünder zu bekehren, ihr Herz von der Sünde zu entfernen und sie mit dem lieblichen Geruch der Tugenden zu erfreuen. Die Myrrhen sind jene, die den Kummer der Betrübten stillen und herzliches Mitleiden für sie empfinden. Die Ölbäume sind die Barmherzigen, die mit dem Öl der christlichen Liebe die Wunden ihrer Mitmenschen heilen. Die hohen Tannenbäume sind jene, die sich in diesem Leben ganz und gar der Betrachtung der göttlichen Dinge weihen. Die Buchsbäume sind jene, die sich, wenn sie auch in der Heiligkeit nicht hoch aufwachsen und viele Früchte bringen, doch in der Grüne ihrer Unschuld und im rechten Glauben, den sie einmal in der heiligen Taufe empfangen haben, erhalten. Hugo von St. Viktor vervollständigte diese Auslegung noch, indem nach seiner Meinung die Wurzel des Baumes der Glaube ist, der Stamm die Hoffnung, die Äste die Liebe, das Mark die reine Meinung, die Rinde die Wachsamkeit, die Blätter die guten Beispiele, die Blüte der gute Namen und die Früchte die gottseligen Werke.

Nur einen Baum aber gibt es, der die guten Eigenschaften all jener Bäume in sich vereinigt, ja sie in unaussprechlichem Maße übertrifft, das ist Maria, die der heilige Basilius den Baum des Lebens nennt und Hesychius den überaus gesegneten, dreimalgebenedeiten Baum des Paradieses. Aus diesem Grund können wir auch, liebe Christen, die allerseligste Jungfrau mit den Worten begrüßen: Maria, mein Baum, dessen Frucht und Schatten wir heute näher betrachten wollen.

O göttlicher Lebensbaum, redet der heilige Andreas von Jerusalem Maria an, dessen Frucht den süßen Honig aus dem Felsen gezogen und dem Wasser Mara die Bitterkeit genommen! Baum des Paradieses, sagt der heilige Bernhard, der du uns die Frucht des Lebens hervorgebracht, die denen, die sie essen, das ewige Leben gibt. – Und was ist das für eine Frucht, liebe Christen? – Jesus Christus, denn es heißt in der heiligen Schrift: Maria, von der geboren ist Jesus, der genannt wird Christus; das Heilige, das aus dir geboren wird, wird Gottes Sohn genannt werden; dieser wird groß sein und Sohn des Allerhöchsten heißen. – Wenn wir nun die evangelische Regel auf Maria anwenden: An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen, in welch erhabener Größe erscheint uns die heilige Jungfrau! – Wahrhaftig, sie ist jener himmlische Baum, von dem der Prophet Jesaja verkündet: An jenem Tag wird er herrlich und ruhmvoll sein und seine Frucht hochgepriesen und zum Frohlocken für die Geretteten in Israel Jes 4,2; von dem König David singt, dass er gepflanzt ist an Wasserbächen und seine Frucht bringt zu seiner Zeit. – Und was hat er für eine Frucht uns gebracht? – Diejenige, die wir im englischen Gruß so oft nennen: Und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes Jesus Christus! – Maria war wie ein schöner Ölbaum auf dem Feld, an dem eine Frucht gewachsen ist, deren Namen ist wie ausgegossenes Öl. Die allerseligste Jungfrau sagt von sich selbst: Wie ein Weinstock trug ich wohlriechende, liebliche Früchte und meine Blüten sind ein herrliches und ehrenvolles Gewächs. Gleichwie der Ölbaum und der Weinstock keinen so großartigen Anblick gewähren, wie die Tannen, Buchen und Eichen, die ihre Äste und Zweige weithin ausstrecken, aber wegen der Kostbarkeit ihrer Früchte, die man zum Dienst Gottes und der Menschen braucht, doch sehr angesehen sind, so übertraf Maria, obwohl sie auf Erden vor den Augen der Welt nicht in hohen Würden stand und auch nicht danach verlangte, doch wegen der Frucht, die sie der Welt gebar und die Gott und Mensch zugleich gewesen, doch wegen der Früchte so vieler Gnaden und Verdienste, so vieler Tugend und Heiligkeit, alle anderen Geschöpfe im namenlosen Maße.

Die Demut Mariens, die der eigentliche Magnet war, der den Allmächtigen erbarmend zu ihr zog, glich dem Senfkörnlein, von dem das Evangelium sagt, dass es zwar das kleinste ist unter allen Samenkörnern; ist es aber aufgewachsen, so ist es das größte unter allen Gartengewächsen und wird ein Baum, so dass die Vögel der Luft kommen und auf seinen Ästen ruhen. – Maria führte auf Erden ein still verborgenes Leben, glanzlos und unscheinbar flossen ihre irdischen Tage dahin, ohne Aufsehen und Geräusch brachte sie ihre Pilgerzeit auf Erden zu; aber nach diesem Leben ging es anders. Da der himmlische Gärtner diesen edlen und kostbaren Baum durch den zeitlichen Tod aus dem irdischen Lustgarten der Welt in das himmlische Paradies übersetzte, so ist er dergestalt gewachsen und hat sich also ausgebreitet, dass ich ihn keinem anderen Baum passender zu vergleichen weiß, als jenem hehren, gewaltigen Baum, den Gott dem König Nabuchodonosor zeigte und den die heilige Schrift also beschreibt: Ich schaute, und siehe, da war ein Baum mitten auf Erden, überaus hoch, groß und stark; seine Höhe reichte bis an den Himmel und man sah ihn bis an die Grenzen der ganzen Erde; sein Laub war so schön und seine Früchte waren sehr viel; Nahrung gab er allen; unter ihm wohnten die zahmen und wilden Tiere; auf seinen Ästen hielten sich die Vögel des Himmels auf und alles Fleisch aß von ihm. Im buchstäblichen Sinn bedeutet dieser Baum den mächtigen König Nabuchodonosor und sein großes Reich, wie es der Prophet Daniel ausgelegt. Warum aber sollen wir ihn nicht auch auf Maria deuten können, da sich alles auf sie so herrlich anwenden lässt? – Die Himmelskönigin war im Garten dieser Welt ein verborgenes, schwaches Bäumchen, darum setzte sie Gott, weil die Erde ihrer nicht wert war, in sein himmlisches Paradies; da steht sie nun mitten an dem herrlichsten Ort wie der erhabenste, prachtvollste Baum; ihre Höhe reicht hinauf bis zu dem Thron der göttlichen Majestät; mit ihrer Macht und Herrlichkeit breitet sie sich aus von einem Ende des Himmels, ja der ganzen Welt, bis zum andern; ihr Laub ist unaussprechlich schön, doch über alles ist die gebenedeite Frucht ihres Leibes, Jesus Christus; von ihrem Trost und ihren Gnaden leben alle zahmen und wilden Tiere, alle Seelen, die Gerechten wie die Sünder; unter diesem Schatten finden alle Ruhe, wie die Kirche singt: Alle fühlen deine Hilfe, die nur immer dein Gedächtnis feiern; alle Vögel des Himmels, die heiligen Engel und die Auserwählten Gottes, die bereits von der Erde in das himmlische Vaterland sich aufgeschwungen haben, erfreuen sich in den Zweigen dieses Marienbaumes; alle vernünftigen Geschöpfe im Himmel und auf Erden genießen sie.

Nur ein Unterschied ist zwischen dem Baum Nabuchodonosors und unserem Marienbaum, dass nämlich jener keinen langen Bestand hatte, denn während der König daran seine größte Freude zu haben vermeinte, erging das göttliche Urteil: Fällt den Baum und haut ab seine Äste; reißt ab sein Laub und streut auseinander seine Früchte; es fliehe alles, was unter ihm ist und die Vögel von seinen Zweigen. – Das, liebe Christen, findet bei unserem himmlischen Baum nicht statt; dies Urteil berührt Maria nicht, wohl aber jenes, das der Erzengel Gabriel aussprach von ihrem Sohn und dessen Reich und das auch auf die Mutter sich bezieht: Sie werden miteinander ewig herrschen und ihres Reiches wird kein Ende sein. – Daraus folgt, dass wir Christen alle, die wir in den Schatten dieses Baumes flüchten, nie mehr daraus verjagt werden und immer und ewiglich darunter jenen Schutz finden und jene Ruhe genießen, die die Welt nicht geben kann. Das Blätterdach dieses Baumes versengt uns keine Sonnenglut und zernagt uns kein Wurm, so dass wir ewig nie mit Jonas über den Verlustdieses schirmenden und kühlen Schattens klagen dürfen.

Die alten Naturforscher behaupteten, dass der Lorbeerbaum die Eigenschaft habe, vor Blitz und Donner zu bewahren; wer sich daher während eines Gewitters unter einen solchen Baum stelle, der sei sicher, von dem Blitz nicht erschlagen zu werden. Ist dies auch nur eine bloße Meinung, so ist doch in Wahrheit Maria ein solcher Baum, dessen Schatten nicht bloß die Hitze der Leidenschaft fühlt und im heißen Lebenskampf Ruhe gewährt, sondern auch vor dem Donner des Zornes Gottes bewahrt und vor dem Blitz der Hölle beschützt. Unter seinem Schatten finden die Gerechten Ruhe und Frieden, gleichwie der heilige Franz von Sales wunderbar von jener schrecklichsten Versuchung der Verzweiflung befreit wurde, als er unter den Schatten dieses Marienbaumes sich flüchtete. Unter ihm finden die Sünder ihren Gott und den verlorenen Frieden wieder. Im Jahr 1856 fasste ein junger Mensch, der durch einen Prozess all sein Vermögen verloren hatte, aus Verzweiflung den Entschluss, sich in dem Innstrom bei Neuötting zu ertränken. Ganz außer sich auf der Straße von Burghausen nach Neuötting fortrennend hatte er jedoch noch einen schrecklichen Kampf mit seinem Gewissen zu bestehen. Bald folterte ihn der Gedanke an die Hölle, bald vernahm er die teuflische Eingebung: Es gibt keine Hölle und wenn es eine gibt, so wird dich Gott nicht hineinstürzen, denn du springst ja nicht aus Bosheit, sondern aus Not ins Wasser. Endlich aber entschloss er sich fest, sich das Leben zu nehmen; doch wie er dem Strom sich nahte, wie er sich über das Geländer schwingen wollte, hörte er das Glöcklein von der Gnadenkapelle von Altötting läuten. Unwiderstehlich trieb es ihn hin zum Heiligtum Mariens, um dort noch einmal zu beten. Kaum hatte ihn aber der Schatten der Kapelle bedeckt, kaum hatte er dieselbe betreten, als der sündhafte Entschluss aus ihm entwich, sein beruhigtes Herz zu beten anfing und er durch eine reumütige Beichte den Grund zu einem besseren Leben legte. Er gelobte sein ganzes Leben hindurch den Schutz Mariens zu loben und zu preisen.

Liebe Christen, wenn wir aber einen solchen Schatz an diesem Marienbaum, an seiner Frucht und an seinem Schatten haben, so ist es notwendig, dass wir ihn stets in unserer Nähe haben und nie weit davon sind. Wir müssen daher den Baum durch Andacht und Liebe in unsere Herzen pflanzen. Im irdischen Paradies standen zwei Bäume, an denen alles gelegen war. Der eine war der Baum des Lebens, der uns das Heil gebracht hätte. Wenn unsere Stammeltern nur von seiner Frucht genossen hätten; der andere war der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, durch den uns Adam und Eva ins Verderben stürzten. Uns steht es jetzt frei, welchen von diesen Bäumen wir in unseren Seelengarten einpflanzen wollen und seine Früchte genießen. Maria und ihr Sohn und ihre herrlichen Tugenden sind der Baum und die Früchte des Lebens; die Sünde und all ihre traurigen Folgen sind der verbotene Baum mit seinen Früchten. Reißen wir diesen samt seiner Wurzel aus dem Herzen und halten wir uns fest an den Marienbaum, dessen göttliche Frucht Jesus uns selig macht und dessen Tugendfrüchte uns den Himmel erwerben. Dann können wir mit der Braut im Hohenlied singen: Unter seinem Schatten, wonach ich verlangt habe, ruhe ich und seine Früchte sind süß meinem Gaumen, und mit der heiligen Kirche in Wahrheit beten: Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, o heilige Gottesgebärerin, verschmähe nicht unser Gebet, sondern erlöse uns jederzeit von aller Gefährlichkeit! Amen.