23. Maiandacht - Maria, mein Gebet


Eine fromme Legende erzählt, dass ein heiliger Einsiedler in seiner Klause ein Vöglein hatte, das er herzlich liebte und dem er die Worte: Ave Maria lehrte, weil er die Himmelskönigin besonders verehrte. Einst flog das Vöglein aus, und als es sich in die Lüfte erhob, sah es ein Geier, der wütend darauf losstürzte. Das geängstigte Vöglein schrie aber aus voller Kehle: Ave Maria! Und siehe, der Geier entfloh und das Vöglein war gerettet.

In dieser Sage liegt eine tiefe Wahrheit, liebe Christen; der höllische Geier, der böse Feind, flieht die Seele, die zu Maria betet. Die ganze Macht der Hölle entkräftet ein einziges Ave Maria, sagt der heilige Bonaventura, und der Teufel nimmt eiliger die Flucht, wenn er den Namen Maria hört, als wie der Blitz aus den Wolken herniederfährt, spricht der heilige Hieronymus. Es liegt dies in der Natur der Sache, da dem unreinen Geist nichts verhasster sein kann als die reinste der Jungfrauen, und dem Satan die Erinnerung an Maria ein Gräuel sein muss, die gleich ihrem göttlichen Sohn sein Reich zu zerstören berufen ist. Im Gegenteil aber geht daraus klar hervor, wie angenehm den Engeln und Gott das Ave Maria sein müsse, da es diejenige begrüßt, die die Freude des Himmels ist.

Welche Aufmunterung für uns liegt hierin, liebe Christen, wenn wir beten, Maria zum Gegenstand unseres Gebetes zu machen! Ein solches Gebet durchdringt die Wolken des Himmels, während es die Pforten der Hölle verschließt; ein solches Gebet bringt uns nahe zu Gott, während es uns vom Satan entfernt. Darum wollen wir heute die allerseligste Jungfrau begrüßen: Maria, mein Gebet, und uns dadurch ermuntern, recht oft diesen Gruß zu verwirklichen, dass wir das Ave Maria näher betrachten.

Auf seinem Thron saß Edwin, König von Northumbrien, als sein langjähriger Gegner, Hengist, der Dänenfürst, den er nach heißem Kampf besiegt hatte, gefesselt hereingeführt wurde. Er warf sich dem Sieger demütig zu Füßen, mit tränenvollem Auge bat er um Leben und Freiheit, - Edwin schwieg. Da erinnerte ihn Hengist an seine Mutter und beschwor ihn bei der Liebe, die er zu ihr getragen, und kaum hatte der König den Namen seiner Mutter gehört, als sein Antlitz freudig sich verklärte und er großmütig den Fürsten fei entließ. – Wenn der König Himmels und der Erde uns arme Sünder Maria rufen hört, wenn wir im Ave Maria ihn an seine geliebte Mutter erinnern, dann reicht auch er uns versöhnt die Hand, dann verzeiht er gnädig wieder uns die Sünden, womit wir ihn beleidigt, denn diesem Ton kann er nicht widerstehen, wie der heilige Ephräm sagt, der Muttername hält den Arm zurück, der uns von sich stoßen, der Muttername verschließt den Mund, der unser Urteil aussprechen will. Das ist die wunderbare Kraft des Ave-Maria-Gebetes, das aus dem Himmel stammt. Von dort hat es der Erzengel Gabriel auf die Erde gebracht, im heiligen Haus zu Nazareth hat es dieser himmlische Geist zum ersten Mal ausgesprochen und die heiligen Apostel haben es der Nachwelt überliefert. Der Erzengel Gabriel war es, der die unbefleckte Jungfrau mit den Worten begrüßte: Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir! Und als Maria aus des Engels Mund vernommen, dass sie Mutter des Sohnes des Allerhöchsten werden solle und als sie nach geschehener Einwilligung vom heiligen Geist den Heiligsten empfangen hatte, da eilte sie über das Gebirge zu ihrer Base Elisabeth. Und kaum hatte sie dieselbe begrüßt, da wurde Elisabeth vom heiligen Geist erfüllt und sie rief mit lauter Stimme: Du bist gebenedeit unter den Frauen und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes. Auch diese Worte stammen vom Himmel; der heilige Geist, gleicher Gott mit dem Vater und dem Sohn, hat sie der heiligen Elisabeth auf die Zunge gelegt. – Das Wort: Jesus Christus, das wir noch hinzusetzen, unterließ Elisabeth auszusprechen; denn erst nach der Geburt des Heilandes sollte die Welt diesen hochheiligen Namen hören, vor dem sich alle Knie beugen im Himmel, auf Erden und unter der Erde. – Fromme Geschichtsschreiber stimmen darin überein, dass auf dem heiligen Concilium zu Ephesus, bei dem der heilige Cyrillus von Alexandrien den Vorsitz führte, der folgende Zusatz verfasst wurde: Heilige Maria, Mutter Gottes! bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen. Somit stammen auch diese Worte vom Himmel; denn sie sind Worte des heiligen Geistes, der die versammelten Väter des Concils geleitet hat.

Die wunderbare Kraft des Ave-Maria-Gebetes beweist auch die heilige Jungfrau selbst, die in einer Erscheinung der heiligen Mechtildis geoffenbart hat: Kein Mensch kann mich kräftiger grüßen, als der, der mich grüßt mit jener Ehrerbietung, in der mich Gott der Vater gegrüßt hat durch das Wort: Ave, indem er mich durch seine Allmacht erwählte, dass ich frei von allem Wehe der Schuld und Strafe sein sollte. Auch hat mich die Weisheit des Sohnes Gottes so durchleuchtet, dass ich ein glänzender Stern bin, durch den Himmel und Erde erleuchtet wird; solches ist bezeichnet durch den Namen Maria, das ist: Stern des Meeres. Auch der heilige Geist hat mich mit seiner göttlichen Gnade so reich gemacht, dass ein jeder, der durch mich Gnade sucht, sie findet; das bedeuten die Worte: Du Gnadenvolle. In den Worten: Der Herr ist mit dir, werde ich an die unaussprechliche Vereinigung Gottes gemahnt und an das Geheimnis, das in mir die heiligste Dreifaltigkeit vollbracht hat, da sie die Wesenheit meines Fleisches mit der göttlichen Natur in einer Person vereinigte und Gott Mensch geworden ist. Welche Freude und Seligkeit ich in dieser Stunde empfunden, vermag kein Mensch vollkommen zu erfahren. Durch das Wort: Du bist gebenedeit unter den Frauen, erkennt und bezeugt alle Kreatur mit Verwunderung, dass ich gesegnet und erhöht bin über alle Geschöpfe, über himmlische und irdische. Durch die Worte: Gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, wird gepriesen und erhoben die hochherrliche Frucht meines Leibes, die lebendig macht, heiligt und in Ewigkeit segnet alle Kreaturen.

Von der wunderbaren Kraft des Ave-Maria-Gebetes waren alle Heiligen überzeugt und bewiesen dies durch ihr Beispiel und ihre Aussprüche. Der selige Petrus betete täglich hundert, die selige Aszelina täglich dreihundert, der selige Franziskus täglich fünfhundert und die selige Benvenuta von Forli täglich tausend Ave Maria. – Der heilige Bonaventura tut den Ausspruch: Maria grüßt uns gerne mit Gnaden, wenn wir sie gerne mit den Worten begrüßen: Gegrüßet seist du, Maria! und er fügt hinzu, dass der Gegengruß allzeit in einer gewissen Gnade bestehe. Der heilige Bernhard sagt: Der Himmel lacht, die Engel freuen sich, die Erde frohlockt, die Hölle zittert, die Teufel fliehen, so oft diese Worte gehört werden: Gegrüßet seist du, Maria!

Der gottselige Herkules von Reggio aus dem Orden des heiligen Franziskus, der gar oft das Ave betete, lag an einer tödlichen Krankheit darnieder. Da erschien ihm einmal unsere liebe Frau und sprach zu ihm: Wenn du Gnade erlangen willst, so bete das Ave Maria. Allein der Todkranke vermochte dieses Gebet nicht zu verrichten. Da hob er sein Haupt ein wenig empor, sah die Umstehenden freundlich an und bat sie mit schwacher Stimme, für ihn ein Ave Maria zu beten. Jedermann war der Meinung, er wolle um eine glückselige Sterbestunde bitten und in dieser Meinung verrichteten alle das Gebet. Allein die Mutter Gottes wollte ihren treuen Diener am Leben erhalten. Kaum war das Gebet geendet, als der Todkranke gesund und frisch sich von seinem Bett erhob.

Nicht bloß Kraft, sondern auch wunderbarer Trost liegt in dem Ave-Maria-Gebet, das zum Himmel führt. Wenn du, lieber Christ, recht oft in diesem Tränental Maria mit diesem Gebet begrüßt, dann kennt sie deine Stimme, wenn du an der Pforte der Ewigkeit stehst, und lässt dich ein; wenn du recht oft auf Erden durch das Ave Maria an ihr Mutterherz klopfst, dann kennt sie dein Pochen einst am Tor des Paradieses und bittet ihren göttlichen Sohn, diese ihr wohlbekannte Seele in den Himmel einzulassen.

Darum hat der gottselige Thomas von Kempis seinen Schülern im Kloster so oft zugerufen: Grüßt Maria mit dem englischen Gruß, denn diese Stimme hört sie gerne. Sobald ich die seligste Jungfrau mit den Worten des Engels anrede und sage: Gegrüßet seist du, Maria! so weicht die Traurigkeit und die Freude kehrt wieder, das Herz zerschmilzt in Liebe und heilige Andacht durchglüht es. Ja, ich fühle einen solchen Trost in meinem Herzen, dass ich nicht imstande bin, dies mit Worten auszudrücken. Und wer von uns, liebe Christen, hat dies nicht auch schon gefühlt, wenn Maria sein Gebet war, die Trösterin der Betrübten, wenn er mit voller Andacht und Liebe das Ave Maria gebetet?

Eine besonders andächtige und liebliche Weise, das Ave Maria zu beten, lehrt uns ein frommer Diener Mariens, der den Trost, den er bei diesem Gebet empfand, durch Blumen ausdrückte, die er am Schluss der heiligen Jungfrau zum Strauß band: Gegrüßet seist du Maria mit deinem Kind je länger, je lieber, du bist voll der Gnade an Leib und Seele Tausendschön! Der Herr ist mit dir, dein und mein Augentrost; du bist gebenedeit unter den Frauen, wie die reine Lilie unter den Blumen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus Christus, von dem all dein Ehrenpreis; heilige Maria, meine brennende Liebe, Muttergottes, meiner Seele Wohlgemut, bitte für uns arme Sünder, besonders Vergissmeinnicht jetzt bei Tag und Nacht und vorzüglich in der Stunde unseres Wermutvollen Absterbens. Amen.

Welcher Trost liegt in dem Gedanken, dass wir durch das Ave Maria die heilige Jungfrau mit denselben Worten begrüßen, wie der Erzengel Gabriel sie begrüßte; dass wir dieselbe Freude in ihrem Mutterherzen wieder erwecken, die sie empfand, als ihr diese freudigste aller Botschaften gebracht worden war; dass dieses Gebet schon vom Anfang unserer Kirche bis auf diese Zeit von so vielen Heiligen, von Millionen von Christen gebetet wurde; dass die Kraft und der Trost dieses Gebetes sich an so vielen Tausenden in wunderbarer Weise schon erwies!

Unter anderen wichtigen Dingen, welche der heilige Apostel Paulus seinen neubekehrten Römern ans Herz legt, empfiehlt er ihnen auch eine gottselige Frau, die der jungen Kirche viele Wohltaten erwiesen, mit den Worten: Grüßet Maria, die sich viel Mühe um euch machte! – Was aber, liebe Christen, sind wir unserer himmlischen Frau, der allerseligsten Jungfrau Maria für einen Dank schuldig? Soll die Erinnerung an ihre zahllosen Gnaden und Wohltaten jemals aus unserem dankbaren Herzen entweichen? Können wir nicht mit dem dankbaren jungen Tobias sagen: Welchen Lohn sollen wir ihr geben oder womit können ihre Wohltaten nach Verdienst vergolten werden? Mit allem Guten sind wir von ihr überhäuft worden, was werden wir Würdiges ihr dafür geben können? – Wenn wir das tun, wozu die Dankbarkeit den heiligen Paulus antrieb: Grüßet Maria! – Ja, grüßen will ich sie mit dem Ave Maria bei Tagesanbruch und am Schluss des Tages, wenn die Uhr schlägt, vor und nach jedem Geschäft, wenn das Herz pocht vor Freude und wenn es schlägt vor Schmerz, im Augenblick der Versuchung, in der Stunde der Verlassenheit, in den Tagen der Gesundheit und der Krankheit, immer, immer sei Maria mein Gebet! Amen.