22. Maiandacht - Maria, mein Edelstein

 

Ismenias von Thebis hatte einst, wie uns Plinius erzählt, in Cypern einen wunderbar schönen Smaragd angetroffen, auf dem das Bild der schönen Amymone, der Tochter des Königs Danaus, gestochen war. Hocherfreut darüber fragte er den Kaufmann um den Preis des Edelsteines und als dieser tausend Goldstücke angab, zahlte er sie ihm sogleich. Kaum war er aber fort, als ihn der Kaufmann wieder zurückrief. Der machte sich nämlich ein Gewissen daraus, so viel für einen einzigen Edelstein begehrt zu haben und gab ihm die Hälfte der Summe wieder zurück. Darüber höchst unzufrieden, sagte Ismenias zu dem Kaufmann: Ich habe keinen guten Handel mit dir gemacht; denn das Gold, das du mir zurückgibst, wird Ursache sein, dass der gekaufte Edelstein um viel weniger geschätzt und geachtet wird.

Sollten nicht auch wir, liebe Christen, fürchten, dass die heilige Jungfrau, dieser köstliche Edelstein, dies Kleinod Himmels und der Erde, dies Bild der erhabensten Fürstin der ganzen Welt, diese erstgeborene Tochter des himmlischen Königs, nicht genug nach ihrem Wert geehrt und geachtet werde? – Ach, wie vieler Gnaden werden die Menschen beraubt, weil sie die Vortrefflichkeit dieses kostbaren Kleinodes nicht erkennen! Ach, wie große und besondere Gnaden würden uns zukommen, wenn wir uns die heilige Jungfrau in größeren Ehren zu halten befleißen und über die Güte und Allmacht Gottes, der so große Wunder in ihr und durch sie vollbracht hat, uns mehr erstaunen und verwundern würden!

Glückselig ist derjenige, der den Preis dieses göttlichen Kleinodes erkennt, ruft der heilige Bernhard aus; glückseliger derjenige, der diesen Juwel nach dem Preis, den er wert ist, ehrt; der Allerglücklichste aber derjenige, der diesen Edelstein, als seinen größten Schatz und sein einziges Gut nach Gott, besitzen kann!

Lasst uns daher heute, liebe Christen, die heilige Jungfrau begrüßen: Maria, mein Edelstein, und um ihren Wert immer mehr zu erkennen, mit ihr alle Edelsteine vergleichen.

Wenn wir in den Adern der Erde graben und allen Eigenschaften der Edelsteine, von der Erde gesäubert und gereinigt, nachforschen würden, so würden wir keinen einzigen kostbaren Stein finden, der nicht irgendetwas von einer Vollkommenheit der heiligen Jungfrau an sich trüge. Wenn es wahr wäre, dass die Edelsteine durch besondere himmlische Einflüsse gebildet werden, wie die Alten meinten, oder wie Sokrates bei Plato sagt, dass sie kostbare Teile, von den ewigen Felsen des Paradieses abgebrochen, seien, wer könnte dann leugnen, dass die heilige Jungfrau, die von der himmlischen Gnade gebildet worden, die Vollkommenheiten und Eigenschaften aller Edelsteine im ausgezeichnetsten Maße besitze? Wenn die Heiligen und Auserwählten Gottes, wie der heilige Johannes in seiner Offenbarung gesehen, herrliche Edelsteine sind, mit dem die heilige Stadt Jerusalem erbaut wurde, welch unaussprechlichen Wert muss dann diejenige haben, die nach ihrem Sohn den ersten und vornehmsten Platz in derselben einnimmt, und die mit mehr Gnade und Herrlichkeit als alle Auserwählten Gottes erfüllt und begabt ist?

Wunderbares haben die alten Naturforscher wie Plinius, Dioscorides, Albert der Große und andere von den Eigenschaften und Kräften der Edelsteine geschrieben. Wenn man auch dasselbe nicht durch die neueren Erfahrungen der Wissenschaft begründen kann, so lässt es sich doch wunderschön auf Maria beziehen und die Eigenschaften aller irdischen Edelsteine mit den Tugenden unseres himmlischen Edelsteines vergleichen; dieser Vergleich aber wird die Herrlichkeit Mariens im hellsten Glanz zeigen und unsere Liebe und Verehrung zu ihr in einer Weise steigern, dass wir außer Gott nichts für so wertvoll und kostbar halten, als die heilige Jungfrau.

Der himmelfarbige Hyacinth hat die Kraft, Lust und Freude zu bringen, weshalb ihn auch die Alten stets auf der Brust trugen und ihn den Herzenserleichterer nannten. Wie ist doch dieser Edelstein Maria so ähnlich, deren himmelblauer Mantel die ganze Welt liebend umfängt und deren Mutterherz alle christliche Herzen erleichtert und froh macht! – Als sich die heilige Jungfrau ihrer Base Elisabeth näherte, erfüllte Freude deren Herz, und Magdalena, untröstlich über den Verlust ihres göttlichen Meisters, hörte beim Anblick Mariens zu weinen auf und fand in der Nähe dieses Mutterherzens den verlorenen Frieden und die Freude am Leben wieder. Darum nennt der heilige Epiphanius Maria die wahre Freudenbringerin. Als sich zum heiligen Vinzenz von Paul einst einer seiner Schüler weinend flüchtete, weil ein herbes Weh seine Brust beklemmte und tiefer Schmerz seine Seele durchdrang, so führte ihn der Heilige, ohne ein Wort zu sagen, in die Kirche zum Muttergottesaltar und ließ ihn niederknien vor ihrem heiligen Bild. Wenn dich die nicht wieder froh macht, sagte er, dann wirst du es nicht mehr. Und kaum hatte der Betrübte gebetet, so war er heiter, wie nie in seinem Leben.

Der glänzende Diamant ist gut wider das Gift, weshalb ihn die Alten zur Zeit ansteckender Krankheiten und pestartiger Seuchen häufig gebrauchten. Es gibt aber kein tödlicheres Gift, als die Sünde, besonders die Unkeuschheit, die Leib und Seele zugleich mordet. Hier aber ist Maria der heilkräftige Diamant, dessen reiner, fleckenloser Glanz Liebe zur heiligen Reinigkeit einflößt und dessen feurige Strahlen den Teufel der Unzucht vertreiben. Daher stimmen alle Geisteslehrer überein, dass es kein kräftigeres Mittel gegen die unreinen Versuchungen gibt, als die Verehrung der heiligen Jungfrau und besonders jene drei Ave Maria am Morgen und am Abend zu Ehren der unbefleckten Empfängnis Mariens gebetet. Das Andenken an die Jungfrau aller Jungfrauen erweckt jungfräulichen Sinn; die Anrufung der Unbefleckten vertreibt die bösen Begierden und sie, die selbst rein war von jedem Schein einer Sünde, erwirbt uns die standesmäßige Keuschheit und bewahrt sie uns.

Der lichte Karfunkel besitzt die Eigenschaft, die Nacht und Finsternis zu erleuchten, aber nur die irdische; die geistige Nacht erhellt Maria, als die Mutter des wahren Lichtes, das da jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt. Der heilige Ildephons begrüßt sie als die Leuchte der Völker und der heilige Anselmus als das Licht der Irrenden und Ungläubigen. Die heilige Gertrudis sah in einem Gesicht, wie Maria, als man sie in der Litanei als die weiseste Jungfrau anrief, ein himmlisches Licht über alle ausgoss, besonders aber über jene, die, wie es im Lobgesang des Zacharias heißt, in der Finsternis und im Schatten des Todes sitzen. Für sie ist Maria ein lichtstrahlender Karfunkel, der sie wunderbar erleuchtet und die Dunkelheit des Irrtums und Zweifels vertreibt. So ließ sich einst ein lutherischer Kavalier zum Schein oder aus Vorwitz in die Bruderschaft Mariataferl in Österreich unter der Enns eintragen und schrieb mit eigener Hand seinen Namen in das Register. Aber von dieser Stunde an hatte er keine Ruhe in seinem Gewissen mehr, bis er zum heiligen katholischen Glauben zurückgekehrt war. Sein leiblicher Bruder kam später an den Wallfahrtsort, erzählte den ganzen Verlauf der Bekehrung seines Bruders und unterzeichnete die Urkunde zum Zeugnis seiner Aussage.

Der grüne Jaspis hat die Macht, die bösen Geister zu vertreiben. Vor wem aber, liebe Christen, hat der Teufel mehr Furcht, als vor Maria, von der es im Paradies schon hieß, sie werde der Schlange den Kopf zertreten? Sie ist also für uns der hoffnungsgrüne, vertrauenerweckende Jaspis, der den bösen Feind in die Flucht jagt und all seine listigen Anschläge vereitelt. Darum ruft der heilige Alphonsus: Selig der, der immer im Kampf mit der Hölle den schönen Namen Maria anruft! –

Im blauen Saphir wohnt die Eigenschaft, die Andacht zu vermehren. Man pflegte ihn daher den heiligen Stein zu nennen und noch jetzt tragen die Päpste solche Steine; wird ein neuer Kardinal erwählt, so schickt ihm der heilige Vater einen Saphir, um ihn dadurch zu jener Tugend und Heiligkeit zu ermahnen, die sich für seine hohe Würde geziemen. Willst du in der Vollkommenheit von Stufe zu Stufe steigen, so liebe Maria, die der heilige Bernhard die Leiter zum Himmel nennt und die für uns der geistige Saphir ist, der die Tugend in uns kräftigt und vermehrt. Wer von uns fühlt sich nicht im Andenken an Maria, kniend vor ihrem Bild, betend vor ihrem Altar andächtiger, versammelter, ergriffener, als irgendwo; wer fühlt im Gebet zu Maria nicht die Andacht, Liebe und Verehrung zu ihr mächtig wachsen und zunehmen? – Das lehrt uns die Erfahrung und das bestätigen uns die Heiligen, unter denen der heilige Antonius sagt: Maria ist sowohl die Quelle, als die Vermehrerin der Andacht.

Der feurige Amethyst flößt Liebe ein und hat die Gabe, dass der, der ihn trägt, sich den Fürsten und Königen angenehm macht. Das Mutterherz Mariens ist ein Feuer, das alle erwärmt, die sich ihm nahen; ich bin die Mutter der schönen Liebe, heißt es von ihr in der heiligen Schrift; sie bringt also in der Seele ihres Verehrers die Liebe hervor, sie ruft im Herzen ihres Dieners die Liebe wach, sie flößt sie ein, weshalb es wahr ist, was der heilige Augustin sagt: Verlangst du nach Liebe, dann gehe zu Maria! Gleichwie der göttliche Heiland den toten Jüngling von Naim wieder erweckte, weil dessen Mutter bei ihm war, so empfängt der Herr liebreich die Seele und gewährt gerne ihre Bitten, bei der er Liebe und Andacht zu seiner göttlichen Mutter bemerkt.

Der funkelnde Smaragd besitzt die Eigenschaft, den Menschen keusch zu machen. Ja, man sagt sogar, dass dieser Edelstein in Stücke zerspringt, wenn man gegen die Reinigkeit fehlt. Er soll auch zu großem Reichtum verhelfen. Auch hierin gleicht dieser Edelstein ganz Maria, denn wer sie liebt, bleibt rein und ein reines Herz ist selig, weil es Gott anschauen wird; ein reines Gewissen ist glücklich, weil es kein größeres Glück auf Erden gibt; ein reines Gemüt ist reich, weil sein Frieden der größte Schatz auf Erden ist. Als die heilige Hedwig von Polen, die die Muttergottes auf ganz besondere Weise ehrte und liebte, freiwillige Armut sich wählte, von allen irdischen Dingen sich los machte, Not und Entbehrung ertrug, da wurde sie einst wegen ihrer Dürftigkeit bedauert. Sie sprach aber mit heiliger Begeisterung, indem sie auf ein Marienbild zeigte: Warum bemitleidet ihr mich, der größte Reichtum ist mir geblieben, ich kann und darf ja Maria lieben! –

Ja du, o allerseligste Jungfrau Maria, bist mein Edelstein, dessen Feuer der Liebe nie erlöscht, dessen Glanz der Herrlichkeit nie vergeht und dessen Farbe der Heiligkeit ewig nie matt wird! Himmelfarbiger Hyacinth bringe Lust und Freude in mein Herz und halte fern von mir jedes Gift, du glänzender Diamant! Vertreibe die Nacht ringsum, du lichter Karfunkel, und jage den Satan von mir, du grüner Jaspis! Vermehre die Andacht, blauer Saphir, mache mich angenehm deinem göttlichen Sohn, feuriger Amethyst, und erwirb mir, funkelnder Smaragd, die standesmäßige Keuschheit! Amen.