21. Maiandacht - Maria, mein Wort


Aus dem im Innersten der Brust geschöpften Atem entspringt die Stimme, das Wort. Dies aber wird umso sanfter und eindringlicher sein, je besser der uns innewohnende Geist ist. Welch vortreffliche Worte wird demgemäß die Mutter des ewigen Wortes aus jener Seele hervorgebracht haben, die da voll des heiligen Geistes gewesen! Wir kennen aus der heiligen Schrift nur sieben Gelegenheiten, bei denen Maria ihren Mund zum Reden geöffnet; aber jederzeit waren es Worte des Heiles, gesprochen mit der gehobenen Stimme der Freude und der innigen Sprache der Liebe.

O seligste Jungfrau, das erste Mal hast du durch ein einziges sanftes Wort das Bangen der gesamten Schöpfung verscheucht; durch dein einziges: Mir geschehe, hast du jene Welt neubelebt, die Gott durch ein siebenmaliges: Es werde, ins Dasein gerufen. Und wieder war es ein Wort, das den Spiegel deiner reinen Seele im hellsten Licht zeigte: Wie soll dies geschehen, da ich keinen Mann erkenne? – Jene Tugend aber, die den Herrn vom Himmel in deinen Schoß zog, die Demut, bewiesest du durch das Wort: Siehe, ich bin eine Magd des Herrn! – Und die Dankbarkeit entjubelte deiner Brust in den Worten: Hoch preist meine Seele den Herrn! – Einmal schlug deiner volltönenden Stimme lauter Schall an Elisabeths Ohr, es war ein Wort der Liebe und siehe, der Täufer Johannes, der getreue Wiederhall deiner Stimme und des ewigen Wortes in dir – er erwachte auf die Löwenstimme deines Sohnes zum Leben der Gnade, nachdem ihn seine Mutter im Tod der Sünde empfangen hatte. O wie liebevoll und tiefempfunden war das Wort deines Schmerzes: Sohn, warum hast du uns das getan? und wie so ganz für uns gesprochen das Wort der Belehrung: Was er euch sagen wird, das tut! Endlich hast du, damit der Wein nicht ausginge, hindeutend auf jenen Wein, von dem die Welt nachmals aus Liebe zu ihrem ewigen Heil in der heiligen Eucharistie kosten sollte, mittelst eines einzigen Fürwortes bei deinem Sohn: Sie haben keinen Wein mehr, das erste Wunder erwirkt!

Sei daher du, o Lehrmeisterin im Reden, Maria, mein Wort, und zwar mein Fürwort und mein Sprichwort, denn dein Name ist wirksam bei Gott, den du erbittest, und holdselig der Welt, für die du bittest!

Groß ist die Macht des Wortes. Auf das einzige Wort eines Königs stürzen ganze Kriegsheere in den Tod. Durch die Mannigfaltigkeit der Stimme des Redners werden auch die Gemüter der Zuhörer verschieden gestimmt. Durch den einzigen Befehl des Mose vertrocknen Meere, erweichen Felsen. Auf Josuas Geheiß bleibt das schnelle Sonnenrad augenblicklich stehen. Wie Elias seinen Mund auf- oder zumacht, öffnet sich der Himmel und schließt sich. Durch des Priesters Wort wird die Gnade, ja Gott selbst vom Himmel auf die Erde herabgezogen. Doch wenn Maria ihre Stimme erhebt, wenn ihr Wort für uns spricht, dann wird der Unüberwindliche überwunden, dann wird der Unbesiegbare besiegt. Maria ist das kräftigste Fürwort bei Gott; ihre Stimme wird stets gehört, ihre Bitte wird nie abgeschlagen; ihr Flehen wird immer erfüllt und ihre Fürsprache findet allzeit Erhörung. Daher lässt uns die heilige Kirche im Salve Regina rufen: Du bist unsere Fürsprecherin bei Gott! Daher weist sie uns hin zu Maria, wenn wir uns um unserer Sünden willen nicht zu Jesus, dem Richter der Lebendigen und der Toten, hingetrauen. – Hiob sprach einst: Gottes Zorn kann niemand widerstehen und unter ihm beugen sich, die den Erdkreis tragen. Und nun, was bin erst ich, dass ich ihm zur Rede stehe und mit meinem Mund mit ihm rede? Hätte ich auch irgendein Recht, ich würde nicht Worte wechseln. – Liebe Christen, wenn Hiob also spricht, von dem Gott selbst das Zeugnis gibt, dass zu seiner Zeit keiner auf Erden war, der ihm an Tugend und Heiligkeit ähnlich war, was müssen wir sagen, die wir so wenig Tugend und so viele Laster haben, wohin sollen wir uns flüchten, zu welchem Vertreter, zu welchem Anwalt? – Zu der Mutter, die für die Kinder beim Vater spricht; zu Maria, von der die heilige Kirche in der Himmelfahrtsmesse sagt: Deshalb, o Gott, hast du sie aus diesem Leben abberufen, damit sie bei dir für unsere Sünden vertrauensvoll bitte. Maria ist und bleibt daher unser lebendiges Fürwort am Thron Gottes, dessen Kraft die heiligen Väter uns mit den herrlichsten Worten beschreiben. Was kann wohl, fragt der heilige Bernhardin von Siena, mit der mütterlichen Fürbitte Mariens verglichen werden? Sie steht für uns flehend zur Rechten ihres Sohnes als Königin; sie ist die Tochter des Königs durch glorreiche Annahme und die Braut des höchsten Königs durch glorreiche Aufnahme und so steht sie da, um Fürbitte einzulegen gegen den Zorn des Richters. Der heilige Ephräm sagt: Maria ist gnädig denen, die sie anflehen; zu ihrem erzürnten Sohn spricht sie süße Worte, und dieser, davon gerührt, wird besänftigt. – Mit welchem Vertrauen sollen wir uns daher an Maria wenden, wenn die Sünde uns besiegt, die Leidenschaft uns überwunden und eine böse Gewohnheit zum Fall uns gebracht hat! – Wie Maria es war, die uns bisher vor dem Zorn des Allmächtigen und vor der nur zu sehr verdienten Strafe beschützte und bewahrte, so wird sie auch ferner uns mit Jesus versöhnen und unser Fürwort bei ihm sein, wenn wir reuevoll zu ihr kommen, wenn die Liebe und Andacht zu ihr uns zur Gewohnheit, zur zweiten Natur und ihr süßer Name unser Sprichwort wird.

Herzog Heinrich von Österreich war so ganz in den göttlichen Willen ergeben, dass er diese fromme Gesinnung auch beständig äußerte und von seinem Sprichwort den Namen Heinrich Jasomirgott in der Geschichte erhielt. – Ludwig der Reiche, Herzog von Bayern, führte immer das Sprichwort im Mund: Jesus, du freust mich! und schrieb dasselbe in allen Erlassen und Urkunden unter seinen Namen. – So sollen auch wir, liebe Christen, wenn wir wahre Kinder Mariens sein wollen, ihren Namen beständig im Mund führen; ihn auszusprechen soll uns eine heilige Gewohnheit, ihn zu nennen eine süße Pflicht der Liebe sein. Rede, damit ich dich kennen lerne, heißt es; reden wir deshalb oft von Maria, damit unsere Neigung und Gesinnung offenbar werde. Wovon das Herz voll ist, davon geht der Mund über, heißt es; zeigen wir daher durch wiederholtes Sprechen von ihrer Liebe, Macht und Barmherzigkeit, durch oftmaliges Anrufen ihres heiligen Namens, dass Andacht und Verehrung zu Maria unser Inneres erfüllt.

Nie sprichst du umsonst den Namen Maria aus, sagt der heilige Bernhard, denn sie antwortet dir jedes Mal mit einer Gnade. Ihre Stimme durchdringt die Himmel und gleicht dem Stab des Mose, der dem Felsen Wasser entlockte. Wenn sie redet, öffnet sich aus den Wolken eine Gnadenquelle und wären sie verschlossen wie Felsenstein.

Heilige Jungfrau, vor dir sang schon Maria, die Schwester des Mose; es betete und weinte Anna, Samuels Mutter; es seufzte Esther, des Assuerus Gemahlin; es rief Judith, Bethuliens Heldin; aber deine Stimme, Maria, sie ist im Chor aller Frauen die erste und übertrifft alle anderen, wie der Gesang der Nachtigall das Gezwitscher der übrigen Vögel.

Vor den alttestamentlichen Altären brüllten Rinder und blökten Schafherden; es erschallten dort die Cymbeln der Jungfrauen, die kriegerischen Pauken, die Posaunen der Priester, der Festjubel des Volkes, um den Herrn zu bewegen, die Himmel zu durchbrechen und auf die Erde niederzusteigen. Aber Gott willfahrte nicht eher und ließ sich nicht früher bewegen, herniederzusteigen, als bis deine Stimme ertönte, die lauteste und ans Herz dringendste von allen.

Ist ja doch jene Huld auf deinen Lippen ausgegossen, mit der du Gott dem Sünder geneigt machst, mit der du den Frommen hinreißest, mit der du die Sitze der Himmelsbürger besetzest und jene der Unterwelt entleerest. – Der Hohepriester Onias hat viel für sein Volk gebetet, mehr noch Abraham für Sodoms Bewohner, die Lippen beider träufelten süß wie Honigseim, aber sie vermochten kein vollständiges Heil zu bringen, wie Maria. Ihre Stimme wird durch Bitten niemals heiser, vom Überdruss nie besiegt, von der Furcht einer abschlägigen Antwort nie geschreckt, durch die Menge der Vergehen nie aufgebracht, fährt sie fort, täglich Gnaden uns zu erbitten, wenn wir sie dadurch, dass wir sie oft rufen und andächtig nennen, zum Reden bringen und zu einer Antwort bewegen.

Wie die Kinder nicht oft genug den Namen Mutter aussprechen können, wie die irdische Liebe nie ermüdet, den Namen ihres geliebten Gegenstandes stets zu wiederholen, so sollen auch wir den Namen Maria zu unserem frommen Sprichwort machen, und das beste Mittel hierzu ist die fleißige Abbetung des heiligen Rosenkranzes, in dem der Name unserer hochgebenedeiten Himmelsmutter so oft vorkommt. Durch dieses Gebet werden wir den Engeln ähnlich, die unaufhörlich ihr Heilig, Heilig durch die Himmelsräume rufen, während wir auf Erden beständig Maria, Maria beten und dieses Gebet wird bewirken, dass uns die andächtige Aussprechung ihres heiligen Namens zur süßen Gewohnheit wird, die unsere Liebe und Verehrung zur heiligen Jungfrau jedes Mal vermehrt und immer neue Gnaden uns erwirbt. Der heilige Eduard, König von England, schlug nichts ab, um was man ihn im Namen Mariens bat; ebenso wenig wird der König Himmels und der Erde etwas versagen, das man im Namen seiner göttlichen Mutter erfleht. Das ist auch der Grund von der unendlichen Kraft des heiligen Rosenkranzgebetes, das die Kirche mit so vielen Ablässen bereichert und die Heiligen so oft und gerne gebetet haben.

Der heilige Klemens Hofbauer betete immerfort, wenn er auf der Gasse ging, in der Stille den Rosenkranz, den er zwischen den Fingern hielt. Er nannte ihn seine Bibliothek und sein kräftigstes Mittel zur Bekehrung der Sünder und besonders der Sterbenden. Wenn ich zu einem Kranken gerufen werde, sagt er, wo ich zum Voraus weiß, dass er zur Beicht nicht vorbereitet ist oder durchaus von der Beicht nichts wissen will, und bete unterwegs den Rosenkranz, so geht alles nach Wunsch und Willen, sobald ich dahin komme. Glaubt mir, die Mutter Gottes macht alles und niemand wird verlassen, der sie wahrhaft um ihre Fürbitte anruft. Einst kam er ganz ermattet aus einer Vorstadt Wiens nach Hause und erzählte, er sei bei einem Kranken gewesen, der seit siebzehn Jahren nicht mehr gebeichtet habe, aber doch sehr reuevoll gestorben sei. Ja, sagte er, da geht es schon gut, wenn einer weit in der Vorstadt wohnt, denn da habe ich unterwegs Zeit, den Rosenkranz zu beten und ich wüsste nicht, dass ein Sünder sich nicht bekehrt hätte, wenn ich vorher Zeit gehabt, den Rosenkranz zu beten.

O heilige Jungfrau, dein Name sei daher mein Fürwort bei deinem göttlichen Sohn und mein Sprichwort im Leben. Wie der heilige Alphonsus will ich dir versprechen, so lange ich lebe, deinen süßen Namen wenigstens jede Stunde andächtig auszusprechen, damit man auch von mir einst sagen könne, was von der heiligen Hyacintha Marescotti gesagt wurde: Der ganze Trost ihres Herzens bestand im Hören, im Anschauen und im Aussprechen dieses heiligen Namens. Amen.