20. Maiandacht - Maria, meine Perle


Einst sprach der göttliche Heiland zu seinen Jüngern: Das Himmelreich ist gleich einem Kaufmann, der gute Perlen sucht. Wenn er eine kostbare Perle gefunden hat, geht er hin, verkauft alles, was er hat, und kauft sie. Wie nah, liebe Christen, liegt der Vergleich dieser kostbaren Perle mit Maria, für die der Herr selbst den Thron seiner Glorie und die Rechte seines Vaters, den schönen Himmel mit all seinen Herrlichkeiten verlassen hat, um sie für sich als Wohnung auf Erden zu erwerben, als irdische Mutter zu gewinnen!

Es gibt nicht leicht etwas Kostbareres und Wertvolleres als eine echte Perle und auch aus diesem Grund gleicht sie der Muttergottes, deren Preis unschätzbar und deren Wert unermesslich ist. Der heilige Methodius nennt sie daher eine himmlische Perle und jeder Christ, der die heilige Jungfrau liebt und verehrt, hat wie er das Recht, sie zu begrüßen: Maria, meine Perle!

Diesen Titel zu unserem Trost und zu unserer Freude tiefer zu begründen, lasst uns heute, liebe Christen, die Perle näher betrachten und zwar ihr Werden und ihren Wert, indem wir diese zwei Eigenschaften auf die allerseligste Jungfrau Maria beziehen.

Die Perlen entstehen und nähren sich vom Tau, wie die alten Naturforscher meinten, weshalb die Perlmütter ihre Schalen himmelwärts öffnen, als wollten sie von dort die Tautropfen erflehen, die die kühle Luft zur Zeit der Morgenröte hinabsenkt. Was hier die Ansicht früherer Zeiten war, das ist Wahrheit bei dem Werden der heiligen Jungfrau, bei der Empfängnis Mariens, die so rein und unbefleckt war, wie der kristallene Tau des Himmels. Derjenige, der die Engel des Himmels vor dem Unglück bewahrte, in den Sturz ihrer empörten Brüder verwickelt zu werden, hat gleicherweise die Königin der Engel vor dem allgemeinen Verderben der Menschen geschützt und zu Maria gesagt, wie Ahasverus zu Esther: Dies Gesetz, das jedermann halten soll, ist nicht für dich gemacht. Derjenige, der aus Maria seine menschliche Natur annahm, konnte unmöglich zugeben, dass seine Mutter jemals unter der Knechtschaft der Sünde stand. Derjenige, der Maria schon im Paradies bestimmte, dass sie der Schlange den Kopf zertrete, musste sie vor der Erbsünde bewahren, damit der Teufel niemals sagen konnte, sie sei auch nur einen Augenblick ihm unterworfen gewesen. Darum scheinen die Worte Salomos ganz von dem Werden unserer himmlischen Perle gesprochen zu sein und passen ewig schön für die unbefleckte Empfängnis Mariens: Der Herr hat mich besessen im Anfang seiner Wege, ehedenn er etwas gemacht hat, von Anbeginn. Ich bin eingesetzt von Ewigkeit, von alters her, ehedenn die Erde geworden. Die Tiefen waren noch nicht, und ich war schon empfangen; die Wasserquellen brachen noch nicht hervor, der Berge gewaltige Last stand noch nicht und vor den Hügeln wurde ich geboren. Darum sprechen alle heiligen Väter einstimmig und ausdrücklich von dem fleckenlosen Werden der heiligen Jungfrau. Ephräm sagt: Maria stammt aus Adams Geblüt. Wohl! Folgt aber daraus, dass sie mit dem Blut auch dessen Krankheit geerbt hat? – Sie leitet von ihm ihr Leben ab, aber darum nicht auch den Tod. Justin der Martyrer nennt Maria die reinste Vermittlerin der menschlichen Erlösung; der heilige Irenäus heißt sie: ein neues Geschlecht in der neuen Weltordnung; der heilige Hippolyt rühmt sie als die unbefleckte Sachwalterin zwischen Gott und den Menschen; zu Gunsten der unbefleckten Empfängnis Mariens lehrt ein Origenes; ein Cyprian steht hierfür ein; ein Athanasius verteidigt sie; für sie erhebt Leo seine Kraftstimme und erglüht Basilius; sie nimmt Epiphanius in Schutz und beweist Augustinus; sie erklärt Hieronymus und erläutert Ildephonsus; von ihr redet Ambrosius und über sie ergießt sich des Chrysostomus goldener Mund; von ihr schreibt des Bernhardus in Honig getauchte Feder und für sie bemüht sich Idiota und für sie tritt Anselmus in die Schranken und triumphiert Hugo von St. Viktor; sie behandelt Thomas von Aquin und für sie ist Duns Scotus ganz begeistert. – Derjenige, der haben wollte, dass sein Leib in eine reine Leinwand gewickelt, dass sein Leichnam in ein neues Grab gelegt werde, in dem noch niemand ruhte, wird gewiss auch nur eine reine, niemals von der Sünde befleckte Stätte zu seiner Wohnung gewählt haben. Überhaupt ist der Glaube von der unbefleckten Empfängnis Mariens von jeher so allgemein und so tief ins Herz des christlichen Volkes gedrungen gewesen, dass die Erhebung dieses Geheimnisses zum Glaubenssatz durch Papst Pius IX. den Glauben daran nur bestätigen, aber nicht mehr vermehren konnte. Es heißt: Die Stimme des Volkes, die Stimme Gottes und der heilige Apostel Paulus sagt zu den Korinthern: Ihr seid ein offen daliegender Brief Christi, gefertigt von uns, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern in fleischerne Tafeln des Herzens. – Und von diesem Buch oder Brief der christlichen Herzen redet auch die göttliche Majestät selbst beim Propheten Jeremias: Ich will geben mein Gesetz in ihr Inneres und in ihr Herz will ich es schreiben. Ja darin, liebe Christen, darin stand und steht es ewig eingeschrieben, in dem Herzen des christlichen Volkes: das Privilegium Mariens, das Geheimnis ihrer unbefleckten Empfängnis! – Und ich bin fest überzeugt, dass ihr, wenn ich eine Schreibtafel herumreichte, wie einst zu Zeiten des Zacharias, um euch zu fragen, wie ihr die Gottesmutter am Tag ihrer Empfängnis genannt haben wollt, alle miteinander ausrufen würdet: Gnade ist ihr Name, wenn auch niemand in eurer Verwandtschaft ist, der im Augenblick seiner Empfängnis diesen Namen getragen. Also aus dem kristallhellen Tau des Himmels, unberührt von der Erbschuld, unbefleckt von jeder Sünde entstand diese himmlische Perle und darum ist ihr Wert unschätzbar.

Der Wert der Perlen, besonders der größeren, war schon im Altertum sehr bedeutend. Die Perle, die Kleopatra in Essig auflöste und trank, soll zwölf Millionen Sesterzien wert gewesen sein. Einst soll man im persischen Meerbusen eine Perle aufgefunden haben, die man auf 460 tausend Reichstaler schätzte. Die Republik Venedig schenkte dem türkischen Kaiser eine von hunderttausend Reichstaler Wert; in der Krone des Kaisers Rudolf II. war eine Perle so groß, wie eine Birne. Doch was ist jeder, auch der größte Wert irdischer Perlen, gegen den jener himmlischen Perle, für deren Besitz auch wir alles hingeben müssen, wie der Kaufmann im Evangelium? – Ihr Wert ist so groß, dass wir ihn nur zu ahnen, aber nicht auszudrücken vermögen, ihr Wert liegt in den Worten: Maria ist Muttergottes. Der himmlische Bote selbst nannte sie so, indem er sprach: Das Heilige, das aus dir geboren werden soll, wird Gottes Sohn genannt werden. Auch der heilige Geist nannte sie so durch den Mund der heiligen Elisabeth, als sie zu Maria sprach: Wie geschieht mir dies, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Maria selbst nannte Jesus ihren Sohn; und die Apostel nennen sie mit Vorliebe die Mutter Jesu, und so nannte sie die Kirche von ihrem Anbeginn. Der heilige Paulus schreibt in seinem Brief an die Korinther, dass nur der bewährt ist, den der Herr lobt. Wie bewährt musste die Vortrefflichkeit der allerseligsten Jungfrau sein, da ihr Lob von Gott in nichts Geringerem bestand, als dass er sie unter allen Erdentöchtern als die einzige und vollkommenste auserkor, die Mutter seines eingeborenen Sohnes zu sein. Um Maria zu dieser Höhe zu erheben, bedurfte es des Armes des Allmächtigen, und um sie für die Erhabenheit einer so hohen Würde auszustatten, der Kraft des Allerhöchsten. Der himmlische Vater musste ihr so viele Reichtümer an Vollkommenheit geben, als einer solchen Würde angemessen war; der Sohn, die ewige Weisheit, seiner Mutter so viele Weisheit verleihen, als sich für das innige Verhältnis zwischen ihm und ihr geziemte; der heilige Geist ihr so viele Schätze der Heiligkeit mitteilen, um sie würdig zu machen, dem Heiligsten der Heiligen in ihrem Schoß aufzunehmen. Welch einen namenlosen, unaussprechlichen Wert, liebe Christen, müssen aber solche Schätze der Vollkommenheit, Weisheit und Heiligkeit verleihen! Darum ruft der heilige Bonaventura aus, Gott hätte eine größere Welt und einen geräumigeren Himmel erschaffen können; unmöglich aber war es ihm, ein Geschöpf höher zu erheben, als dass er es zu seiner Mutter machte. Dadurch allein sagt der heilige Epiphanius, dass von der allerseligsten Jungfrau gesagt wird, sie sei Muttergottes, wird alle Erhabenheit übertroffen, die nach Gott ausgesprochen oder gedacht werden kann. Und mit vollem Recht redet der heilige Basilius von Seleucia sie an: Man mag von dir, hochheilige Jungfrau, alles Erhabene und Rühmliche lobend und treffend sagen, so wird man doch niemals das Ziel der Wahrheit überschreiten, und keine Rede wird jemals die Größe deiner Würde, deinen Wert, erreichen.

Da wir nun das reine, fleckenlose Werden unserer himmlischen Perle geschaut und ihren unbegreiflichen Wert betrachtet haben, so lasst uns nun durch ein Beispiel aus der Kirchengeschichte begeistern, für den Ruhm und die Ehre Mariens alles zu tun und nichts zu scheuen. Im Jahr 431 war das Conzilium zu Ephesus, das die Häresie des Nestorius verdammte, der die göttliche Mutterschaft Mariens leugnete. Das Volk drängte sich am Tag, an dem der Ausspruch geschehen sollte, in unruhiger Bewegung in den Straßen und um den prachtvollen Tempel, den die Frömmigkeit der Bewohner des Küstenlandes am ikarischen Meer unter Anrufung der heiligen Jungfrau erbaut. Zweihundert Bischöfe untersuchten daselbst die Sätze des Nestorius, der nicht wagte, ihre Verteidigung selbst zu führen, so wenig traute er der Gerechtigkeit seiner Sache und der Güte seiner Beweise. Die Volksmassen, die sich dicht gedrängt in den Vorhöfen der Basilika und den nahen Straßen befanden, beobachteten ein tiefes Stillschweigen. Da erscheint ein Bischof; er verkündet der schweigenden, tief ergriffenen Menge das Anathem, das die Versammlung über den Neuerer ausgesprochen und dass die heilige Jungfrau glorreiche Anerkennung ihres erhabenen Vorrechts gefunden. Nun brach auf allen Seiten ein Freudengeschrei und Jubelsturm aus. Die Epheser und die Fremdlinge, die aus allen Städten Asiens herbeigekommen, umringten die Väter des Conziliums, küssten ihnen Hände und Kleider und verbrannten in den Straßen, durch die sie ziehen mussten, wohlriechende Kräuter. Man beleuchtete die Stadt und nie war die Freude des Volkes reiner und allgemeiner. Man glaubt, dass auf diesem Conzilium von Ephesus der heilige Cyrillus im Einverständnis mit der heiligen Versammlung, in der er den Vorsitz führte, jenes schöne und rührende Gebet an die Mutter Gottes entworfen, das die Kirche aufgenommen und womit wir zum Schluss auch unsere himmlische Perle begrüßen wollen: Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes! Amen.