2. Maiandacht - Maria, mein Stern


Robert, König von Frankreich, stiftete, wie die Geschichte erzählt, im Jahr 1022 zu Ehren der allerseligsten Jungfrau Maria, die er über alle Maßen liebte, einen Ritterorden. Die Ritter, die diesem Orden beitraten, und alle aus den ersten und vornehmsten Adelsgeschlechtern waren, trugen auf ihrem Mantel einen Stern und um den Hals eine goldene Kette, an deren Ende vorn an der Brust ebenfalls ein Stern glänzte.

Wählen wir uns, liebe Christen, auch diesen Stern als Zeichen unserer Liebe zu Maria, und heften wir ihn fest an unser Herz. Der Name Maria heißt im Hebräischen Stern des Meeres und sicherlich, sagt der heilige Bernhard, konnte die Mutter Gottes keinen passenderen Namen erhalten, noch einen solchen, der ihre Würde bezeichnender ausdrückte. Maria ist in der Tat jener glänzende und schöne Stern, der auf dem weiten und stürmischen Meer des Lebens glänzt.

Die Sterne zeigen sich nur im Dunkel der Nacht; je dunkler die Nacht, desto heller leuchten die Sterne; wenn ein anderes Licht kommt, verschwinden sie, obwohl sie selbst den schönsten Glanz haben. So mahnt uns unwillkürlich die Natur der Sterne an die Tugend der Hoffnung, die auch die Nacht des Unglücks braucht, um recht hell zu glänzen und die leider nur zu bald verschwindet und vergessen wird, wenn die Sonne des Glücks scheint und der helle Tag der Freude anbricht.

Da wir aber in einem Tränental wohnen und Gottes weise Vorsehung durch Heimsuchungen aller Art uns oft daran erinnert, damit wir seiner und des Himmels nicht vergessen, so ist die Tugend der Hoffnung unumgänglich notwendig für uns. Auf wen sollen wir aber hoffen, als auf die, die nach Jesus Christus unsere einzige Hoffnung ist, wie der heilige Bernhard sagt, als auf Maria, die Zuflucht aller Sünder? – Ja, Maria ist im Dunkel des Lebens, in der Nacht des Unglücks, in der Finsternis des Todes unser Morgenstern und Abendstern, der uns den Tag verkündet, der uns die Nacht versüßt.

Der Morgenstern hat mit der Sonne die innigste Verbindung, er ruft wie eine andere Sonne den Tag herbei und entfernt sich unterhalb der Sonne wandelnd niemals von ihr. Du bist mein Morgenstern, auf den ich hoffe, ruft der heilige Thomas von Villanova begeistert aus, warum? – Weil wenn du dich zeigst und im Herzen erscheinst, der Tag nicht mehr fern ist, der Tag der Freude, der Liebe, der Gnade Gottes. Du bist mein Morgenstern, auf den ich hoffe, warum? – Weil gleichwie der Morgenstern immer nahe bei der Sonne ist, so ist auch Maria mit der Sonne der Gerechtigkeit, mit Jesus Christus, aufs Innigste vereint, niemals von ihm getrennt. Welch ein starker, unerschütterlicher Grund der Hoffnung, des Vertrauens und der Zuversicht auf Maria!

Nicht weit von Jerusalem ist ein Hügel, auf dem jene Frau dem göttlichen Heiland zurief: Selig ist der Leib, der dich getragen! – Dieser Hügel, sagt man, grüne im Winter, wie im Sommer, seine Oberfläche werde nie beschmutzt, weil aller Staub, den der Wind hin weht, also gleich sich wieder entferne. – Ein schönes Bild der Hoffnung auf Maria. Gleich dem Hügel, auf dem sie seliggepriesen wurde, blickt sie zu jeder Zeit im Winter der Leiden, wie im Sommer der Freuden, vertrauenerweckend auf uns herab; kein Staub des Undankes, des Zweifels und des Misstrauens bleibt auf ihrem Mutterherzen ruhen, das mit immer gleicher Liebe bereit ist, uns zu helfen und stets auf alle mögliche Weise sich bemüht, die zuversichtliche Hoffnung auf sie in uns zu stärken und zu bewahren.

Der Morgenstern ist für die Erde von außerordentlich wohltätigem Einfluss und überdies ist er noch ein Gestirn, das milde Witterung bringt, während andere große Kälte, andere große Hitze hervorrufen. – Was die Erde Wohltaten, Gnaden und Segen empfängt, wird ihr durch den Morgenstern Maria gespendet. Durch welche Hilfe können die Schiffe unter so vielen Gefahren sicher zum ersehnten Hafen gelangen, fragt der heilige Bonaventura und antwortet: Gewiss durch zwei, nämlich durch ein Holz und durch einen Stern, durch die Kraft des Kreuzes und durch die Macht des Lichtes, das uns Maria der Morgenstern gebar. – Darum, liebe Christen, ruft mit dem heiligen Alphons: Meine Königin, zu deinen Füßen will ich wohnen, weil ich auf dich meine ganze Hoffnung gesetzt habe. Also hinauf den Blick zu jenem lieblichen Morgenstern, der den Trost des Tages der betrübten Seele verkündet. In Leiden und Heimsuchungen, in Trübsal und Versuchungen schaue hinauf zum Stern und rufe zu Maria. Sie sagt uns dasselbe, was sie der heiligen Brigitta geoffenbart hat: Keiner ist so verworfen, dass ihm, so lange er lebt, meine Barmherzigkeit mangle; keiner ist so weit von Gott entfernt, dass er nicht heimkehrt zum Vater, wenn er zu mir ruft.

Servilius, einer der römischen Auguren, sah über dem Haupt des Kaisers Aurelius einen glänzenden Stern und wahrsagte ihm und seinem Heer deshalb einen günstigen Ausgang der Schlacht. So wird mit voller Gewissheit einem jeden Christen, über dessen Haupt Maria, der Morgenstern, glänzt, in dessen Brust die Hoffnung auf ihre mächtige Hilfe wohnt, Glück und Segen, Frieden und Freude, Schutz und Beistand zuteilwerden. Maria wird ihn nicht verlassen bis zu seinem Lebensende, wo sie gleich dem Abendstern Trost und Ruhe in die scheidende Seele bringt.

Wie es in der Natur Abend wird und Nacht, so neigt auch im menschlichen Leben sich die Sonne und wirft ihre Schatten über das Sterbebett; und wie der Anblick des Abendsterns bei der hereinbrechenden Dunkelheit einen wunderbaren Frieden in die Seele zaubert, so beruhigt Maria die Seele im Todeskampf, besänftigt das aufgeregte Gemüt, zerstreut die Wolken der Bangigkeit und Furcht, erfrischt mit dem Tau der Gnade, macht hell die Erbarmungen Gottes und gießt jene Zuversicht ins brechende Herz, die dem Tod seine Schrecken nimmt und dem Grab jeden Schauder.

Wenn daher unser ganzes Leben eine Vorbereitung auf den Tod sein soll, so dürfen wir dabei nie vergessen, oft und oft und immer wieder Maria zu bitten und anzurufen, dass sie wie ein milder Abendstern den Abend unseres Lebens erhelle und die Strahlen ihrer Barmherzigkeit auf unser Sterbebett werfe; dass sie uns wie dem heiligen Josef im Tod beistehe und uns gleich ihm in ihren Mutterarmen sterben lasse; denn, wie kann der zu Grunde gehen, ruft der heilige Athanasius, der in den Armen Mariens stirbt? - -

Carl VI., dieser so unglückliche und eines besseren Loses so würdige König von Frankreich, stiftete während der ersten Jahre seiner Regierung in Folge eines in Languedoc abgelegten Gelübdes einen Ritterorden zu Ehren der heiligen Jungfrau. Zur Zeit seines Aufenthaltes in Toulouse nämlich jagte er oft mit Olivier von Clisson, Peter von Navarra und einer Menge anderer Hofherren in dem alten Wald von Bouconne. Als er sich eines Tages in Verfolgung eines Wilds von seinem Gefolge getrennt hatte, überraschte ihn die Nacht, rings umgeben von weglosen Wildnissen und großen Wäldern voll Bären und Eber; die Gefahr seiner Lage wuchs, als die Nacht immer dunkler herabsank und ein nebeliger Himmel alle Sterne verbarg. Bestürzt über seine Einsamkeit, nicht wissend, welche Richtung er nehmen sollte, verlobt sich der Fürst feierlich zu Unserer Lieben Frau von der Hoffnung und stellt sich demütig unter ihren Schutz. Alsbald zerstreut ein leichter Wind die Wolken und ein glänzender Stern wirft seine Silberstrahlen auf einen Fußweg, der den jungen Monarchen aus dem Wald führt. Am anderen Tag kommt Carl an der Spitze seiner Barone, die mit Ausnahme des Hauptes in voller Rüstung waren, sein Gelübde in Mariens Kapelle zu lösen. Zum Andenken an das gefährliche Abenteuer, das er bestanden hatte, gründete er bald danach den Orden von Unserer Lieben Frau von der Hoffnung und verordnete, dass ein Stern dessen Sinnbild sein sollte. Diese Stiftung beweist noch ein altes Bild, das man auf der Klostermauer der Karmeliten von Toulouse sieht neben der Kapelle

Von Unserer Lieben Frau von der Hoffnung. Es stellt den König von Frankreich dar, umgeben von seinen Rittern, den Herzogen von Touraine und Bourbon, von Peter von Navarra, Heinrich von Bar und Olivier von Clisson, deren Namen unten stehen. Oben schwebt ein Engel mit Streifen, auf denen dreimal das Wort Hoffnung steht.

Liebe Christen, treten auch wir geistiger Weise diesem Ritterorden bei, umschlingen wir unser Herz mit dem Band, auf das wir nicht bloß dreimal, sondern oft und oft betend schreiben wollen: Maria, unsere Hoffnung! – Tragen wir den Stern auf unserer Brust zum Dank, dass Maria uns schon so oft aus der Nacht der Sünde, aus dem wilden Gehege der Laster, aus dem Rachen reißender Leidenschaften gerettet hat und wenn wir sie im Leben freudig als unseren Morgenstern begrüßen, so beten wir im Tod, wenn sie gleich dem Abendstern über unserem Sterbelager glänzt, vertrauensvoll: Maria, mein Stern! Amen.