19. Maiandacht - Maria, mein Schild


Wenn man bei den Juden einen König krönte und salbte, so hat man auch zugleich dessen Schild gesalbt, um anzuzeigen, dass gleichwie der Schild der König unter den Waffen ist, ebenso ein König auch für seine Untertanen ein Schild sein soll. Als David von seinem Sohn Salomo redet, nennt er ihn einen Schirmer seines Volkes und einen Schild seiner Untertanen und sagt, dass er durch seinen Schirm die Seinigen trösten und mit Heil und Glück erfüllen, dass er besonders ein Schild derjenigen sein werde, die sonst von allen verlassen sind, und ein mächtiger, starker Schutz der Elenden und Schwachen. Hier sind die drei königlichen Eigenschaften ausgesprochen und weil der König der Gerechtigkeit, wie der heilige Anselmus sagt, Maria zur Königin der Barmherzigkeit bestimmte, weil nach dem Ausspruch des heiligen Chrysostomus der König Himmels und der Erde Maria zur königlichen Schirmfrau der Christenheit bestellte, so finden wir in ihr diese Eigenschaften in einer Weise, dass wir sie mit dem heiligen Johannes Damaszenus mit vollem Recht begrüßen können: Maria, mein Schild!

In dem silbernen Schild des Königs Alphons von Aragonien befanden sich drei goldene Rosen und in dem Schild, womit die Himmelskönigin ihre Untertanen mütterlich beschützt, leuchten im wunderbaren Glanz drei Tugenden, die Liebe, Sorgfalt, Macht, drei königliche Eigenschaften, eine große Liebe zu denen, die sie beschirmt, eine unermüdete Sorgfalt für die, die ihr vertraut sind und eine starke Macht gegen die Widersacher ihrer Schutzbefohlenen.

In der geheimen Offenbarung wird eine Stadt beschrieben, die nach der Anschauung mancher Geisteslehrer ein Sinnbild der triumphierenden und streitenden Kirche zugleich ist. Sie wird erleuchtet durch das Licht der heilsamen Lehre unseres Erlösers und umgeben von den Ringmauern des festen Glaubens der christlichen Kirche. Die zwölf Pforten bedeuten die Hirten und Lehrer, die uns auf den rechten Weg des wahren Glaubens führen; die zwölf Grundfesten der Mauern sind die zwölf Apostel. Das Gold, womit die Stadt gepflastert ist, sinnbildet die gegenseitige Liebe der Christen; die Quelle frischen Wassers, die die Stadt durchfließt, die heiligen Sakramente; die Bäume, die das ganze Jahr blühen und Früchte tragen, die gottseligen Christen, die durch ihre Tugend stets die Kirche erbauen. Der heilige Johannes sah aber auch eine erhabene majestätische Frau, die ihre Augen unverwandt auf die Stadt und ihre Bewohner richtete und deren Antlitz einen Lichtglanz ausstrahlte, dessen Lieblichkeit die Augen aller Tag und Nacht unwiderstehlich fesselte. Sie ist das Bild der hochgebenedeiten Mutter des Herrn und ihrer unaussprechlichen Liebe, die sie zur Kirche hat. – Nicht umsonst heißt es: In den Augen ruht das Herz, denn die Liebe des Herzens kann man aus nichts besser erkennen, als aus den Augen. Wenn wir daher die Augen der hochgebenedeiten Gottesmutter sehen, wie sie diese unverwandt auf die christliche Kirche gerichtet hält, so müssen wir erkennen, dass sie in ihrem Herzen eine große Liebe zur Kirche trägt. Sie liebt die Kirche auch, weil sie eine Mutter dessen ist, der das Haupt der Kirche ist; weil sie eine Mutter aller Kinder ist, die durch die Kirche zur Seligkeit berufen sind; weil sie die tugendhaften Seelen, die sich durch die Gnade ihres Sohnes und durch ihre Fürbitte in der christlichen Kirche befinden, viel besser erkennt und weiß. Aus diesen Gründen liebt Maria die Kirche mit einer Liebe, die mit nichts auf Erden zu vergleichen ist, so dass der heilige Petrus Damiani sagt: Es wäre der größte Wahn zu glauben, dass Maria, obgleich sie nun ganz und gar in Gott versunken und gleichsam göttlich geworden ist, deshalb das Wohl der christlichen Kirche auf Erden vergessen habe. Ihre Liebe, die sie in Erhaltung, Aufsuchung und Förderung des Heils derselben offenbart, ist wunderbar und unaussprechlich. Keine Lage und Bedrängnis, kein Rang und Stand, keine Ordnung der Kirche ist von ihrer mütterlichen Liebe ausgeschlossen. Dieser Trost gründet sich auf das Verhältnis der Liebe, die Maria für Jesus fühlt. Der Sohn bewilligt alles aus Liebe zu seiner Mutter, die Mutter begehrt alles aus Liebe zu ihrem Sohn; der Sohn will, dass alle Gnaden, die er seinen Kindern erteilt, ihnen wegen seiner Mutter zugesagt und gegeben werden, die Mutter liebt ihre Kinder wegen ihres vielgeliebten Sohnes, der sie mit seinem kostbaren Blut erkauft hat; der Sohn übergibt seiner Mutter alle Gewalt über seine christliche Kirche, die Mutter trägt, um ihrem vielgeliebten Sohn wohlzugefallen, die zärtlichste Liebe zur christlichen Kirche. O wunderbares Band! O goldener Schild, der mit Mutterliebe die Kirche schirmt, schützt und bedeckt!

Die Arche Noahs, die der allmächtige Gott zu bauen befahl und die dortmals sowohl die einzige Kirche, als das erste Schiff war, ist immer für ein Sinnbild der Kirche gehalten worden, in der die Rettung, während außerhalb von ihr das Verderben ist, gleichwie es bei der Arche der Fall war. Deshalb befahl auch der heilige Papst Clemens in seinen apostolischen Satzungen, dass alle Kirchen in der ganzen Christenheit in Gestalt eines Schiffes erbaut werden sollten. Deshalb findet man in den Schriften der heiligen Väter sehr häufig den Vergleich der Kirche mit einem Schiff und der heilige Gregor der Große führt dieses Bild weiter aus. Die Kirche, sagt er, ist jenes Schiff, dessen Steuerruder der heilige Petrus und seine Nachfolger regieren. Die zahllose Menschenmenge, die von allen Ständen und Würden auf dem Schiff sich befindet, bedeutet das ganze christliche Volk. Über dem Schiff sieht man in einer leuchtenden Wolke den himmlischen Vater, umgeben von Millionen englischer Geister. Bei dem Mastbaum steht der Erlöser; zu seiner Site der heilige Geist, der durch sein sanftes Wehen das Schiff in Bewegung setzt. Auf dem Kiel weilt die Mutter Gottes, immer wachsam das Schiff vor jeder Gefahr, vor jedem Unfall zu beschützen. – Es ließen sich wohl noch mehr Ähnlichkeiten zwischen der Kirche und einem Schiff finden, aber es reicht hin zu sagen, dass kein Schiff auf dem Meer größeren Gefahren und Stürmen ausgesetzt sei, als die christliche Kirche auf dem wildbewegte Ozean dieser Welt. Die Stürme, die ihr den Untergang drohen, sind die bösen Geister der Lüfte; die Wogen, die sie zu verschlingen trachten, sind die zehn Verfolgungen der Kirche, unter denen die letzte die furchtbarste war, gleichwie nach der Schiffer Meinung immer die zehnte Woge die gewaltigste und gefährlichste ist; die Klippen sind die Irrgläubigen, die durch geheime Anschläge den Frieder der Kirche zu erschüttern suchen; die Seeräuber sind die Ungläubigen, die so viele herrliche Länder dem Licht des Evangeliums geraubt haben und sie mit dem Schatten des Todes bedecken; die Sandbänke sind die Strafen Gottes: Krieg, Pest, Hunger und Not, die oft lange Zeit die Ausbreitung des Christentums verhindern.

Nur Gott weiß es, wie oft das Schiff der Kirche auf Sand aufgefahren und von den Stürmen verschlagen worden; wie oft es in den Wogen untergegangen und an den Klippen zerschellt; wie oft es von den Seeräubern geplündert worden wäre, wenn die heilige Jungfrau das Schiff nicht erhalten und durch ihre Fürbitte bei Gott aus allen Gefahren errettet hätte! – Sie ist das Auge, das immer wacht; ihre Sorgfalt ruht niemals; ihrer Sorgfalt entgeht nichts; ihre Sorgfalt beobachtet alles. Darum begrüßt sie auch der heilige Johannes Damaszenus als den heiligen Anker, an den wir alle Hoffnungen unseres angefochtenen Schiffes hängen, und der heilige Ephräm als den sicheren Hafen derjenigen, die Schiffbruch zu leiden in Gefahr sind.

Es war am 7. Oktober 1571, als die Seeschlacht bei Lepanto, im ehemaligen Meerbusen von Korinth, geschlagen wurde. Die Seemacht der Türken ruderte stolz gegen die weit geringere Flotte der christlichen Fürsten heran in der Absicht, sie zu umzingeln und zu vernichten. Die Christen hatten einen harten Stand, denn ihnen war der Wind entgegen und die ihnen zugewandten Sonnenstrahlen blendeten und hinderten sie, die Bewegungen der Türken zu beobachten. Kaum aber hatten die Gläubigen durch eifrige Gebete zu Maria den Beistand des Himmels angefleht, so nahm der Wind plötzlich eine andere, den christlichen Schiffen günstige Richtung; eine Wolke, die gleichzeitig aufstieg, verbarg die Strahlen der Sonne und so wurde es möglich, die feindlichen Bewegungen und Pläne genauer zu erspähen. Das Gefecht begann und die Christen vernichteten die türkische Flotte gänzlich. Wie hier Maria den Schild ihrer mütterlichen Sorgfalt vor das christliche Heer gehalten, so hält sie ihn beständig über das Schiff der heiligen Kirche, das umso sicherer die Fluten der Welt durchsegelt, als ihr Schild auch ein Schild der Macht und unüberwindlichen Stärke ist.

Der ehrwürdige Abt Rupertus sagt, dass der Turm Davids ein Bild der großen Gewalt und Stärke der Mutter Gottes sei, die sie in der Beschützung der christlichen Kirche beweist. Es hat auch dieser Turm in geistiger Beziehung ungemein viele Ähnlichkeit mit der heiligen Jungfrau. David hat ihn erbaut, nachdem er die Jebusäer überwunden hatte und der Erlöser hat seine geliebte Mutter zum Schild der christlichen Kirche erhoben, nachdem er den alten Feind besiegt und unter seine und ihre Füße gebracht hatte. David hat alles aufgewendet, um diesen Turm zum vollendeten Kunstwerk zu machen; der Herr hat nach den Worten des heiligen Bernhard Maria zu einem Wunder Himmels und der Erde gebildet; David hat seinen Turm auf einen hohen Felsen gebaut und stark befestigt, und der göttliche Heiland hat Maria also erhöht, dass sie von allen Engeln und Menschen betrachtet werden kann und ihr solche Macht und Stärke verliehen, dass sie allen Feinden der christlichen Kirche Furcht und Schrecken einzujagen vermag. David hat in seinem Turm eine Rüstkammer von allerlei Waffen und Wehren aufgerichtet und der Erlöser machte aus seiner Mutter einen Turm zur Beschirmung der christlichen Kirche, eine starke Schutzwehr gegen jeden Angriff, ein unüberwindliches Bollwerk gegen alle Feinde.

Es kann daher die heilige Kirche mit vollem Recht von Maria sagen, was der Bräutigam im Hohenlied von seiner Braut sagt: Du bist wie ein Turm Davids, der mit Schutzwehren gebaut ist; tausend Schilde hängen daran, die ganze Rüstung der Starken; und voll Zuversicht und Vertrauen mit dem heiligen Bonaventura beten: Seitdem ich die Liebe, die Sorgfalt und die Macht der heiligen Jungfrau kenne, ist mir für das Schifflein der Kirche nicht mehr bange. Wenn auch die Stürme der Verfolgungen noch so heftig sind und die Zahl der Feinde noch so bedeutend ist, Maria ist der undurchdringliche Schild, der die Kirche deckt und schirmt, Maria ist nicht bloß die Hilfe der ganzen Christenheit, sie ist auch der Schutz jedes einzelnen Christen, Maria ist mein Schild! Amen.