18. Maiandacht - Maria, meine Speise


Der griechische Kaiser Andronikus II. trug gewöhnlich ein Marienbild am Hals- Es war von Gold und so klein, dass er es in den Mund nahm, als er vom Tod überrascht wurde, weil er keine andere Wegzehrung erhalten konnte. In herrlicher Weise sinnbildet uns diese Geschichte den Gruß, womit wir heute Maria voll Andacht und Liebe begrüßen: Maria, meine Speise!

Der Mensch besteht aus Leib und Seele; beide bedürfen der Nahrung, um sich zu erhalten; wenn dem Körper die Speise fehlt, so verliert er seine Kraft, er wird ohnmächtig und schwach; ebenso wenn dem Geist die Nahrung mangelt, verschwindet seine Lebendigkeit und Frische, er wird träge und erlahmt. Für beide ist daher die Speise unumgänglich notwendig, so notwendig, dass sie ohne Nahrung gar nicht sein können. Es gibt aber auch keine innigere und unauflöslichere Verbindung als diejenige, die zwischen der Speise und dem, der sie isst, stattfindet. Die Speise vermischt sich so mit dem Menschen, dass sie alle Teile seines Körpers durchdringt, in Fleisch und Blut übergeht und seine Kräfte stärkt und vermehrt. Es kommt daher alles darauf an, welche Nahrung der Mensch wählt, da sie sowohl auf seine Seele, als auf seinen Leib den größten Einfluss übt.

Um euch diese Wahl zu erleichtern, liebe Christen, will ich euch heute Maria als leibliche und geistige Speise schildern, die Seele und Leib gleich kräftig nährt und stark macht, ohne zu sinken, den weiten Weg durch dieses Leben in die Ewigkeit zu gehen.

Wenn man den heiligen Bruder Klaus von der Flüe fragte, von was er sich nähre, antwortete er: Von der heiligen Kommunion. Und es war in der Tat so, volle zwanzig Jahre genoss er keine andere Speise. Aus diesem und so vielen anderen Beispielen, eines heiligen Gerasimus, einer heiligen Katharina von Siena und anderer sehen wir deutlich, dass die heilige Kommunion nicht bloß eine Nahrung für die Seele, sondern auch eine Speise für den Leib ist, indem sie ihn nährt, stärkt und kräftigt. Wenn der heilige Apostel Paulus viele Krankheiten und Schwachheiten des Leibes dem unwürdigen Genuss dieses Gnadenbrotes zuschreibt, so kann daraus mit Sicherheit geschlossen werden, dass der würdige Empfang desselben dem Leib lebensfrische Kraft verleiht und die Stärke der Gesundheit. – Klemens, Bischof von Alexandria, schreibt in seinen apostolischen Satzungen, dass diese hochheiligste Speise zum Heil und Nutzen der Seele und des Leibes dargereicht werde; und Thomas von Kempis spricht in seiner Nachfolge Christi: So groß ist zuweilen die Gnade dieses hochwürdigsten Geheimnisses, dass nach dem Maß der Andacht des Empfängers nicht bloß der Geist, sondern auch der schwache Leib empfindet, dass seine Kräfte bedeutend zugenommen haben. – Das Manna in der Wüste ist ein Vorbild des allerheiligsten Sakramentes; wie jenes die Leiber der Israeliten bewahrte, sagt Tostatus, dass keine Krankheit sie ergriff, so dient dieses gesegnete Brot zum Heil und Leben des ganzen Menschen und ist zugleich ein Heilmittel und ein Sühnopfer für die leiblichen und geistigen Krankheiten.

Das heiligste Altarsakrament aber ist das wahre Fleisch und Blut Jesu Christi; und was ist es noch? – das wahre Fleisch und Blut Mariens, aus der der göttliche Heiland seine menschliche Natur angenommen hat. – Als Laban hörte, dass Jakob der Sohn seiner Schwester gekommen, lief er ihm entgegen und umarmte ihn und küsste ihn und sagte: Du bist mein Gebein und Fleisch! – Mit mehr Recht kann die jungfräuliche Mutter Maria zu Christus sagen: Du bist mein Gebein und Fleisch! – Du bist derjenige, sagt der heilige Ambrosius von Jesus, der du von deinen heiligen, gebenedeiten Fleisch der Welt das Leben gibst, welches Fleisch aus dem heiligen und glorwürdigen Leib der allerseligsten Jungfrau Maria genommen worden. Und der heilige Augustin sagt: Das Fleisch Jesu ist das Fleisch Mariens und es ist, obwohl es durch die glorreiche Auferstehung groß gemacht worden, doch eben jenes Fleisch verblieben, das aus Maria empfangen worden ist. Noch deutlicher aber spricht dieser heilige Kirchenlehrer in seiner Erklärung des 98. Psalms: Christus hat von dem Fleisch Mariens sein Fleisch angenommen und dieses Fleisch hat er, uns zum Nutzen, zu essen gegeben. – Es ist daher die Ermahnung des heiligen Ignatius ganz richtig: Bedenke, o Christ, dass, so oft du kommunizierst, du mit dem Leib des Herrn auch das Fleisch seiner heiligen Mutter genießt und vereinige demnach mit dem Dank an Jesus auch den an Maria. – Das Blut, das nach der heiligen Kommunion in deinen Adern fließt, ist also nicht bloß das Blut dessen, der es am Stamm des heiligen Kreuzes für dich dahingegeben hat, es ist auch das Blut Mariens, von der es Jesus empfangen hat. Das Fleisch, das du in der heiligen Kommunion empfängst, ist also nicht allein das Fleisch Christi, der aus Liebe zu dir Fleisch geworden ist, sondern auch das Fleisch derjenigen, von der es Jesus angenommen hat. Mithin ist Maria wahrhaft und wirklich deine Speise, deine leibliche Speise, deine Speise, die den Leib kräftigt und stärkt. Wenn daher Liebe zur heiligen Jungfrau in deinem Herzen wohnt, o Christ, wenn du ihr aufrichtig und wahrhaft ergeben bist, dann muss es dich oft und oft hintreiben zu Gottes Tisch, weil du ja weißt, dass du dort auf eine solch innige Weise dich mit Maria vereinigen kannst, wie die Speise mit dem sich verbindet, der sie genießt. Jede wahre Liebe strebt nach Vereinigung; beweise daher die Echtheit der Liebe zu Maria durch oftmaligen, würdigen Empfang der heiligen Sakramente; zeige sie während dieser Maiandacht, in der die heilige Kirche allen denen, die reumütig beichten und andächtig kommunizieren, einen vollkommenen Ablass verleiht.

Wenn der heilige Bernhard das betrachtende Gebet die Speise der Seele nennt, so ist die andächtige Betrachtung des Lebens der heiligen Jungfrau, ihrer Freuden und Schmerzen, ihrer Liebe und Barmherzigkeit, ihrer Gnaden und Wunder eine geistige Speise. Der Mensch lebt nicht allein vom Brot, sondern von jedem Wort, das aus dem Mund Gottes kommt, sprach Christus, und deutete mit dieser Rede an, dass auch die Seele einer Nahrung bedarf. Diese Seelennahrung aber ist die Betrachtung, diese nährt den Geist, stärkt das Gemüt, kräftigt die Seele. Nach Gott aber findet die christliche Biene, sagt die heilige Brigitta so schön, in keiner Blume so viel und so süßen Honig, als in der Himmelsblume Maria. Wer sie mit inniger Liebe betrachtet und die Worte und Handlungen ihres heiligen Lebens durchgeht, der wird mit dem Bräutigam im hohen Lied sagen müssen: Ich kam in meinen Garten, meine Braut, um den Honig deiner Rede zu essen, um den Wein deiner Liebe zu trinken; der wird gleich ihm allen christlichen Seelen zurufen müssen: Esst, Freunde, und trinkt und berauscht euch, ihr Lieben! – Die Muttergottes lädt uns mit folgenden Worten ein: Kommt her zu mir alle, die ihr mich begehrt und sättigt euch von meinen Früchten! Ihre Früchte aber beschreibt sie selbst, indem sie sagt: Bei mir ist alle Gnade des Wandels und der Wahrheit, bei mir alle Hoffnung des Lebens und der Tugend. Wie reich wird daher die Seele, die bittend sich an Maria wendet, wie gesättigt der Geist, der sich auf den Schwingen der Andacht und Liebe zu ihr erhebt, wie kräftig genährt das Gemüt, das oft im Gebet sie betrachtet! – Darum betrachteten auch die Heiligen Tag und Nacht die allerseligste Jungfrau und nährten durch diese geistige Speise ihre Seele. Und gerade die erleuchtetsten und gelehrtesten unter ihnen taten dies am meisten, woraus wir mit Recht schließen können, dass Maria wahrhaft die Seele nährt und stärkt, dass sie wahrhaft eine geistige Speise sei. – Das große Licht unserer Kirche, der heilige Bonaventura, hatte immer Maria im Herzen; sie war sein erster Gedanke, wenn er aufstand, an sie dachte er bei seinen Studien und Beschäftigungen, mit ihr begab er sich zur Ruhe. Was er selbst tat, das riet er auch andern. Alle Augenblicke, das sind seine Worte, gedenkt der allerseligsten Jungfrau. Das riet auch ein anderer ebenso gelehrter Diener der Muttergottes, der heilige Johannes Damaszenus, mit den Worten: Lasst uns unser Gedächtnis zu einer Wohnung der Jungfrau machen! Auch der ehrwürdige Bernhardin de Bustis sagt: Das Andenken an die Jungfrau habe immer in deinem Herzen und bei deinen Werken.

Wie schmerzend der Hunger ist, das wissen jene am besten, die mit Nahrungssorgen zu kämpfen haben und denen oft das Notwendigste fehlt. Aber auch wir können auf die Größe dieses Schmerzes schließen, wenn wir bedenken, dass viele aus Hunger gestorben sind und aus Mangel an Nahrungsmitteln den Tod gefunden haben. Bei der Belagerung Jerusalems, erzählt Flavius Josephus, soll eine Mutter aus Hunger ihr eigenes Kind geschlachtet und verzehrt haben. Was ist aber stärker, als das Gefühl der Mutterliebe, und dennoch wurde es von der Macht des Hungers, von dem Verlangen nach Speise überwunden. – O wie glücklich sind daher wir, liebe Christen, dass wir stets, wenn wir auch noch so arm und bedürftig sind, in Maria eine Nahrung haben, eine Speise, die den Leib stärkt und dem Körper immer frische Kraft verleiht! Wie die Seelenleiden stets peinlicher sind, als die des Körpers, so leidet auch der Geist mehr, wenn ihm die Nahrung gebricht, als der Leib. Und auch in dieser Hinsicht stillt Maria unseren Hunger, indem die Betrachtung ihrer Schönheit, Liebe und Macht eine immerwährende Speise für unseren Geist ist.

Als einst der heilige Dominikus mit vierzig Brüdern im Kloster zu Bologna wohnte, geschah es, dass die Almosen sammelnden Brüder nur zwei Brote heimbrachten. Es war also große Not vorhanden. Doch der Heilige verlor den Mut nicht und nahm zu seinem gewöhnlichen Hilfsmittel die Zuflucht; er betete inbrünstig zur göttlichen Mutter Maria und befahl darauf den Brüdern, sich zu Tisch zu setzen. Die zwei Brote lagen auf dem Tisch; er nahm sie, schnitt und verteilte die Stücke und siehe, jeder Bruder erhielt so viel, dass er sich sättigen konnte und danach blieb noch mehr Brot übrig, als anfangs dagewesen.

Diese zwei wunderbaren Brote vereinigen sich in Maria, die eine leibliche und geistige Speise, eine Nahrung für den Leib durch die heilige Kommunion, eine Nahrung für die Seele durch die Betrachtung ist. Diese Speise vermehrt sich immer und geht niemals aus, so dass jeder Christ, der Maria von Herzen liebt, stets sie mit den Worten begrüßen kann: Maria, meine Speise! Amen.