17. Maiandacht - Maria, mein Weg


Wenn wir eine weite Reise zu machen haben, die uns durch einen dichten Wald führt und wenn wir plötzlich die Spur des Weges verlieren und nicht mehr wissen, wohin wir unsere Schritte lenken sollen, um wieder die rechte Bahn zu finden, überfällt uns große Angst und eine Verlegenheit, die sich von Minute zu Minute steigert und unsere Sinne gänzlich verwirrt. Tritt dann noch die Nacht ein, deren Dunkelheit uns jedes weitere Vorwärtsschreiten fast zur Unmöglichkeit macht, so erreicht unsere traurige Lage den höchsten Grad und bringt uns fast zur Verzweiflung. Wenn aber plötzlich mitten in der Qual eines peinlichen Suchens der Himmel sich erhellt und vom klaren Mondlicht beleuchtet auf einmal der rechte Weg sich zeigt, welch eine Freude in diesem Augenblick das Menschenherz durchzieht, ist zu beschreiben unmöglich. Alle Angst ist vergangen, alle Beklommenheit vorbei, alle Müdigkeit vorüber und, wie wenn nichts geschehen wäre, wird mit leichtem Herzen und frohem Gemüt der Weg betreten, der in das Vaterhaus führt und in die ersehnte Heimat bringt.

Ist dies, liebe Christen, nicht das Bild des menschlichen Lebens, dessen Straßen so oft sich kreuzen und im Dunkel der Versuchungen, in der Nacht des Unglücks sich verlieren? Ach, wie oft verirren wir uns vom rechten Weg und lenken ab von der Bahn der Tugend, verlieren die Spur des Pfades, der zur Seligkeit führt! – Wenn dann das himmlische Licht der göttlichen Vorsehung uns erleuchtet und uns den sicheren Weg zeigt, wie glücklich fühlen wir uns da und wie selig!

Als der fromme Gerson die Stelle betrachtet: Sohn, siehe hier deine Mutter! ruft er aus: Du, o Jesus, bist unser himmlischer Wegweiser, indem du uns deine Mutter zeigst, durch die wir zu dir nach Hause finden. Maria ist also der Weg, der sicherste, untrüglichste Weg zu Jesus und zum Himmel!

Der göttliche Heiland sagte einst: Niemand kommt zum Vater außer durch mich; und der heilige Bernhard fügt hinzu: Niemand kommt zum Sohn, außer durch Maria. Wie der Erlöser sagen konnte: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, so kann auch Maria sagen: Ich bin der Weg, der zu Jesus führt.

Nur auf diesem Weg werdet ihr wieder zu eurem Feldherrn gelangen, sprach Robert von Hauteville zu den Soldaten des berühmten Tankred, des Helden der Kreuzzüge, als sie im Kampf gegen die Sarazenen von dem übrigen christlichen Heer getrennt wurden. Mit diesen Worten kann man den Soldaten Jesu Christi zurufen, die im Kampf für das ewige Heil so oft durch die Sünde von ihrem himmlischen Feldherrn abirren und geschieden werden: Nur auf diesem Weg könnt ihr wieder zu Jesus gelangen und dieser Weg ist kein anderer, als Maria, über die der heilige Bonaventura ganz entzückt ausruft: Sie ist der Weg, der uns zu Jesus Christus führt.

Den Weg gehen wir am öftesten, den wir am meisten lieben; ihn suchen wir immer wieder auf und gehen ihn stets mit neuem Vergnügen und nie wird er uns überdrüssig. – Wenn wir mit aufrichtigem Herzen die allerseligste Jungfrau verehren, so werden wir ihr stets nachgehen und auf dem Pfad ihrer Liebe wandeln. Dadurch wird aber unsere Liebe und Andacht zu Maria so stark werden, dass sich an uns der Ausspruch des heiligen Anselmus erfüllt: Wer die Mutter liebt, den liebt auch der Sohn, und wir werden in dem Maße uns Jesus nähern, als die Verehrung zu Maria in uns wächst und zunimmt.

Worte bewegen, Beispiele reißen hin; kann es aber außer Gott ein erhabeneres Beispiel der Tugend geben, als Maria? Wenn uns nun die Betrachtung ihrer Heiligkeit zu ihr hinzieht und uns mit unwiderstehlicher Gewalt hinreißt, ihrem Beispiel nachzufolgen, so werden wir täglich tugendhafter, vollkommener, Gott ähnlicher werden. Dies aber ist der Magnet, der Jesu Herz anzieht und wir kommen so auf diesem Weg zu Jesus.

Ein wahres Sprichwort heißt: Der gerade Weg ist der beste. Die Liebe zur Muttergottes ist der Weg, der ohne Seitenwege, ohne Nebenstraßen, ganz gerade zu seinem Ziel, zu Jesus führt. Dieses Ziel ist eine göttliche Bestimmung, darum bleibt es unverrückt, unveränderlich und ewig. Der gerade Weg ist aber immer auch der kürzeste und darum kommt man durch Maria am schnellsten zu Gott. Verehre die heilige Jungfrau, sagt der heilige Bernhard, und in kurzer Zeit wirst du der Freund Jesu Christi sein. Nichts bringt schneller zu Jesus, spricht der heilige Ephräm, als die Liebe zu seiner gebenedeiten Mutter.

Durch die im Jahr 44 nach Christus ausgebrochene Verfolgung wurde die heilige Jungfrau gezwungen, mit ihrem Pflegesohn Johannes nach Ephesus zu fliehen. Die Küsten von Kleinasien, mit reichen Städten besät, im Schmuck einer üppigen Vegetation und ringsum mit einem von zahllosen Schiffen nach allen Richtungen durchfurchten Meer umgeben, hätten wohl gewöhnlichen Verbannten eine reichliche Entschädigung dargeboten für die hohen, steilen Berge von Palästina; aber es ist sehr zu bezweifeln, dass sie der heiligen Jungfrau so erschienen: die Schritte des Gottmenschen hatten dieses Zauberland nicht geheiligt und hier waren nicht die Gräber ihrer Väter. Wie oft folgten Maria und Magdalena unter einer Platane am Gestade des schönen Ikarischen Meeres sitzend, dessen Wellen über einen schmalen sandigen Uferrand hin die Myrrthengebüsche um sich her bespülten, mit sehnsüchtigen Blicken einer griechischen Galeere, deren Kiel gegen Syrien hin gerichtet war, und gedachten des Heimatlandes! – Sie erinnerten einander an die reinen Schneegipfel des Libanon, an die bläulichen Höhen des Karmel, an die frischen Gewässer des Sees Tiberias; die Gegenden des fernen Vaterlandes gingen, verschönert durch die Abwesenheit, an ihrer Seele vorüber und schienen ihnen tausendmal vorzüglicher, als das reiche, heitere Ionien.

Auch wir, liebe Christen, sehnen uns als verbannte Kinder Evas nach unserem wahren Vaterland, dem Himmel; und unser Verlangen ist umso heißer, je größer das Feuer der göttlichen Liebe in unserem Herzen brennt und mit seinem Licht das Elend der Welt und die Schönheit des Himmels uns beleuchtet. – Aber gerade das ist der Grund, warum es uns hindrängt zu Maria, die nach den Worten des heiligen Athanasius jede Sehnsucht stillt. Sie ist der Weg, der nicht bloß zu Jesus bringt, sondern auch in den Himmel führt, der nicht allein auf Erden die Seele mit ihrem Heiland verbindet, sondern sie auch im Jenseits mit ihm auf ewig vereint. Gleichwie die heilige Jungfrau bald darauf aus dem Land der Fremde wieder in die Heimat nach Jerusalem kam und von einem Engel über ihren Tod benachrichtigt einging in die ewige Freude des Himmels, so wird sie auch unser Engel sein, der uns in den Himmel führt, wenn wir sie andächtig verehren und mit beharrlicher Liebe ihr dienen, wenn wir den Weg ihres Beispiels gehen und uns wie sie nach der himmlischen Heimat sehnen. Merkwürdig ist der Ausspruch des heiligen Gregor von Nikomedien, den wir uns tief ins Herz prägen sollen: Willst du selig werden? Liebe Maria. Willst du ewig leben? Liebe Maria. Willst du in den Himmel kommen? Liebe Maria. Sie ist der Weg, der in den Himmel führt.

O wie glücklich sind wir Christen daher zu preisen, dass wir in Maria einen Weg zu Jesus haben, einen Weg in den Himmel wissen und unser Dank gegen Gott dafür soll nur mit unserem Leben enden! – Maria hat ihr göttliches Kind aus dem Land Ägypten glücklich und unversehrt wieder in das heimatliche Nazareth zurückgeführt; Maria hat ihren Sohn Jesus, nachdem sie ihn zu Jerusalem drei Tage lang verloren hatte, wieder nach Hause zurückgebracht, ebenso führt sie uns, ihre geistigen Kinder, aus dem fremden Land der Sünde zu Jesus, aus der Verbannung dieser Welt in das Vaterland des Himmels. Wie ruhig starb Magdalena, wie kostbar war ihr Ende, welch ein heiliger Tod schloss ihr die Augen, um sie auf ewig dem Licht des Himmels zu öffnen, in dem wir sie nun als ebenso große Heilige verehren, wie sie auf Erden ein Muster der Reue und Buße gewesen! – Und warum? – Weil sie Maria, gleichwie Ruth ihre Schwiegermutter Noemi, nicht verließ, ihr nachging Schritt für Schritt, nur ihre Wege ging, nur ihre Straßen zog. Und dieser Weg führte sie zu Jesus und in den Himmel, wie er auch jetzt noch alle Sünder dahin führen wird, die mit aufrichtiger Reue und festem Vertrauen sie erkennen und begrüßen: Maria, mein Weg!

In einer großen Stadt Frankreichs lebte ein Mann vierzehn Jahre lang in den schwersten Sünden und führte ein gottloses Leben. Da begegnete er eines Tages auf der Straße einer Frau von reizender Gestalt und hingerissen von ihrer Schönheit folgte er ihr in die Kirche nach, in die sie eintrat. Sie war ihm bald unter der Menge, die die Kirche füllte, aus den Augen verschwunden, er sah nichts mehr, aber er hörte, wie eben der Prediger von der Kanzel die Worte sprach: Wirf, o Mutter Maria, einen Blick des Erbarmens auf diese Herde und befindet sich ein verirrtes Schäflein darunter, ach, so beschwöre ich dich, sei ihm du der Weg, der es wieder zu Jesus führt und in den Himmel bringt!

Diese Worte drangen wie ein feuriger Pfeil tief in die Seele des armen Sünders. Wie verzweifelt verließ er die Kirche, seine fürchterliche Lage trat grauenhaft vor sein geistiges Auge, er hatte Tag und Nacht keine Ruhe mehr und nach einem wochenlangen Kampf eilte er zu dem Priester, um aufrichtig zu beichten und sein Leben für immer zu bessern. Amen.