16. Maiandacht - Maria, meine Arznei


Stelle dir, lieber Christ, im Geist einen Menschen vor, der niedergedrückt durch die Last seiner Jahre und durch eine schwere Krankheit dem Tod nahe gebracht auf dem Schmerzenslager ruht. Sein Übel ist von der Art, dass ihn die Ärzte aufgegeben haben; er liegt bleich und abgezehrt, elend und verlassen in seinem Bett; der Angstschweiß steht ihm auf der Stirn, er ächzt und stöhnt; sein Blick ist zum verscheiden, sein Atem zum auslöschen, Hände und Füße sind erkaltet, das Herz hat alle Empfindung verloren, kaum gibt er mehr ein Lebenszeichen von sich. – Wenn du nun einen Menschen in einem solch hilflosen, armseligen Zustand erblicken und dann sehen würdest, wie er plötzlich frei von aller Krankheit sich erhebt, wie er mit einem mal jugendlich frisch, heiter und gesund sein Schmerzenslager verlässt, könntest du da nicht denken, es wäre ein Engel aus dem irdischen Paradies gekommen und hätte ihm die Frucht vom Baum des Lebens gebracht, die Gesundheit, Stärke und Jugend wiedergibt? – Wer die Welt gesehen, die seit viertausend Jahren jenem alten, in den letzten Zügen liegenden Mann glich, wie sie auf einmal sich in frischer Kraft verjüngte, der könnte auch mit Recht die Frage stellen, ob ihr nicht vom Himmel herab eine unverhoffte Hilfe und Arznei gekommen sei, die in so kurzer Zeit so heilsam gewirkt habe. Fragst du mich, lieber Christ, wer der Welt diese heilsame Arznei gegeben habe, so antworte ich: das hat Maria getan. Der heilige Andreas von Jerusalem bezeugt es in seiner Rede über die Verkündigung Mariens. An diesem Tag, schreibt er, hat der göttliche Werkmeister aller Dinge sein Werk, das er von Ewigkeit in seinen Gedanken gehabt, vollkommen gemacht und vollendet; am heutigen Tag nimmt die Welt eine neue Gestalt an; die altersschwache, ohnmächtige Welt fängt wieder an, geistlicher Weise jung zu werden und ihr sündhaftes Alter zu verlieren.

Wie dortmals Maria die Welt verjüngte, so ist sie jetzt immer noch eine Arznei für alle Krankheiten des Leibes und der Seele, was die heilige Kirche durch den Titel bestätigt, den sie ihr vertrauensvoll gibt: Heil der Kranken!

Maria ist eine Mutter der Barmherzigkeit nach göttlicher Bestimmung und nach ihrem eigenen Willen. Um barmherzig zu sein, bedarf sie aber ein Elend. Gibt es aber eine Lage, die trauriger wäre, und ein Weh, das bitterer schmerze, als die Krankheit? Eines der größten Güter des menschlichen Lebens ist die Gesundheit und den Verlust derselben vermögen weder ein Königsthron noch Indiens Schätze zu ersetzen. Deshalb zieht es das erbarmungsreiche Herz der Muttergottes wie ein Magnet an die Kranken und es gibt keinen Leidenden, der sich an sie in seinen Schmerzen wendet, ohne Linderung und Heilung zu empfangen. – Maria stand am Krankenbett ihrer Eltern Joachim und Anna und drückte ihnen beiden liebend die Augen im Tod zu. Maria stand am Schmerzenslager des heiligen Joseph, und gepflegt von ihrer Hand und bewacht von ihrer Liebe ging er hinüber in die Ewigkeit. Maria stand am Totenbett ihres Kindes, am Kreuz Jesu Christi und ließ den Sohn nicht ohne seine Mutter sterben. – In jenen Augenblicken, die ihren Augen die bittersten Tränen entpressten und ihrem Herzen die tiefsten Wunden schlugen, wurde sie zum Heil der Kranken, zur heilsamsten Arznei herangezogen, wie die laue Luft des Lenzes und warmer Frühlingsregen die Blumen und Blüten aus der Erde rufen. Ebenso schön, als wahr sind die Worte des heiligen Philipp Neri: Gebet den Kranken als Arznei die Liebe zu Maria ein und ihr siecher Leib wird wunderbar gesunden. – Was hilft eine irdische Arznei, wenn Maria sie nicht segnet, ruft der heilige Vinzenz von Paul, und wie traurig ist ein Krankenbett, an dem das Vertrauen zu Maria nicht zu finden ist! Dies Vertrauen aber kann, ja muss den Kranken geben die Lehre der Kirche, die Aussprüche der heiligen Väter und besonders die zahllosen Beispiele von Heilungen der Kranken durch die Fürbitte Mariens.

Als der heilige Alphonsus durch übermäßige Anstrengung im Predigen sich eine schwere Krankheit zugezogen hatte und dem Tod nahe war, brachte man ihm die heilige Wegzehrung. Nachdem er Jesus in der heiligen Kommunion empfangen, wollte er auch die Mutter besitzen und so in den Armen Jesu und Mariens sterben. Er bat, dass man vor seinem Bett das Bild der Muttergottes von der Erlösung, bei deren Altar er sein Gelübde gemacht und seinen Degen aufgehangen hatte, aufstellen möge. Man brachte ohne Verzug das wunderbare Bild. So wie er es sah, konnte er seine Gefühle nicht mehr zurückhalten. So groß war seine Freude, dass man hätte sagen mögen, er sähe gleichsam um sich herum bereits in Erfüllung gehen, was er für die Ewigkeit hoffte. Er überließ sich den Ausbrüchen seiner Liebe und Zärtlichkeit, sein Herz schien sich zu erweitern, sein Gesicht strahlte, es freute ihn, jetzt beim Hingang aus diesem Leben von derjenigen, die ihn berufen und aus dem Weltgetümmel geleitet, empfangen zu werden. Aber nachdem ihn Maria getröstet, erhielt sie ihn. Man sah von diesem Augenblick an alle Anzeichen des Übels verschwinden und bald war er wieder hergestellt. – Wie hier Maria die Krankheit hinweggenommen, so ist sie allen, die sie vertrauensvoll anrufen, eine Arznei, die stets heilsam ist, eine Arznei, die immer wirkt. So verschieden die Angesichte der Menschen sind, so dass man selten oder nie eine vollständige Ähnlichkeit findet, ebenso verschieden sind auch die menschlichen Krankheiten. Und doch gibt es keine Art eines Übels, keine Gattung von Krankheit, die nicht schon durch die Fürbitte Mariens hinweggenommen worden wäre. Durch sie erlangten Blinde ihr Gesicht und Stumme die Sprache wieder; durch sie bekamen Lahme den Gebrauch ihrer Glieder und Taube das Gehör. Verwundete und Aussätzige, Fieberkranke und Gichtbrüchige fanden in ihr die heilende Arznei. Mehr als zweitausend Menschen sahen vom Berg aus, auf dem das Kloster Horta in Spanien lag, wie man dem seligen Franziskaner Salvator einen von Geburt aus stummen Menschen vorstellte. Salvator befahl ihm vom Mitleid bewegt, das Ave Maria zu beten. Der versuchte es ein und zwei Mal, aber seine Zunge bewegte sich nicht. Beim dritten Mal steckte Salvator seine Finger in den Mund des Stummen, ergriff die Zunge und sprach: Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes sage Ave Maria. Sogleich antwortete der Stumme: Ave Maria und betete nun den englischen Gruß ohne Anstand zu Ende; der Unglückliche konnte von dieser Stunde an sprechen. Unaussprechlich war sein Dank an Maria und von einem solch tausendfachen Dank geben Zeugnis die zahllosen Weihegeschenke und Votivbilder an den Gnadenorten der Muttergottes. Jedes Weh des Körpers, jeder Schmerz des Leibes findet dort einen Ausdruck des Dankes für eine wunderbare Heilung. Doch nicht bloß einzelnen Christen, auch ganzen Städten, Ländern und Gegenden ist Maria von jeher eine heilsame Arznei in Pestkrankheiten und allgemeinen Seuchen gewesen. Davon wissen unter tausend anderen Beispielen die Städte Soissons und Chartres und Rom zu erzählen, die alle wunderbar auf Mariens Fürbitte von der verheerenden Pest befreit wurden.

Umso erhabener die Seele über den Leib ist, umso schmerzlicher sind die Leiden des Geistes, als die des Körpers. Außer Gott weiß aber niemand die Seele besser zu schätzen, kennt niemand mehr ihren Wert, als die Mutter desjenigen, der durch sein ganzes Leben auf Erden sein Wort am Kreuz bewahrheitete: Mich dürstet nach dem Heil der Menschen, mich verlangt, die Seelen zu retten! – Maria wird daher vom heiligen Johannes Damaszenus mit Recht die Arznei für alle Schmerzen des Herzens genannt. Sie ist es, die durch ihren Trost jedes Seelenleiden lindert oder es durch ihre Fürbitte hinwegnimmt; sie ist es, von der der heilige Vinzenz Ferrerius sagt, dass sie keines ihrer Kinder weinen sehen kann; sie ist es, die nach dem Ausspruch des heiligen Bernhard die Seelenleiden am liebsten heilt, weil sie selbst an der Seele am meisten gelitten hat.

Die selige Margaretha, eine Jungfrau aus dem dritten Orden des heiligen Dominikus, war auch ein geliebtes Kind der gebenedeiten Gottesmutter. Sie hatte ihre Taufunschuld durch keine Sünde befleckt, desungeachtet wurde sie mit dem Gedanken gepeinigt, dass sie der Gnade Gottes ganz unwürdig und beraubt sei. Sie hatte Tag und Nacht keine Ruhe, ihre Seele geängstigt bis zum Tod war der Verzweiflung nahe. Sie konnte nicht mehr essen, nicht mehr schlafen; ihr Körper zehrte bis zum Skelett ab und all ihre Glieder zitterten. Sie äußerte selbst oft, die Peinen der Hölle könnten nicht furchtbarer sein. Da warf sie sich einst in der Nacht auf ihre Knie und rief unter einem Strom von Tränen die Muttergottes an, das Heil der Kranken. Und siehe, ihre Tränen rührten Maria, sie erschien ihr und sprach: Ich heile dich, meine Tochter, an Leib und Seele, und gebe dir die Versicherung, dass mein Sohn dir alle Sünden deines Lebens vergeben hat. Und als sie verschwunden, war Margarethens Geist völlig gesund. Ihre tiefbetrübte Seele fühlte keinen Kummer mehr; alle Unruhe, Sorge und Angst war vorüber und ein solch seliger Frieden, eine solch himmlische Ruhe kehrte in ihrer Brust ein, dass sie mehr einem Engel glich, der die Freuden des Paradieses genießt, als einer Pilgerin, die durch dieses Tränental zieht.

Nicht immer aber nimmt Maria die Krankheiten des Leibes und der Seele hinweg, wenn man sich bittend an sie wendet; und doch ist sie auch in diesem Fall, wenn es Gottes Wille nicht ist, dass wir gesund werden, unsere Arznei, lindernd durch die Süßigkeit ihres Trostes, heilsam durch die Entstehung der Geduld, kräftig durch die Vermehrung der Verdienste, segensreich durch die Erwerbung einer glücklichen Sterbestunde, so dass wir alle mit dem heiligen Bernhardin von Siena sagen können: Maria ist immer und überall meine Arznei!

Der selige Joachim Piccolomini aus dem Servitenorden litt an einem furchtbar schmerzlichen Übel viele Jahre mit wahrhaft heldenmütiger Geduld. Endlich wollte Maria, die in dem langen Leiden stets sein Trost gewesen, ihren Diener nicht länger mehr unbelohnt lassen. Sie erschien ihm in einer Nacht in wunderbarer Schönheit und reichte ihm zwei Kränze dar; einen von purpurroten Rosen zum Lohn der durch lange Krankheit und vieles Leiden ausgestandenen Marter, den anderen von blendend weißen Lilien, seine durch das ganze Leben unversehrt bewahrte Reinigkeit zu schmücken. Sie sprach zu ihm: Nun sollst du auf immer getröstet werden, komme in jene Herrlichkeit, die ich dir von meinem göttlichen Sohn erbeten habe und zwar darfst du sterben an dem Tag, an dem mein Jesus am Kreuz vollendete! – Und der selige Joachim schied vom himmlischen Lichtglanz umflossen am heiligen Karfreitag aus dieser Welt, eben als die Sänger in der Kirche die Worte sangen: Er neigte das Haupt und gab den Geist auf. Amen.