15. Maiandacht - Maria, mein Garten


Es war am Auferstehungsmorgen, als Magdalena in aller Frühe hinauseilte in den Garten, um den Herrn im Grab zu besuchen. Sie fand aber das Grab leer. So groß nun früher ihre Sehnsucht und ihr Verlangen war, Jesus zu finden, ebenso groß war ihr Schmerz und ihre Betrübnis, als sie ihn nicht fand. Laut weinend durcheilte sie die Räume des Gartens, ihr Jammer war unbeschreiblich, ihr Herzensleid namenlos. Umsonst sangen die Vögel für sie auf den Zweigen der Bäume ihr fröhliches Morgenlied; umsonst funkelten für sie im wunderbaren Glanz die Tauperlen auf den Blumen und ihre Kelche hauchten balsamische Düfte; sie war unempfindlich geworden für jede Schönheit des Gartens, für alle Reize der Natur, nur ein Gedanke beherrschte sie ganz und erfüllte ihre Seele mit unendlichem Schmerz: Wo ist mein Heiland, rief sie, wo haben sie meinen Herrn hingelegt! – Da stand der Herr vor ihr, sie aber erkannte ihn nicht und meinte, es wäre der Gärtner. Doch Jesus sprach: Maria! – Sie blickte auf und erkannte ihn. Mit dem Freudenschrei: Meister, fiel sie vor ihm nieder und küsste seine Füße. Ganz außer sich vor Freude, kannte ihre Wonne keine Grenzen; aller Schmerz war vorbei, jedes Leid vorüber, aller Kummer vergangen. Nun war für sie der Garten ein wahrer Freudengarten geworden!

Beim Andenken an diesen Garten, der die Bitterkeit des Verlustes durch die Freude des Wiedersehens versüßte, fällt mir, liebe Christen, ein anderer Garten ein, der an Pracht und Schönheit, an Wohlgeruch und Duft alle Gärten der Welt, ja selbst das Paradies übertrifft. Maria, sagt der heilige Hieronymus, ist ein Garten aller Wohlriechenden Tugenden, und der heilige Evodius nennt sie den Lustgarten Gottes und der Menschen. Darum wollen wir sie heute begrüßen: Maria, mein Garten, und sie bitten, uns darin eine Biene sein zu lassen.

Garten, Biene, dies sei der doppelte Gegenstand unserer frommen Betrachtung!

Maria ist der Garten Gottes. Alle Großen und Mächtigen der Erde bauen sich Paläste zur Wohnung und legen sich daneben Gärten zum Vergnügen an. Dies finden wir so von unserer Zeit an bis hinauf zum König Salomo, von dem es in der heiligen Schrift heißt: Ich unternahm große Werke, ich baute mir Paläste, legte Lustgärten an und pflanzte darin Bäume von allerlei Art. Auch der allerreichste Gott machte es so; nachdem er die Welt erschaffen, spricht die heilige Schrift, hatte sich Gott der Herr einen Lustgarten gepflanzt und er setzte hinein den Menschen, den er gebildet hatte. – Der himmlische Bräutigam Jesus Christus und seine Braut, worunter die christliche Seele zu verstehen ist, haben auch ihren Lustgarten, wohin sie sich gegenseitig einladen. So ruft der Bräutigam: Komm in meinen Garten, meine Schwester, meine Braut, und sie ladet ihn ebenfalls ein: Es komme mein Geliebter in seinen Garten. Hld 1. Was muss das für ein herrlicher Garten sein, in dem Christus die liebende Seele so gerne hat und sich auch so gerne von ihr finden lässt? - - Die Geisteslehrer nennen vorzüglich drei: diese sichtbare Welt, die wie ein Garten so wunderschön dasteht und so prächtig erblüht, und deren Wiesen, Fluren und Auen, deren Wälder, Seen und Berge uns laut die Allmacht und Güte Gottes verkünden; die heilige Schrift, in der ebenso viele prachtvolle Bäume und duftige Blumen stehen, als sie Sprüche und Worte enthält und worin der betrachtende Christ leicht fühlen kann, was David sagt: Verkostet und seht, wie überaus süß der Herr ist; endlich das Paradies, aber vor seinen Pforten steht ein Cherub mit flammendem Schwert, der keinen vor dem Tod hineinlässt und darum sagt der heilige Paulus, kein Auge hat die Blumen dieses Gartens gesehen, kein Ohr hat es gehört und in keines Menschen Sinn ist es gekommen, welche Herrlichkeit und Pracht darin der Herr denen bereitet hat, die ihn lieben.

Doch all diese drei Gärten sind eigentlich keine Gärten Gottes; denn was kann diese irdische Welt dem Herrn für eine Freude sein, das Vergängliche dem Unvergänglichen! die Erde kann nur dem Erdenkind ein Garten der Lust und Wonne sein. Auch die heilige Schrift ist nicht für ihn, sondern für unsere unsterbliche Seele ein Lustgarten, solange sie im Kerker dieses Leibes gefangen liegt, findet sie darin Licht für den Verstand, Kraft für den Willen und Trost für das Herz. Das Paradies schließlich hat Gott auch nicht für sich selbst zugerichtet, denn wie er von Ewigkeit hat ohne Himmel sein können und nur in sich selbst die vollkommenste Freude findet, so bedarf er auch in Zukunft des Himmels nicht, um selig zu sein, er hat ihn nur allein denen bereitet, welche ihn lieben, wie Jesaja und Paulus sagen.

Und doch hat Gott, dessen Freude es ist, bei den Menschenkindern zu sein, sich nicht vergessen; er hat sich auch einen Lustgarten gepflanzt, den er selbst beschreibt mit den Worten: Ein verschlossener Garten bist du, Schwester, meine Braut, ein verschlossener Garten! Und der heilige Bernhard, der diese göttlichen Worte betrachtet, lässt den Herrn also sagen: Maria, meine geliebteste Braut, diese ist mein einziger und eigener Garten, Maria, das alleredelste Geschöpf, sie habe ich mir von Ewigkeit her zu meiner Wonne erwählt und in der Zeit zu meinem Lustgarten bereitet, der mir gehört, alle anderen schenke ich euch, die Welt, die Schrift, der Himmel gehören euch, sie stehen euch offen, lustwandelt darin und macht sie euch zu Nutzen; aber Maria ist mein Garten, und all seine Blüten und Blumen gehören mir!

Was für Früchte aber bringt dieser Garten Gottes? Diese Frage beantwortet der himmlische Bräutigam selbst: Dein Gewächs ist ein Paradies von Granatäpfelbäumen mit der Frucht ihrer Äpfel, mit Cypern, Narden und Safran, mit Casien und Zimmet, mit allen Bäumen des Libanon, mit Myrrhe und Aloe und allen königlichen Salben. Diese Frage beantwortet Maria, indem sie ihre Früchte nennt, aber jeder eine solche Eigenschaft beifügt, die alle Erdengewächse weit übertrifft: Ich trage Cedern, doch nicht gewöhnliche, sondern wie sie stehen auf der Höhe des Libanon; ich trage Cypressen, aber keine gemeinen, sondern wie sie wachsen auf dem Berge Sion. Ich trage Palmen, aber wie die zu Cades; ich trage Rosenstauden, aber wie die zu Jericho; ich trage Ölbäume, aber schöne auf dem Feld. Ich gebe einen Geruch von mir, aber wie der lieblich riechende Zimt und Balsam. Meine Äste habe ich weit ausgebreitet wie die Terebinthe, aber sie sind Zweige der Ehre und der Gnade. Ich habe süße, wohlriechende Früchte hervorgebracht wie der Weinstock, aber meine Blüten sind Früchte der Zucht und Ehrbarkeit. – Diese Frage beantwortet der heilige Geist durch den Mund der Elisabeth: Du bist gebenedeit unter den Frauen und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes Jesus Christus! – Nun ist´s genug, liebe Christen, einen herrlicheren Garten kann es auf der Erde und im Himmel nicht mehr geben. Ein Garten, den Gott hervorgebracht, ist wahrhaftig ein Garten Gottes, dessen Erdreich niemals der allgemeine Fluch getroffen: Nur Disteln und Dornen soll es dir tragen, sondern von dem ewig des Psalmisten Wort gilt: Du, o Herr, hast dein Erdreich gesegnet und gebenedeit!

Doch, liebe Christen, steigt euch bei der Betrachtung dieses göttlichen Gartens nicht ein Zweifel auf, weil ihn der Herr seinen verschlossenen Garten nennt und der Prophet Ezechiel von der Tür desselben sagt: Diese Pforte soll geschlossen und nicht geöffnet sein und niemand soll durch sie gehen, weil der Herr Gott Israels durch sie eintrat, so soll sie wegen des Fürsten geschlossen bleiben? Ez 44,1. Nein, denn der gütige Gott selbst nimmt uns diese Furcht, indem er jenem reichen Patrizier gleicht, der sich zu Rom einen wundervollen Garten herrichten, mit einer hohen Mauer umgeben und das Tor verschließen ließ. Über dem Tor aber standen mit großen goldenen Buchstaben die Worte: Für mich und meine Freunde!

Maria ist zwar der Garten Gottes, aber jeder Christ, der Jesus und Maria liebt, kann mit Recht sagen: Maria ist auch mein Garten, über den der Herr dieselbe Aufschrift gesetzt hat: Für mich und für jene, die meine und meiner Mutter Freunde sind! – Sie selbst ruft uns zu: Kommt her zu mir alle, die ihr mein begehret, und sättigt euch an meinen Früchten, denn mein Geist ist süßer als Honig und mein Besitz über den süßesten Honigseim!

Eilen wir daher hin, liebe Christen, in unseren Garten wie die himmlische Taube, der heilige Geist, von dem Jesaja 11,1 sagt: Ein Reis wird hervorkommen aus der Wurzel Jesse und eine Blume aufgehen aus seiner Wurzel und der Geist des Herrn wird darauf ruhen, gehen wir hin, wie der Sohn Gottes, der aus diesem Garten zu Nazareth, das eine blühende Blume heißt, seine menschliche Natur angenommen; fliegen wir hin gleich der Biene in den Blumengarten, um Honig zu holen und Wachs zu bereiten.

Die heilige Kirche spricht zu Christus von der heiligen Jungfrau und Märtyrin Cäcilia diese schönen Worte: Deine Dienerin Cäcilia dient dir wie eine fleißige Biene; wohl aus dem Grund, weil diese Heilige eine so große Liebhaberin der geistigen Blumen der Tugenden war. O möchten auch wir alle diesen Anspruch verdienen und auch uns die Stelle der heiligen Schrift gelten: Die Biene ist zwar schwach und klein, aber ihre Frucht hat den Vorzug unter den Süßigkeiten. Wer zeigt der Biene den Weg in den Garten, fragt der heilige Bernhard und antwortet: Ein doppelter Wegweiser, die Schönheit des Gartens ruft sie, das eigene Verlangen treibt sie. – Maria, mein Garten, ist von Himmelsduft durchweht und schöner, als das Paradies, denn dort blüht die Cypresse der Gottesfurcht und die Narde der Liebe, dort wächst der Balsam der Reinigkeit und die Cinamone heiliger Betrachtung, dort grünt die Myrrhe der Abtötung und die Aloe eines vollkommenen Lebens!

O eile hin in diesen Garten, christliche Seele, wie die Biene fliege von einer Blume der Tugend zur anderen und sauge den Honig daraus, um deine Seele zu nähren und dein Leben dem der allerseligsten Jungfrau ähnlich zu machen. – Der heilige Anselmus erzählt, dass ein Diener Mariens die fromme Sitte hatte, täglich unsere liebe Frau durch ein Gebet an die fünf Freuden zu erinnern, die sie auf Erden gehabt. Er meinte dadurch ihr die Schmerzen zu versüßen, die ihr die fünf Wunden ihres Sohnes unter dem Kreuz gemacht. Als dieser Mensch dem Tod nahe war, fürchtete er sich sehr zu sterben, da erschien ihm Maria und sagte zu ihm: Du hast so oft meine Freuden betrachtet, nun sollst du auch ohne Schmerzen sterben! Und überfließend von Trost schlief er ein, wie ein Kind im Arm seiner Mutter. Das war eine liebe Biene, die im Leben ihrem König Christus nachflog in seinen Lustgarten und sich dort durch oftmalige andächtige Betrachtung auf die Blumen der Schmerzen, der Freuden, der Tugenden Mariens setzte, aber dafür auch im Tod einer solch großen Gnade gewürdigt wurde.

Die Biene ist reinlich und befleckt und beschmutzt die Blume nicht, aus der sie saugt; daher ist auch die Furcht ihrer Mühe und Arbeit ein reines Wachs. Auch in dieser Hinsicht sollen wir den Bienen gleichen und die unbefleckten Blumen unseres jungfräulichen Gartens Maria durch keine freiwillig lässlichen Sünden, noch viel wenige aber durch Todsünden verunreinigen. Wenn wir mit schuldlosem Gewissen Maria dienen, wenn wir mit aufrichtigem Herzen, reiner Meinung und edler Absicht sie verehren, dann wird auch die Frucht unserer Andacht und Liebe ein reines Leben sein und unsere Herzen werden gleich Wachskerzen zur Ehre der heiligen Jungfrau brennen und sich verzehren im Dienst derjenigen, die wir jetzt und immer mit Freude begrüßen: Maria, mein Garten! – Amen.