14. Maiandacht - Maria, mein Buch


Die ganze Welt ist nichts anderes, sagt der heilige Augustin, als ein großes Buch voll der göttlichen Wunder. Der Himmel, die Erde, das Wasser, die Luft sind die Blätter dieses Buches und alles, was in jenen sich regt und lebt, die Buchstaben desselben. Wer diese Buchstaben recht kennt und das Buch zu lesen versteht, der sieht sonnenklar, wie darin die göttliche Allmacht, Weisheit und Güte so herrlich erscheint. Der heilige Paulus wusste es zu lesen, darum schrieb er auch in seinem Brief an die Römer: Das Unsichtbare an Gott ist seit Erschaffung der Welt in den erschaffenen Dingen erkennbar und sichtbar, nämlich seine ewige Kraft und Gottheit. Röm 1,20. In diesem Buch war auch vortrefflich belesen und erfahren jener große Einsiedler Antonius. Als ihn einst ein Weltweiser fragte, woher er doch eine solche Weisheit, eine so tiefe Erkenntnis Gottes und seiner Geheimnisse empfangen, antwortete er: Obwohl ich sonst keinen anderen Buchstaben kenne und weder lesen, noch schreiben kann auf die Weise, wie die Welt es lehret, so ist mir doch die ganze Welt ein Buch und alle Geschöpfe lauter Buchstaben, und darin kann ich mehr als genug lesen, meinen Gott und dessen Willen betrachten und erkennen.

Doch der gütige Gott stellt uns noch ein anderes prachtvolles Buch vor Augen, das alle anderen Bücher wie der Himmel die Erde übertrifft, weil er selbst darin mit unbegreiflichen Buchstaben geschrieben steht. Dieses Buch heißt Maria, von der geboren ist Jesus, der da genannt wird Christus. Begeistert ruft der heilige Thomas von Aquin: Du bist das goldene Buch des Herrn, o Maria, dessen Glanz die Finsternis der Welt erleuchtet! Und der heilige Ildephonsus singt: Immer muss ich wieder lesen in Mariens Mutterherz, denn kein Buch auf dieser Erde führt uns schneller himmelwärts!

Wir aber, liebe Christen, wollen heute die heilige Jungfrau begrüßen: Maria, mein Buch, und dieses Buch so kostbar und lehrreich näher betrachten.

Wenn Gott das Buch der Welt so schön erschuf, wie herrlich muss er erst das Buch Mariens gemacht haben, das denjenigen umschloss, den die Himmel nicht fassen konnten! – Der eingeborene Sohn Gottes ist dem Vater am allergleichsten, denn er ist sein wesentlichstes Ebenbild, wie Paulus sagt: Gott hat durch seinen Sohn geredet, der der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens ist. Hebr 1,3. Schließt daraus, liebe Christen, auf die Kostbarkeit des marianischen Buches, in das Gott diesen Sohn gesetzt hat! – Es war ein wahrhaft goldenes Buch, denn David singt: Die Königin steht zu deiner Rechten im goldenen Kleid, im bunten Gewand. Ps 44,10. Die bunten Farben, die das goldene Gewand zugleich trägt, deuten die heiligen Väter auf die verschiedenen Tugenden Mariens, die sich alle in der Liebe einigen. Der Prophet Ezechiel sagt vom schönsten Engel Luzifer, als er noch in Gnaden war: Du warst bedeckt mit allen kostbaren Steinen! Ezech 28,13. Doch was ist dieser Engel gegen Maria! Dies Buch war von Gott selbst mit Edelsteinen geschmückt; an diesem Buch glänzten der Achat jungfräulicher Reinigkeit und der Jaspis himmlischer Betrachtung, leuchteten der Hyacinth der Andacht und der Diamant der Starkmut, funkelten der Rubin der Liebe Gottes und des Nächsten, der Saphir der Demut und der Smaragd der Geduld. Welch ein kostbares Buch, dem nicht bloß Tugenden seinen Hochwert verleihen, sondern das auch Gnaden ohne Zahl und darunter die Gnade aller Gnaden: die unbefleckte Empfängnis, unschätzbar machen. – Einst war es mit dem berühmten Julius Cäsar so weit gekommen, dass er, um sich vor den Nachstellungen seiner Feinde zu retten, durch einen Fluss schwimmen musste. In dieser höchsten Gefahr lag ihm außer seinem Leben nichts so sehr am Herzen, als das Buch, in dem er selbst alle seine Heldentaten, seine ganze ruhmvolle Laufbahn, eingeschrieben hatte. Deshalb schwamm er nur mit dem einen Arm, mit dem andern hielt er das Buch über dem Wasser in die Höhe, damit es nicht von den Fluten benetzt werde und Schaden litte. – Das ist nur ein schwaches Bild von der unendlichen Liebe Gottes zu seinem Buch Maria, das all seine göttlichen Wunderwerke umfasste. Er ließ es nicht untergehen in der allgemeinen Sündflut, er ließ es nicht befleckt werden vom Strom des Verderbens, er erhielt es frei von der Erbsünde durch seinen allmächtigen Arm, den er zu dessen Schutz und Schirm ausgestreckt hat, wie es Maria selbst im Magnifikat andeutet: E hat Macht geübt mit seinem Arm. Lk 1,51. – Unsterbliches Lob bleibt den Schriften und Werken des englischen Lehrers, des heiligen Thomas von Aquin, denn die ewige Weisheit und Wahrheit Jesus Christus selbst soll ihm, wie die Legende seines Lebens erzählt, Zeugnis gegeben haben. Einst kniete der Heilige vor einem Kruzifixbild und betete inbrünstig; da redete ihn Christus an und sagte: Du hast gut von mir geschrieben, mein Thomas! – woraus man nicht ohne Grund schließt, das seine Lehre, ohne Irrtum und Fehler, untadelhaft sei. – Jeder Zweifel muss aber völlig aus unseren Herzen verschwinden, liebe Christen, wenn es uns nicht eine Legende erzählt, sondern die heilige Schrift selbst verkündet, dass dieselbe ewige Wahrheit und Weisheit zur allerseligsten Jungfrau Maria spricht: Kein Makel ist an dir, meine Freundin, du bist schön, ganz schön! – Keine Makel der Erbsünde, noch einer wirklichen Sünde, du bist ganz schön, denn nur die Sünde mindert und zerstört die Schönheit; - wenn der Herr spricht: Im Anfang des Buches steht nur von mir geschrieben, Ps 39,8; sein erstes Blatt enthält nur mich, ich stehe darauf geschrieben, nichts vom Teufel, nichts von irgend einer Sünde; wenn der Erzengel Gabriel im Namen der göttlichen Majestät zu Maria sagt: Du bist gebenedeit unter den Frauen, denn das, was in dir geboren ist, ist vom heiligen Geist. – Mit welcher Sicherheit, mit welcher Gewissheit können wir daher aus diesen Stellen schließen, dass unser Buch Maria kein unreines Blatt enthält, dass es nie sich der Hölle, dass es keinen Augenblick dem Satan sich geöffnet habe, dass es kostbarer sei, als die Sonne, denn die Sonne hat Flecken, Maria aber ist fleckenlos. – Wie ehrfurchtsvoll müssen wir demnach dies heiligste Buch behandeln, das von innerer und äußerer Schönheit wiederstrahlt und das Gott der Herr so sehr geehrt hat, dass er kein Stäubchen daran duldete, dass er keinen Schatten, keinen Schein, keinen Gedanken einer Sünde darauf ruhen ließ! – Wenn wir in diesem Buch lesen, wenn wir betend vor dem Mutterherzen Mariens knien, dann soll ein heiliger Schauer uns durchwehen, wie den Moses, als er vor dem brennenden Dornbusch stand; dann sollen wir gleich ihm die Schuhe ausziehen, d.h. alle Gedanken, die noch an der Erde heften, verdrängen, alle Wünsche, Neigungen und Begierden, die noch diese Welt zum Ziel haben, verbannen und unser Herz mit den Banden der Liebe, der Andacht und des Vertrauens aufwärts heben zum Thron der Gnade und der Barmherzigkeit, zu Maria; wenn wir dies Buch im Bild erblicken, sollen wir es ehrfurchtsvoll begrüßen und wenn wir seinen Namen Maria aussprechen, das Haupt entblößen und es andächtig neigen.

Kaum hatte der göttliche Heiland vom Kreuz herab zum heiligen Johanes gesagt: Sohn, sieh hier deine Mutter! so nahm der Lieblingsjünger sie auch wirklich zu sich, wie es in der heiligen Schrift heißt: Und von derselben Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. Er entschuldigte sich nicht durch seine Unwürdigkeit, diejenige, die die Engel als Königin verehren, seine Mutter zu nennen; er zögerte nicht durch ein Wort seine Demut zu erkennen, wie unwert er sich fühle, dass die hochgeehrte Mutter des Herrn unter sein Dach eingehe. Doch der heilige Cyprian löst uns dieses Rätsel, indem er sagt: So unwürdig sich auch der Apostel dieser unaussprechlichen Gnade schätzte, so nahm er das Geschenk doch begierig und freudig an im Hinblick auf den unendlichen Nutzen, der ihm daraus folgen werde. Der liebe Apostel erkannte, dass ihm Jesus, sein Seligmacher, ein Buch übergab, das ihn zum gelehrtesten Theologen bilden konnte. Indem der heilige Augustin die vier Evangelisten miteinander vergleicht, sagt er: Johannes erhob sich in seinem Evangelium mit dem Flug eines Adlers. Während die übrigen drei mit dem Gottmenschen auf Erden wandeln, schwebt dieser, gleichsam als sei ihm das Wandeln auf Erden zum Ekel, nicht allein über die Erde und den Himmel, sondern über die ganze Schar der Engel und himmlischen Geister hinauf bis zum Thron der allerheiligsten Dreifaltigkeit, dort holt er den Anfang seines Evangeliums herab: Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort! – Woher nahm Johannes die Erleuchtung und den Mut, also zu schreiben? – O, er hatte die Bibliothek der himmlischen Geheimnisse im Haus bei sich, die Mutter-Gottes war nunmehr auch seine Mutter; einer Mutter aber gebührt, ihre Kinder im Guten zu unterrichten und zu unterweisen; das tat sie an Johannes; das tat sie auch an den ersten Christen, denen sie gleichfalls ein lehrreiches Buch der göttlichen Geheimnisse war, aus welchem sie in den Lehren unseres Glaubens unterrichtet, erleuchtet und befestigt wurden zum unaussprechlich großen Nutzen der christlichen Welt; denn was sie von unserer lieben Frau lernten, das lehrten sie hernach in ihren Büchern schriftlich und mündlich auf den Kanzeln. – In der heiligen Schrift wird Christus der Sonne verglichen und Maria dem Mond aus dem Grund, weil beide Lichter von Gott erschaffen und bestimmt sind, die Welt zu erleuchten, die Sonne am Tag, der Mond bei der Nacht, wenn die Sonne untergegangen ist. So lange also Christus auf der Welt wandelte, war er der Welt Sonne, wie er selbst sagt: So lange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Joh 9,5. – Nachdem er aber in den Himmel gefahren, war Maria das größte Licht der Welt, die Apostel und ersten Christen in den notwendigsten Glaubensgeheimnissen zu erleuchten, die jungen Pflanzen des neuaufgehenden Christentums, die damals noch gar zu schwach waren, zu stärken; sonst hätten sie das große Ungewitter der Verfolgungen nicht zu überstehen vermocht; sie konnten es nur durch den Unterricht und die Glaubenskraft derjenigen, von welcher es schon im Paradies heißt, sie werde der Schlange den Kopf zertreten, und von der die heilige Kirche singt: Freue dich, Jungfrau Maria, alle Irrtümer hast du allein in der ganzen Welt vertilgt.

Aber auch uns ist Maria noch ein lehrreiches Buch, das uns im Glauben unterrichtet und in der Tugend unterweist; ein Buch, das Blatt für Blatt uns gute Lehren gibt. Steht nicht auf dem einen: Tut alles, was Jesus euch sagt; auf dem anderen: Komm, mein Sohn, nimm einen Rat von mir an und rette deine Seele! – kurz mit großen goldenen Buchstaben steht in diesem Buch geschrieben die Art, ein Gott wohlgefälliges Leben zu führen, die Ermahnung, unser Leben nach dem ihrigen einzurichten! – Unsere Gewissen sind auch Bücher, in die wir alles, Gutes und Böses, hineinschreiben, all unser Tun, Gedanken, Worte und Werke kommen da hinein. Am Tag des Gerichts werden diese Bücher aufgeschlagen, und wir nach ihnen gerichtet. Wollen wir dort bestehen, so ist es ratsam, dass wir es jetzt wie diejenigen machen, die ein gar nützliches und kostbares Buch abschreiben. Diese legen das Buch vor ihre Augen hin, schauen es oft und wohl an, und schreiben das, was darin steht, mit großem Fleiß ab. Weil man aber oft bei der größten Mühe und Vorsicht etwas übersieht, so vergleichen sie öfter ihre Schrift mit dem Original und wo sie einen Fehler finden, nehmen sie geschwind das Messer und kratzen den Fehler heraus und verbessern ihn so viel als möglich. – Also müssen wir das kostbare und lehrreiche Buch Maria vor unsere geistigen Augen legen, und unser Leben dem Leben der heiligen Jungfrau ähnlich zu machen suchen; weil wir aber auch manchmal fehlen, so müssen wir unser Gewissensbuch oft – je öfter desto besser – durchgehen und jeden Fehler mit dem scharfen Messer der Reue und des Vorsatzes ausbessern, bis wir endlich mit dem fleckenlosen Buch eines gereinigten Gewissens in den Himmel kommen zu Jesus und Maria, die wir auf Erden so oft begrüßten: Maria, mein Buch! Amen.