13. Maiandacht - Maria meine Schwester

 

Als der Patriarch Abraham, der Vater aller Gläubigen, mit seiner Frau, wie Gott befohlen hatte, auszog aus seinem Vaterland, kam er in das Land Kanaan. Und er zog zu dem Berg, der morgenwärts von Bethel war und schlug daselbst sein Zelt auf, Bethel gegen Abend und Hai gegen Morgen, baute dort auch einen Altar dem Herrn und rief seinen Namen an. Und Abraham zog weiter und kam immer mehr gegen Mittag. Da entstand aber eine Hungersnot im Land und er zog hinab nach Ägypten, um da als Fremdling sich aufzuhalten; denn die Hungersnot nahm überhand im Land. Als er nun nahe war, nach Ägypten zu kommen, sprach er zu Sarah: Ich weiß, dass du schön bist und dass die Ägypter, wenn sie dich sehen, mich töten werden, dich aber leben lassen. So sage also, ich beschwöre dich, du seiest meine Schwester, damit es dir wohl gehe um deinetwillen und meine Seele lebe wegen deiner Gnade. – Und Abraham gelang auch dieser Vorschlag; er wurde, wie die heilige Schrift sagt, gut empfangen, sowohl beim König Pharao in hohen Gnaden aufgenommen, als auch von den übrigen Ägyptern als ein lieber Gast behandelt bloß deshalb, weil Sarah sich für seine Schwester ausgegeben hatte.

Wie nahe liegt der Vergleich unseres irdischen Lebens mit Abrahams Pilgerfahrt, liebe Christen? – Der Mensch wurde aus seinem ersten Vaterland, dem Paradies, geschafft und hat nun durch viele Orte voll Jammer und Hunger zu reisen; am Ende wird er unter Räuber und Mörder, den Tod und den Satan, fallen und gleich beim Eingang der anderen Welt einen strengen König, einen unerbittlichen Richter antreffen, das alles sagt uns klar und deutlich der Glaube. – Gibt es aber kein sicheres Mittel, den Tod und den Satan zu überwinden, in jenem Land von dem strengen Richter gnädig gehalten zu werden?

Ja, wenn diejenige, die der König selbst die schönste aller Frauen nennt, von deren Anmut der Herr sagt: Du bist ganz schön, meine Freundin, wenn die allerseligste Jungfrau Maria sich für unsere Schwester ausgibt.

Um diese Gnade von ihr zu erbitten, lasst uns die Verehrung und Liebe zu ihr dadurch entflammen, dass wir den Trost und Nutzen näher betrachten, den wir aus dieser himmlischen Schwesterschaft ziehen.

Die heilige Kirche rühmt im Brevier an den lieben Martyrern: Ihre wahre Bruderschaft hat niemals getrennt werden können. Das kann man von dem Band der kindlichen Liebe nicht sagen, das selbst ein göttliches Gebot trennt: Du sollst Vater und Mutter verlassen und deiner Frau anhängen. Es liegt aber doch noch ein anderes Geheimnis in diesen Worten, die wohl das Verlassen von Vater und Mutter befehlen, aber ein Scheiden von Bruder und Schwester nicht erwähnen; wie wir es auch an dem Beispiel Abrahams sehen, der auf seiner Reise nebst seiner Frau auch seinen Bruder Lot mitnimmt, während er seine ganze übrige Freundschaft zurücklässt.

Als Itaphernes, wie Plutarch erzählt, in die Hände des Perserkönigs Darius geriet, wurde auch seine Gemahlin und deren Bruder gefangen genommen, die beide mit Itaphernes in den Krieg gezogen waren. Hingerissen von der Schönheit der gefangenen Königin, erbarmte sich Darius und sprach, dass sie frei sei und die Erlaubnis habe, entweder den Gemahl oder den Bruder mit sich in die Freiheit zu nehmen. Nach hartem Kampf wählte die Königin den Bruder, und als Darius sie nach dem Grund fragte, antwortete sie: Weil ich wohl wieder einen Gemahl, aber keinen Bruder mehr erlangen kann.

Deswegen führen wir dir, o allerseligste Jungfrau, dies auch zu Herzen, dass deine Brüder, einmal verloren, ewig verloren bleiben; sag daher, wir beschwören dich, dass du unsere Schwester bist und lass uns als deine Brüder gelten! Du bist eine Tochter jenes himmlischen Vaters, sagt der heilige Ildephonsus, der allen, die an seinen heiligsten Namen glauben, die Macht gegeben hat, Kinder Gottes zu werden. Wir glauben an ihn, darum würdige dich, unsere Schwester zu heißen, da wir alle Gott zum Vater haben. Sage, dass du unsere Schwester bist, auf dass es uns wohl gehe, wie Abraham, und unsere Seele lebe durch deine Gnade.

Um der Schönheit Sarahs willen wurde Abraham vom König mit Gnaden überhäuft, und wenn Maria, in der, wie Richard v. St. Viktor sagt, alle geistige und körperliche Anmut vereint war, uns ihre Brüder nennt, wird der König Himmels und der Erde ihr die Macht verleihen, alle Gnaden uns zu spenden. Vor allem wird diese liebreichste Schwester uns ganz besonders in Liebe zugetan sein, weil sie ja das Gebot ihres göttlichen Sohnes kennt: Wir haben ein Gebot von Gott, dass wer Gott liebt, auch seine Brüder und Schwestern liebe. – Kein Geschöpf liebt aber Gott mehr und glühender als Maria, schließt nun auf die Glut der Liebe unserer Schwester, da die eine Liebe in dem Grad wächst, als die andere zunimmt! – Dann drängt sie diese Liebe, uns, ihre armen Brüder und Schwestern, Miterben ihrer Reichtümer und Schätze sein zu lassen. Bei den Arabern soll dies für ein Reichsgrundsatz gegolten haben, dass nicht die Kinder, sondern die Brüder im Reich und auch sonst geerbt haben. Bei den Äthiopiern und, wie Livius bezeugt, bei den Numidiern fiel die Krone des Reiches auf die Brüder und Bruderskinder. Im himmlischen Reich sowohl, als hienieden in der streitenden Kirche trifft auch das Erbrecht der Gnadenschätze Mariens ihre Brüder und Schwestern, uns arme Christen, und zwar im geistigen Sinn, wie der selige Humbertus sagt: Leibliche Geschwister teilen die Erbschaft in so viele Teile, als ihrer sind, so dass der eine umso weniger bekommt, je mehr ihrer sind. Bei jener geistigen Verbindung zwischen unserer Schwester Maria und uns aber geht es anders. Was hier jeder für sich bekommt, ist auch allen anderen zum Genuss und Nutzen.

Ein rührendes Beispiel von Geschwisterliebe hat der berühmte Kato von Utika gegeben. Als Kind wurde er gefragt, wer ihm auf der Welt der allerliebste sei? Kampio, sagte er, mein Bruder. Wer danach? Mein Bruder. – Wer noch? Mein Bruder; mehr konnte man aus ihm nicht herausbringen. Diese Liebe wuchs von Jahr zu Jahr und als er das Jünglingsalter erreicht hatte, konnte er nicht speisen, Kampio wäre denn sein Gast; nicht verreisen, ohne ihn als Gefährten zu haben; wo er nur immer sich zeigte, stets war sein Bruder an seiner Seite. Schließlich trennte der Tod das Brüderpaar; doch auch der vermochte sie nicht gänzlich zu scheiden; Kato verwendete alle mögliche Pracht auf das Leichenbegräbnis seines Bruders und opferte ungeheure Summen für dessen Grab. Er ließ es schmücken mit einem Denkmal aus tharsischem Marmor und wollte nicht das Geringste von der ihn treffenden Erbschaft seines Bruders annehmen, sondern verwendete alles für den Schmuck und die Zierde seiner Gruft.

Und könnten wir glauben, liebe Christen, dass unsere an Schätzen so reiche Schwester, die liebevollste Jungfrau, nicht was uns nur immer nötig im Leben und Tod reichlich beitragen, sondern alle Erbschaft allein für sich behalten werde? Nein, sie teilt uns im überschwänglichen Maße das ihrige mit. – Es liegt ein großer Trost in der Wahrheit, dass jeder einzelne Christ an dem Guten, das sein Mitbruder wirkt, der mit ihm in christlicher Liebe, besonders in Vereinen und Bruderschaften, verbunden ist, teilnimmt; wenn aber die gnadenreichste Jungfrau Maria sich für unsere Schwester erkennt und uns, ihren Brüdern und Schwestern, den Schatz ihrer Reichtümer beiträgt, dann werden uns nicht bloß tropfenweise, sondern in Strömen die Gnaden mitgeteilt; es wird uns wohl sei und gut ergehen vor dem erzürnten Gott um ihretwillen.

Noch eine Frage aber, liebe Christen, könntet ihr an mich stellen, nämlich: Was wird denn erfordert, ein rechter Bruder, eine rechte Schwester zu sein, und was muss man verrichten, damit sich Maria wirklich für unsere Schwester erkenne? – Ihr fragt dadurch mit dem göttlichen Bräutigam im hohen Lied: Was sollen wir mit unserer Schwester tun am Tag, wenn man sie anspricht? Hld 8 Wir müssen die Todsünde meiden, die uns das Leben und ihr die Liebe nimmt; wir müssen die lässlichen Sünden fliehen, die uns lau und sie traurig machen; wir müssen ihre Tugenden nachahmen – der Stolze ihre Demut, der Unkeusche ihre Reinheit, der Zornige ihre Sanftmut; wir müssen sie anrufen mit Eifer, mit Liebe, mit Vertrauen, oft, innig und beharrlich; wir müssen täglich beim Morgengebet wie der heilige Kasimir jene Frage an uns stellen: Was können wir heute wieder tun, um Maria zu gefallen und ihr Freude zu machen? – Dann dürfen wir aber auch ihres Trostes, ihrer Huld und Gnade versichert sein; sie wird uns mit den Worten des 90. Psalms erwidern: Ich will ihn beschützen, weil er meinen Namen erkannt hat; weil er mich für seine Schwester hält, so will ich ihn wie meinen Bruder beschirmen und lieben.

In dem Leben des heiligen Leander wird erzählt, es habe diesem um sein Seelenheil tief bekümmerten Bischof zum großen Trost gereicht, dass seine Schwester Florentia, eine sehr heilige Jungfrau, ohne Zweifel bei Gott in großen Gnaden stand. Er pflegte zu sagen, dass diese einen großen Teil an der Hoffnung habe, die er auf sein ewiges Heil setze; - Florentia werde ihm sicherlich an jenem erschrecklichen Gerichtstag deshalb zu großem Trost sein, weil sie, als eine liebe Braut des Richters selbst, ihn hoffentlich dahin vermögen werde, dass ihr Bruder nicht verdammt werde. Der Richter wird nicht zugeben, sprach er, dass der Bruder seiner Braut zu Grunde gehe. Was ist aber Florentia gegen unsere himmlische Schwester Maria? – Sie wird gewiss uns nicht vergessen, sie wird jetzt im Himmel für ihre Brüder und Schwestern beten, wie sie es in ihrem zeitlichen Leben auf Erden getan hat. Kurz bevor sie verschied, erhob sie betend ihre Hände über die Apostel, sagt der heilige Johannes Damaszenus, und sprach: O mein teuerster Sohn Jesus, überhäufe diejenigen, die du selbst Brüder genannt hast und die ich wie eine Schwester liebe, durch meinen letzten Segen mit neuer Kraft und Gnade. – Und nachdem sie diesen Segen gesprochen, hat sie ihr heiligstes Leben beschlossen. Amen.