12. Maiandacht - Maria, meine Taube


Von den Opfern des alten Bundes heißt es ausdrücklich im Buch Levitikus, dass die Schlachttiere, Lämmer und Widder zerschnitten und zerteilt werden mussten und der eine Teil der Priesterschaft, der andere dem Opfernden gegeben, der dritte Teil aber verbrannt und die Asche an einem eigens bestimmten Ort aufbewahrt werden musste. Wurde aber eine Taube geopfert, so wurde sie zwar getötet, aber sie durfte nicht zerrissen, zerschnitten und verteilt, sondern musste ganz als Opfer dargebracht werden. Durch die anderen Tiere, sagt der heilige Bonaventura, werden jene frommen Christen bezeichnet, die sich Gott und seinem heiligen Dienst ergeben. An diesen wird, wenn sie sterben, das Wort der heiligen Schrift erfüllt: Der Staub kommt wieder zu seiner Erde, von der er war, und der Geist kehrt wieder zu Gott zurück, der ihn gegeben hat. Sie müssen zerteilt werden, Leib und Seele müssen sich scheiden, der Leib wird der Erde gegeben, die Seele aber kehrt zurück in den Himmel zu Gott. – Die Taube aber ist ein Sinnbild der allerseligsten Jungfrau Maria, die ihr gebenedeiter Sohn selbst aus dem Grab rief mit den Worten: Steh auf, eile, meine Taube, und komme zu mir; steh auf, du meine Taube, und komm aus den Felsenklüften deiner Gruft, aus der Mauerhöhlung deines Grabes, zeige mir dein Antlitz! – Nicht ohne tiefes Geheimnis heißt es in der heiligen Schrift, dass Noah die Taube, die er selbst ausfliegen ließ und die nirgends einen Ort zu ruhen fand, wieder hereinnahm in seine Arche: Und Noah streckte die Hand aus, ergriff sie und brachte sie in die Arche. Gen 8,9. Das ist ein Bild der Himmelfahrt Mariens, die die auserwählte Taube des Allerhöchsten ist. Er schickte sie in die Sündflut dieses Tränentales, und da sie hienieden keine Ruhe fand, sehnte sie sich nach ihrem Schöpfer und seiner himmlischen Wohnung zurück und Jesus streckte seine Hand aus, ergriff sie und nahm sie mit Leib und Seele in die Arche seines Paradieses auf.

Nach den göttlichen Worten und den Bildern der heiligen Schrift ist also Maria deutlich die Taube Gottes; sie ist aber auch die Taube der Menschen, was sich so leicht aus den Eigenschaften einer Taube beweisen lässt, dass wir sie mit allem Recht begrüßen können: Maria, meine Taube!

Der Herr liebt die Tauben. Die alten Heiden hielten diese Tiere für ein Symbol der Liebesgöttin und wenn die Bewohner Siziliens innerhalb acht oder neun Tagen keine Tauben mehr sahen, so meinten sie, die Göttin der Liebe wäre erzürnt aus ihrem Land geflohen und die Tauben wären mit ihr, sie zu begleiten, und sie waren deshalb tief betrübt. Ihre Freude aber war unbeschreiblich, kamen die Tauben wieder und zeigten ihnen durch ihre Ankunft an, dass die Liebesgöttin sich wieder mit ihnen versöhnt. – Wir Christen wissen und glauben noch mehr, dass nämlich der wahre Gott der Liebe, der die Liebe wesentlich ist, der heilige Geist, die Tauben so innig liebt, dass er stets die Taubengestalt wählte, wenn er sich auf dieser Welt sichtbar zeigen wollte; darum wird er auch überall in dieser Gestalt abgebildet. – Der heilige Ephräm schreibt, dass man am heiligen Karfreitag, am Tag, an dem Christus gelitten und starb, in Jerusalem gesehen habe, wie der heilige Geist in Gestalt einer Taube aus dem Tempel geflohen sei, zum Zeichen, dass er die jüdische Synagoge verlassen habe. – So wissen wir auch, dass die ewige Weisheit, der Sohn Gottes, uns die Tauben zu einem Beispiel der Redlichkeit und Aufrichtigkeit vorstellt, indem er sagte: Seid klug wie die Schlangen und einfältig wie die Tauben. Mt 10,16. Als er das Menschengeschlecht nach der Sündflut trösten und ihm seine Versöhnung anzeigen wollte, wählte er als Boten eine Taube mit dem Ölzweig des Friedens. Und sehr oft vergleicht er die bußfertigen und die ihn liebenden Seelen mit Tauben. Können wir uns daher wundern, wenn er diejenige, die ihm am teuersten ist, seine hochgebenedeite, geliebteste Mutter eine Taube nennt: Eine ist meine Taube, wenn er von ihr sagt: Deine Augen sind Taubenaugen und deine Wangen wie die der Turteltaube. – Der Herr liebt die Tauben, weil er seine Einziggeliebte seine Taube nennt und müssen wir nicht lieben, was und wie es der Herr geliebt hat? – Höret, was die Kirche am Himmelfahrtstag Mariens singt: Wir sahen dich heute wie eine wunderschöne Taube emporfliegen über die Wasserbäche, ein unaussprechlicher Geruch strömte aus von deinen Kleidern und wie die Tage des Frühlings umgaben dich die Rosen und die Lilien der Täler. Stimmen auch wir in diesen kirchlichen Lobgesang ein und nennen wir die Taube Gottes voll Andacht und Liebe auch unsere Taube, denn Maria hat in unaussprechlich höherem Maße alle guten Eigenschaften einer Taube und hat sie nach den Worten des heiligen Bernhard für uns, was unsere Liebe verdoppelt und unsere Freude vollkommen macht.

Die Taube ist gesellig; sie liebt den Umgang der Menschen, ist freundlich mit ihnen und wohnt gerne bei ihnen. Von Maria aber gilt in Wahrheit das Wort der heiligen Schrift: Meine Freude ist es, bei den Menschenkindern zu sein! Sie ruft voll Sehnsucht: Was klein ist, komme zu mir; sie ladet uns voll Verlangen ein, wie ihr göttlicher Sohn: Kommt zu mir alle, die ihr mühselig seid und beladen, und ich will euch erquicken. Wer von uns hat nicht schon die Schriftstelle an sich erfahren: Ihr Umgang hat nichts Bitteres und ihre Gesellschaft nichts Widriges? – Seht ihr sie fliegen diese himmlische Taube auf Paläste und Strohhütten, in die Wohnungen des Glücks, um Seelen zu retten, in die Häuser der Armut, um Tränen zu trocknen; seht ihr sie freundlich verkehren mit den Kindern wie mit dem seligen Hermann Joseph und mit den Hirtenkindern von la Valette; seht ihr sie huldvoll erscheinen den Sündern, wie dem Juden Ratisbonne; seht ihr sie liebend umgehen mit den Frommen wie mit dem heiligen Alphons, dem sie auf der Kanzel und am Sterbebett erschien! – Und ihr müsst mit Freude bestätigen, dass sie wie die Taube gerne bei den Menschen ist.

Die Taube ist friedlich und ohne Galle; was hier mehr Sage ist, das ist bei unserer himmlischen Taube glänzende Wahrheit. Honig und Milch ist unter deiner Zunge, heißt es von ihr im hohen Lied und der kirchliche Hymnus nennt sie: Einzige Jungfrau, sanft vor allen. – Welch unendlicher Trost aber in dieser Eigenschaft Mariens für uns liegt, schildert in herrlichen Worten der heilige Bernhard: Warum soll sich die menschliche Gebrechlichkeit fürchten, sich Maria zu nahen? Nichts strenges ist an ihr, nichts furchterregendes; sanft und mild kommt sie allen entgegen. Schlage auf das Buch der heiligen Schrift und wenn du darin ein hartes Wort, einen Vorwurf oder nur irgend ein schwaches Zeichen eines Unwillens an Maria findest, so darfst du alles andere für verdächtig halten und dich fürchten, zu ihr zu gehen; wenn du aber im Gegenteil alles voll Güte und Liebe, alles voll Sanftmut und Erbarmen an ihr findest, dann danke jenem, der dir in seiner unaussprechlichen Barmherzigkeit eine solche Mittlerin geschenkt hat.

Die Tauben ziehen andere an sich und der heilige Kirchenlehrer Basilius gibt selbst die Art und Weise an, durch eine Taube viele andere zu fangen. Man ziehe ein schönes junges Täubchen auf, sagt er, und gewöhne es zum Ausfliegen und Wiederkommen; dann bestreiche man ihm die Flügel mit einem Wohlgeruch und lasse es unter die fremden, wilden Tauben fliegen, die angezogen von der Schönheit und dem lieblichen Geruch ihr sogleich nachfolgen. Auch diese Eigenschaft findet sich in Maria, von der es im hohen Lied heißt: Ziehe mich, so wollen wir dir nachlaufen dem Geruch deiner Salben nach! Diese Salben sind der Balsam ihrer Tugenden und Heiligkeit, womit sie die frommen Seelen anzieht und zur Vollkommenheit begeistert; diese Salben sind die Wohlgerüche ihrer Huld und Liebe, wodurch sie die armen Sünder fesselt und zur Heimkehr ins Vaterhaus bewegt. Im Jahr 1842 in der ersten Hälfte des Oktobers kam ein ehemaliger Militair und hierauf Beamter im höheren Staatsdienst nach Paris. Er reiste in Familienangelegenheiten 120 Meilen weit hierher; er hatte zwar noch ein wenig Religion in sich, war aber ganz gleichgültig gegen ihre heiligen Übungen und lebte viele Jahre von Gott entfernt dahin. Bei seiner Abreise bat ihn eine bekannte Dame dringend, ihr einen Dienst zu erweisen und in Paris in der Kirche U. L. Frau vom Sieg ein Vater unser und Ave Maria für sie zu beten. Nach einigem Sträuben sagte er es ihr lachend zu. Er ging auch in die Kirche, betete das Vater unser, das Ave Maria aber konnte er trotz aller Mühe nicht zusammenbringen. Er wurde ganz unruhig, dachte an Tod und Ewigkeit und erhob sich nach langer Zeit mit dem festen Vorsatz zu beichten. Als er den Pfarrer um den Grund seiner Unruhe fragte, antwortete ihm dieser: Weil Sie sich in einer Kirche befanden, wo die Sünder sich bekehren und vor einem Bild knieten, dass auch die härtesten Herzen erweicht und an sich zieht. – Er kehrte auch vollständig gebessert nach Hause.

Die Taube nährt sich am liebsten vom Samen der Sonnenblume und ihr ganzes Singen besteht in Seufzen. So wendete sich das Herz der himmlischen Taube stets wie die Sonnenblume nach der Sonne der Gerechtigkeit, ihr Willen war stets mit dem göttlichen Willen vereinigt, diesen zu erfüllen war ihre geistige Nahrung. Sie sprach immer: Ich gehöre meinem Geliebten und sein Verlangen geht nach mir. Darum war ihre Stimme nur ein Seufzen, wie Jesaja 59 sagt: Wir seufzen sehnsüchtig wie die Tauben. Maria seufzte, weil sie sich heimwärts sehnte und weil wir nicht seufzen wollen, die wir Gott täglich beleidigen.

Die Taube, besonders die weiße, war in hohem Wert bei den Assyrern. Sie durfte nicht einmal angerührt, viel weniger umgebracht werden. Und wir, liebe Christen, vergessen sooft darauf, dass, wenn wir Jesus beleidigen, wir auch Maria verwunden! Darum keine Sünde, keine schwere Sünde mehr! – Nie, himmlische Taube, sollst du mehr über uns klagend rufen wie der Prophet Hosea 7,11: Ephraim ist geworden wie eine verlockte, unverständige Taube! Wir wollen deine Tugenden nachahmen und angezogen von dem süßen Duft deines Beispiels dir nachfolgen, auf dass der heilige Paulus auch von uns sagen könne: Ihr seid ein guter Geruch Christi an allen Orten (2 Kor 2,15). – O Maria, du hast nun im Himmel den Thron deiner Seligkeit gefunden, wie David gesagt: Die Turteltaube findet ihr Nest; mach einst an mir auch wahr, was der Psalmist hinzufügt: worein sie ihre Jungen legt (Ps 83,4). Bringe mich, dein Kind, heim in deine ewige Friedenswohnung, o meine Mutter Maria, meine Taube! Amen.