11. Maiandacht - Maria, meine Wohnung


Als der Patriarch Jakob nach Mesopotamien reiste, wurde er einst ganz erschöpft und müde von der Nacht überfallen. Da er keine Herberge hatte, legte er sich auf die Erde nieder und sein Haupt auf einen Stein und schlief ein. Da hatte er einen wunderbaren Traum; er sah nämlich eine Leiter von der Erde bis zum Himmel reichen und auf ihr Engel auf und niedersteigen. Von heiliger Scheu ergriffen wachte er auf und rief: Wie schauerlich ist dieser Ort! Wahrhaftig, hier ist nichts anderes, als die Wohnung Gottes!

Liebe Christen, kennt ihr jene Wohnung Gottes, von der diese Himmelsleiter ein Sinnbild war? – Kennt ihr sie? – Es ist Maria, die wahre Wohnung des Allerhöchsten, das heilige Haus, in dem Gott selber wohnt. Der Erzengel Gabriel sagt es deutlich mit den Worten: Sei gegrüßt, Maria, der Herr ist mit dir, du bist sein heiliger Tempel, sein reiner Tabernakel, sein auserwähltes Haus, seine freundliche Wohnung, in der er eingekehrt ist, als er als Fremdling vom Himmel auf die Erde kam, als er in sein Eigentum kam und die Seinigen ihn nicht aufnahmen; als er nirgends eine Herberge fand; als er wie die Taube Noahs in der Sündflut dieser Welt keinen Ort fand, wo sein Fuß ruhen konnte.

Der heilige Andreas von Jerusalem nennt Maria die Wohnung Himmels und der Erde; der heilige Gregor die Wohnung jeglicher Tugend. Wenn auch all dieses wahr und in Bezug auf Maria noch viel zu wenig gesagt ist, so übertrifft doch jene an Schönheit und Erhabenheit der Ausspruch des heiligen Bernhard: Du bist die Stätte, in der der Herr gewohnt, o Maria, welch eine Ehrfurcht! Du bist die Wohnung, in der ich weilen darf, welch eine Freude! – Der Herr hat in dir durch seine allmächtige Kraft gewohnt; ich aber darf in dir wohnen durch meine Andacht und Liebe, welch ein Glück, welch eine Seligkeit, ich darf Maria meine Wohnung nicht bloß nennen, nein, sie ist wirklich meine Wohnung prachtvoll und sicher!

Die ewige Weisheit hat sich ein Haus erbaut, heißt es in der heiligen Schrift. Wenn wir darunter Maria verstehen, wie über alle Maßen schön und prachtvoll muss es gewesen sein? – König Salomo ließ zwei Paläste erbauen, einen für sich und einen weitaus kostbareren für seine Gemahlin, die Königin, die die Tochter Potiphars, des Königs von Ägypten, war. An seinem Palast wurde dreizehn Jahre gebaut; von der Burg der Königin aber sagt die heilige Schrift, dass sie von lauter kostbaren und prachtvollen Steinen gewesen sei und dass selbst der Grund in der Erde, wozu man doch sonst das gewöhnlichste Material zu nehmen pflegt, von den vorzüglichsten Edelsteinen war. Wenn wir aber nach dem heiligen Paulus alle Dinge im alten Bund als den Schatten betrachten, den das Licht des Neuen Testamentes verursacht, so müssen wir in König Salomo denjenigen erkennen, der von sich selbst sagt: Siehe, hier ist mehr als Salomo (Mt 12,24). Jesus Christus, die ewige, unerschaffene Weisheit Gottes, der für sich den Himmel zum Palast erschuf und auf der Erde eine Wohnung in derjenigen, die selbst sagte: der mich erschaffen hat, der hat geruht in meinem Zelt; und von der die heilige Kirche singt: Den, den die Himmel nicht zu fassen vermochten, hat dein Schoß umschlossen, in der allerseligsten Jungfrau Maria. Sie ist die Wohnung Gottes und der Tempel des heiligen Geistes. – Wenn wir Erdenbewohner uns ein Haus, eine Wohnung gründen wollen, so bauen wir sie uns nach unserem Geschmack, richten sie nach Bequemlichkeit und nach unseren Bedürfnissen ein und ordnen alles so, dass der Aufenthalt darin angenehm und freundlich wird. Unser Geld und Gut, das Kostbarste und Wertvollste, was wir besitzen, bringen wir aber erst mit, wenn wir selbst einziehen. So hat die göttliche Majestät ihre irdische Wohnung Maria von ihrer Erschaffung und Empfängnis an prachtvoll und eines Gottes würdig mit zahllosen Gnaden und Tugenden ausgestattet, so dass der Erzengel sie schon im Mutterleib, in der Zeit ihrer Kindheit, in ihrer frühesten Jugend hätte begrüßen können: Du bist voll der Gnade! – Als aber bei der Menschwerdung Gott selbst in die ihm bereitete Wohnung einzog, als die Sonne der Gerechtigkeit selbst diesen Prachtbau erhellte und durchleuchtete, brachte Jesus zu der hinreichenden Gnadenfülle, die Maria vor der Menschwerdung besaß, noch die Gnadenfülle des Überflusses mit und Gottes Wohnung Maria wurde erfüllt mit einer Glorie und Herrlichkeit, die zu beschreiben einer menschlichen Zunge unmöglich ist und die der Ausspruch des heiligen Bonaventura nur schwach ausdrückt: Es gibt keinen Schimmer, keinen Glanz, keine Tugend, die nicht wiederstrahlen an der glorreichen Jungfrau Maria.

Während wir aber, liebe Christen, uns bemühen, die Pracht und Herrlichkeit der Wohnung Gottes auf Erden wenigstens ahnen zu können, überfällt uns heilige Scheu und eine Ehrfurcht, die uns mit dem Patriarchen Jakob zu dem Ausruf zwingt: Wie schauerlich ist dieser Ort! – Können und dürfen wir es wagen, Maria, die Wohnung des Allerhöchsten, auch unsere Wohnung zu nennen? – Ja Christ, Maria ist auch Deine Wohnung, denn sie trägt Dich, wie der heilige Bernhard sagt, wie eine Mutter in ihrem Herzen, wenn Du ihr mit ehrfurchtsvoller Liebe dienst und ihr mit ganzer Seele ergeben bist. O erkenne daher deinen Reichtum, wenn du auch arm an zeitlichen Gütern bist, wenn auch eine dürftige Wohnung, ein niedriges Haus dich umschließt, du darfst in Maria wohnen, in diesem Palast so prächtig, wie keiner auf dieser Welt, in dieser Burg so sicher, wie keine auf dieser Erde!

Was würde die prachtvolle Wohnung nützen, wenn wir darin nicht sicher wären; erst die Ruhe vor Angriffen und Einbrüchen, erst die Sicherheit vor Feinden macht den Aufenthalt vollkommen und beneidenswert. Dem aber kann kein Feind schaden, ruft der eilige Kasimir, der in Maria wohnt. Die unüberwindliche Burg Davids ist ein Sinnbild der Muttergottes. Die Worte des Bräutigams im hohen Lied, die er von seiner Braut sagt, beziehen sich auf Maria: Du bist wie ein Turm Davids, der mit Schutzwehren gebaut ist, tausend Schilde hängen daran, die ganze Rüstung der Starken. Der heilige Rupertus erklärt auf folgende Weise diese Stelle: Wie kann sich der fürchten, der innerhalb der Mauern dieses Turmes weilt; seine Schilde halten Tausende von Versuchungen von ihm ab; seine Schutzwehren verteidigen ihn gegen jeden Feind; seine Waffenrüstung vertreibt jede Bangigkeit und gibt dem Furchtsamen den Mut zurück. Darum begrüßt die heilige Kirche Maria in der lauretanischen Litanei mit dem Titel: Du Turm Davids; darum fordert sie die Gläubigen bei jeder Gelegenheit auf, in das Mutterherz Mariens zu fliehen und darin durch beharrliche Andacht und aufrichtige Liebe zu wohnen; darum ermuntert sie uns dazu durch unzählige Beispiele aus ihrer Geschichte.

Ein junges Mädchen, das ebenso schön dem Leibe, als der Seele nach war, wurde lange Zeit von einem Wüstling verfolgt, der ihrer Unschuld nachstrebte und sie zu Fall bringen wollte. Er ging ihr überall nach und so sehr sie ihm auch auszuweichen bestrebt war, so ließ er doch keineswegs nach, sie, wie er nur konnte, zu verfolgen.

Eines Tages musste das Mädchen eine Verwandte besuchen, die einige Stunden entfernt wohnte. Der Weg dahin führte durch einen Wald. Die junge Frau betete den heiligen Rosenkranz; sie war noch nicht lange gegangen, als sie ihren Verfolger, der ihre Reise erfahren hatte und dem diese Gelegenheit außerordentlich günstig schien, mit hastigen Schritten ihr nacheilen sah. Sie verdoppelte ihre Eile; doch immer näher und näher kam ihr der Mensch. In dieser höchsten Not und Seelenangst rief sie zu Maria um Hilfe und sie erreichte glücklich eine der heiligen Jungfrau geweihte Kapelle, die einsam im Wald lag. Dahinein flüchtete sie sich, kniete sich vor dem Altar der Muttergottes nieder und betete mit aufgehobenen Händen: O Maria, gib nicht zu, dass es heiße, ein Kind, das zu dir seine Zuflucht genommen, sei getäuscht worden. Ich bin verloren, wenn du mir nicht hilfst! O mache diese Kapelle zur festen Burg, die mich schützt, zur Wohnung, die mein Heil, meine jungfräuliche Ehre sichert! Dann will ich immer und ewig dein Erbarmen preisen, dann will ich mich nie mehr trennen von deinem Mutterherzen, es soll sein und bleiben auf ewig meine Wohnung! – Und sieh, der Sünder, der auch in die Kapelle trat, tat ihr nichts zu Leide. Waren es die Tränen, die das Mädchen weinte, war es das heiße Gebet, das die junge Frau mit einem überirdischen Glanz verklärte oder war es die Hand der Mutter Christi, die ihn zurückhielt, er blieb wie fest gebannt unbeweglich stehen. Plötzlich verließ er das Heiligtum Mariens, seine Seele zum Tod verwundet, aber nicht zum ewigen Tod, sondern zum Tod, der lebendig macht, der neues Leben gibt. Er ging in sich und wurde ein anderer, besserer Mensch.

Wie hier Maria sich diesem Mädchen als eine sichere Wohnung erwies, so, liebe Christen, wird sich auch an uns das Wort des Psalmisten erfüllen: Es sollen sich alle freuen, die auf dich hoffen; denn in Ewigkeit werden sie jubeln, weil du in ihnen wohnen wirst. – Macht daher den Ausspruch des Propheten zum Grundsatz eures Lebens: Hier will ich wohnen, weil ich es mir selbst gewählt habe, hier im Mutterherzen Mariens durch Andacht, Liebe und Vertrauen, in dieser prachtvollen, in dieser sicheren Wohnung, auf dass man auch von uns allen sagen könne, was die heilige Schrift spricht: Dann wohnt mein Volk in sicheren Hütten, in der Schönheit des Friedens und in überschwänglicher Ruhe (Jesaja 65). Amen.