10. Maiandacht - Maria, meine Zuflucht


Im Mittelalter, als Böhmen noch ein selbstständiger Staat war unter eigenen Landesfürsten, hat es in der Gerichtsverfassung drei Schutzorte oder Asyle gegeben, wo ein von der Justiz Verfolgter vollkommene Sicherheit seiner Person fand. Unter diesen war auch eine Zuflucht: die unmittelbare Nähe der Königin von Böhmen.

Wo aber, liebe Christen, findet die Seele Schutz, wenn sie durch eine schwere Sünde den Herrn gemordet? Welches Asyl gibt es für den Christen, der verfolgt von den Vorwürfen seines Gewissens umherirrt? Wo ist seine Zuflucht? Bei Maria; ihr Mutterherz, die Nähe der Königin des Himmels, sie ist sein Schutzort, sein Asyl, sie, die die heilige Kirche die Zuflucht aller Sünder nennt und die wir heute mit unendlichem Trost begrüßen: Maria, meine Zuflucht!

Dieser Gruß ist auch fest begründet und durch Vernunft, Glaube und Erfahrung in einer Weise bestätigt, dass kein Christ an der Wahrheit desselben zweifeln kann. Die allerseligste Jungfrau Maria ist unsere Zuflucht nach Gottes Willen, nach ihrem Willen.

Der heilige Bonaventura kann die Barmherzigkeit Gottes nicht genug anstaunen und bewundern, die sich auch vorzüglich dadurch den Menschen geoffenbart hat, dass der Herr seine heiligste Mutter bestimmte, die christliche Seele erbarmend und liebevoll aufzunehmen, die sich ihrer Sünden wegen zu ihm selbst nicht hinwagt, ihr die Rückkehr zu ihm leichter zu machen, ihr Mut zur Buße einzuflößen, wenn sie Mariens Mutterherz voll Huld und Liebe erblickt. – Darum übergab der göttliche Heiland vom Kreuz herab dem Johannes Maria zur Mutter und die ganze heilige Kirche glaubt, was Augustinus lehrt: Unter dem Kreuz vertrat der Lieblingsjünger die Stelle des ganzen Menschengeschlechtes und der Herr wies ihm Maria zur Mutter an mit den Worten: Sohn, sieh hier deine Mutter! Ihre Stellung als Mutter der Menschen, als Zuflucht der Sünder, ist also eine göttliche Bestimmung, ein himmlischer Beruf! Aus dem Grunde wird es auch klar, warum der Herr seiner heilige Mutter so viele Leiden zuließ und sie in ein solch tiefes Meer von Schmerzen versenkte. Sie musste die ganze Bitterkeit dieses Tränentales erfahren und alles Weh dieser Erde empfinden, um ihr Herz zu jenem nie versiegenden Born des Erbarmens und Mitleidens heranzubilden, als das wir es verehren und anrufen. Sie fühlt unsere Schmerzen umso tiefer, als sie selbst alle Schmerzen empfunden, die es gibt, den einzigen Schmerz über die eigene Sünde ausgenommen, da sie selbst nie eine solche begangen hat. Umso wahrer aber empfand sie deshalb den Schmerz über unsere Sünden und eben die Kenntnis dieses bittersten aller Leiden machte sie zur Zuflucht der Sünder.

Der Herr redete zu Mose in den Ebenen Moabs am Jordan, Jericho gegenüber: Gebiete den Söhnen Israels, dass sie sechs Städte eigens zur Zuflucht der Flüchtlinge bestimmen, dass dahin fliehe, wer Blut vergossen hat. Hat dies Gott im alten Bund befohlen, so bestimmte der göttliche Heiland im Neuen Testament die Kirchen und Kapellen Mariens zu solchen Stätten, ihr Mutterherz zur Zuflucht für die Sünder, die ihn durch ihre Vergehen gemordet haben. Daher ruft uns Albert der Große zu: Maria ist die Stadt der Zuflucht; wer deshalb dem Tode entgehen will, fliehe zu Maria! – Wer zu ihr sich flüchtet, ist sicher, sagt der heilige Ephräm, weil aus den Armen dieser Mutter ihn keiner reißt.

Gott bestimmte Maria zur Zuflucht, weil sie eine Mutter ist, weil das Herz einer Mutter immer etwas Anziehendes hat, etwas, das die Furcht mindert und den Schrecken nimmt, das Mut macht und das Vertrauen wach ruft, dem Herzen Reue und den Augen Tränen entlockt und am allermeisten zum aufrichtigen Geständnis bewegt. Daher kommt es auch, dass die Kinder, wenn sie etwas begangen haben oder wenn irgendetwas ihr Herz bedrängt, viel eher sich zur Mutter flüchten, als zum Vater. Der Herr, der das menschliche Herz erschuf, kennt es auch am besten; und deshalb bestimmte er auch Maria zu unserer Mutter und wies uns durch sein eigenes hochheiliges Wort, wie durch den Mund der Kirche und der Heiligen an sie an. Armer Flüchtling, flüchte dich wie die Kinder zum Schoß der Mutter, ermuntert uns der heilige Antonius von Padua, und der selige Heinrich Suso sagt: O Maria, Stadt der Zuflucht, deine Mauern sind undurchdringlich und unbezwingbar; selbst Gott schont den Sünder, den sie umschließen! – Der Ausspruch es heiligen Bernhard, den wir eben bewiesen, aber heißt: Maria ist unsere Zuflucht nach Gottes Willen.

Doch auch Maria will unsere Zuflucht sein, auch nach ihrem Willen ist es, wenn wir unsere Zuflucht zu ihr nehmen. Wie sie es gerne sah, dass die Hochzeitsleute in ihrer Verlegenheit zu ihr sich flüchteten, weil sie so schnell und bereitwillig es wagte, ihren göttlichen Sohn zu seinem ersten Wunder zu veranlassen, so ist es noch immer ihr Wille, dass die Christen zu ihr fliehen, wie sie es selbst der heiligen Brigitta geoffenbart: Meine Tochter, sage den Menschen, dass ich ihre Zuflucht sein will! – Sie bewies auch auf Erden schon auf rührende Weise diesen Willen, in dem sie der jungaufblühenden Kirche mütterlich sich annahm, den Aposteln und Jüngern in all ihren Anliegen und Kämpfen eine feste Stütze war; namentlich aber Johannes und Magdalena, diesen Vorbildern der Gerechten und der Sünder, der reinen und der bußfertigen Seelen, als eine wahre und sichere Zuflucht sich erwies. Wie oft wendete sich der Lieblingsjünger Jesu an die göttliche Mutter um Rat und Trost, und wie gerne eilte die heilige Büßerin zu Maria, um an ihrem Herzen die Tränen ihrer Reue und ihrer Sehnsucht nach Jesus und dem Himmel auszuweinen! – War daher Maria auf Erden schon die Zuflucht der Christen, um wie viel mehr jetzt im Himmel, im Land der vollkommenen Liebe, an der Seite ihres göttlichen Sohnes, der sie zu dieser erhabenen Stellung bestimmte und ihr diesen hochheiligen Beruf anwies! Ihr Wille war hienieden schon mit dem ihres göttlichen Sohnes aufs Innigste vereinigt, wie wird es erst dort oben ihr freudigster Wunsch sein, denselben zu erfüllen und denen, die hilfesuchend an sie sich wenden, eine Zuflucht zu sein! – Darum ruft uns der heilige Justinus zu: Kommt alle in diese Stadt der Zuflucht, die ihr von wem immer verfolgt werdet, hier seid ihr in Sicherheit! – Darum sagt die heilige Gertrudis: Wem es ernst ist mit der Besserung seines Lebens und mag er auch der verworfenste Sünder sein, er wird aufgenommen und nicht verstoßen, wenn er zu Maria flüchtet und sie um Hilfe bittet.

Der heilige Franz von Sales erzählt, dass zu seiner Zeit unter den Studenten zu Padua die böse Sitte herrschte, dass sie bei Nacht bewaffnet durch die Straßen zogen und die Vorübergehenden mit einem „Wer da“ anriefen. Wer ihnen nun nicht nach ihrem Sinne antwortete, der war ihren Angriffen ausgesetzt.

Ein Student, der über die Straße ging und diesen Zuruf unerwidert ließ, wurde getötet. Der Mörder flüchtete sich in das Haus einer Witwe, deren Sohn sein Mitschüler und sein Freund war und bat die Frau, der er seine böse Tat bekannte, auf das dringendste, dass sie ihn doch in irgend einen Winkel ihres Hauses verbergen möchte. Die mitleidige Witwe schloss ihn in ein entferntes Kabinett ein und erfuhr nicht lange danach den Tod ihres Sohnes. Nun bedurfte es keiner langen Nachforschung, um zu erfahren, wer der Mörder sei. Laut aufschluchzend ging sie zu ihm und sagte: Ach, was hat Ihnen mein armer Sohn getan, dass Sie ihn so grausam ermordeten! Als der aber hörte, es sei sein geliebter Freund, da brach er in heiße Tränen aus, zerraufte sich die Haare, zerschlug sich die Brust und rang die Hände laut jammernd und weinend. Und statt die unglückliche Mutter um Verzeihung zu bitten, warf er sich ihr zu Füßen und beschwor sie, ihn den Händen der Gerechtigkeit auszuliefern, damit er eine so große Schuld öffentlich büßen könne.

Die betrübte Mutter, die eine überaus christliche und mitleidige Frau war, wurde von dem Schmerz des jungen Mannes so tief ergriffen, dass sie sprach, wofern er Gott um Verzeihung bitten und sein Leben bessern wolle, so würde sie ihn frei entlassen, was sie auch auf sein Versprechen hin tat.

Liebe Christen, in dieser wahren Geschichte spiegelt sich wie in dem herrlichsten Bild der erhabene Beruf der Gottesmutter als Zuflucht der Sünder ab. Wer erkennt nicht in dieser Mutter Maria, deren einzigen, vielgeliebten Sohn der Christ so oft und oft durch schwere Sünden ans Kreuz schlägt und mordet? – Jede Todsünde ist nach des Apostels Wort eine neue Kreuzigung Jesu Christi, ein Gottesmord. Wenn nun aber der Sünder sein Elend erkennt und seine Missetaten bereut, wohin soll er als Mörder vor der Gerechtigkeit Gottes fliehen? – Zu Maria, die ihn wie jene Mutter liebend aufnehmen und obwohl er ihren einzigen Sohn getötet, der ihm nichts Böses getan, sondern nur alles Gute erwiesen, ihm barmherzig verzeihen und von Gott die Versöhnung und die Wiederaufnahme erwirken wird. O wie gut ist doch Gott, der da will, dass seine Mutter unsere Zuflucht sei und wie gut ist doch Maria, deren eigener Wille es ist, dass wir zu ihr fliehen und dass wir sie oft liebend begrüßen: Maria, meine Zuflucht! Amen.