Traubenmadonna

 

War da in der Pfalz einmal – lieber Gott!, wie leicht vergisst sich so etwas, zu dem so etwas Zerrinnendes und Zerbrechliches wie Jahr und Tag und Ort – war da also im Pfälzerwald in ganz früher Zeit ein Kloster mit frommen Klosterleuten, die Gott zu Preis und Ehr eine neue Kirche errichten wollten, nachdem die alte zu klein und eng und überdies mit ihren runden Fensterbogen und den ungehobelten Säulen reichlich altmodisch geworden war.

 

Man müsse mit der Zeit gehen, meinte der Abt, ein kluger Herr, der die Seinen bei aller frommen Abgeschlossenheit doch mit weltoffenem Sinn regierte. „Tempora mutantur“ sagte er und bestellte bei den Bauleuten anstelle der muffig-dunklen Kapelle ein lichtes Gotteshaus, eines in dem neuen spitzbogigen Stil mit hohen Fenstern und großen bunten Glasscheiben, durch die der Himmel in allen Farben ins Kirchenschiff fällt und seine Herrlichkeit in malerischen blauen, roten, grünen Kringeln und Flecken an die Wände und über den Boden verstreut. Heilige Geschichten waren auf den Fenstern abgebildet und lilienschwenkende Engel sangen Gottes Lob und Halleluja, und was sie sangen, stand mit goldenen Lettern auf langen, weißen Spruchbändern, die ihnen in kühn bewegten Schlingen und Wellen aus dem Mund flatterten. Solch ein Fenster war der Kirche nicht nur eine fromme Zierde, sondern hatte auch sonst sein Gutes. So etwa, wenn es drinnen im gedämpften Licht einen anwandeln wollte, aus den dumpfen Banden des Gebets einen Seitenblick, und auch nur einen noch so kurzen, in den lichten, von frischem Vogelsang durchzogenen Frühlingsmorgen zu tun, dann blieb dieser Blick, bevor er der Seele Schaden ausrichten konnte, in der farbigen Netzhaut der Kirchenaugen stecken und die Engel mit den flatternden Spruchbändern im Mund mahnten rechtzeitig zu Umkehr und Besinnung.

 

All das hatte der kluge Abt in seine Rechnung gezogen und eingerichtet zur Schönheit seiner Kirche und zum Heil ihrer Gläubigen.

 

Mehr noch tat er.

 

Ein Lettner war errichtet worden, und dort und auch vor den Pfeilern ringsum in der Kirche standen die in Sandstein gemeißelten Bilder der Apostel und der anderen Heiligen, unter ihnen selbstverständlich auch St. Pirminius, St. Disibodus und St. Remigius; denn die pfälzische Dreiheiligkeit durfte im Chor der Seligen nicht fehlen.

 

Dass sich nun dazu noch ein Vierter gesellte, einer der wegen seines niederen Geschäfts in jenen hohen, oberen Kreisen nicht ganz voll genommen wird, bei den Pfälzern dafür aber umso angesehener ist, dass sich auch Cyriak, der Weinheilige von Lindenberg in jenem erlauchten Kreis fand, das war gar nicht so recht nach dem gehobenen Geschmack des Abts. Er hatte deshalb mit dem jungen Meister, der wegen seines hohen Künstlerruhms zu diesem Werk berufen worden war, ein hartes und zähes Hin und Wider gegeben. Dass sich also – sage ich – Cyriak dann doch ganz unerwartet in den Kreis der Erlauchten gestellt sah, das dankte er allein einem besonders glücklichen Umstand: der junge dickschädelige Meister war ein Landsmann aus Deidesheim. Der hatte es durchgesetzt, dass Cyriak ein Plätzchen fand, bescheiden und – der Abt hatte das in letztem Aufbegehren so ausbedungen – in deutlichem Abstand, auch etwas niedriger postiert wie die anderen, dafür wieder an einer Stelle, die keinem angemessener war als ihm, dem Cyriak: just gegenüber dem Messschrank, wo sein hütender Blick fortan auf dem dort verwahrten Wein liegen konnte.

 

Denn neben der Landsmannschaft war es der Wein, der die beiden, den Cyriak und den Bildhauer, in Dienst und Lust miteinander verband: den Cyriak im Dienst, den jungen Meister zur Lust.

 

Doch auch das muss gesagt sein: bei allem Verbindenden, mit dem der Wein sie zusammenhielt, war ein Unterschied in der Stellung unserer Freunde: war der Wein dem Cyriak eine Stärke, dem jungen Meister war er bestimmt die schwache Seite. Aber -, wer wollte ihm daraus einen Vorwurf machen? Einmal ist das Bildhauerhandwerk ein durstiges Geschäft, das macht schon der viele Staub, den man darüber schlucken muss. Und dann ist man nicht ungestraft eines pfälzischen Wingertsmanns unverfälschter Sohn; dagegen kann sich einer drehen und wenden, wie er will, es ist verlorene Liebesmüh. Und schließlich hatte man auf den weiten Reisen durch Burgund und Tirol, im Elsass und am Rhein nicht umsonst durch ebenso viele Weingläser und durch Kirchenfenster gesehen, um zu prüfen und auszulesen und endlich unter dieser Vielfarbigkeit dann doch das Deidesheimer Gold als die schönste unter den Farben herauszufinden. Nein, da kann keiner böse sein, und auch der kluge Abt sah bei der tüchtigen Hand des jungen Meisters gleich mit zwei geschlossenen Augen über so viel durstige Weinlustigkeit hinweg.

 

Somit war alles in Ordnung. Mancher Schoppengruß wurde aus der Nische im Kellergewölbe hinaufgeschickt zu Cyriak, der mit dem Wingertsbalken bewaffnet droben vor dem Messschrank auf dem Posten stand. Und es wäre auch weiter gut gegangen, hätte es nicht eines Tages unerwartet Widerstand von einer Seite, mit der man es am wenigsten verschütten durfte: nach innigster und feuchtester Vertrautheit war es mit dem Kellermeister zum Zerwürfnis gekommen. Der Stein aber, an dem diese Freundschaft zerschellte, dieser Stein, an dem der erboste Kellermeister Anstoß nahm, dieser Unglücksstein saß über dem Eingangsportal zur Kirche und trug das Konterfei des Kellermeisters im Weltgericht.

 

Solch ein Weltgericht findet sich an allen berühmten Kirchenbauten jener Zeit, und weil unser Abt mit seinem Bau jenen Kunstwerken wenngleich an Größe, so doch nicht an Schönheit nachzustehen dachte, hatte er dem jungen Meister als vornehmstes Schmuckstück des Baus schließlich auch ein solches Werk aufgetragen, das mit Himmel und Hölle, den Heiligen zuoberst und den Teufeln zuunterst, mit Seligen und Verdammten, mit Lobpreisen und Zähneklappern und – über dem Ganzen thronend und richtend – dem lieben Gott an der Spitze den Tag des Jüngsten Gerichts darstellt.

 

Auch unser Meister hielt sich an den Kanon solcher Werke, und doch hatte das seine eine eigene Note. Das war, dass er den Geist und Hauch seiner Heimat darin atmen, ihre Farbe, ihre Patina durchschimmern ließ. In keinem Stück fehlte der pfälzische Odem, den derben Bauernschädeln der Apostel so wenig als etwa einem Requisit wie -, nun sagen wir einmal dem Sessel Gottes. Der liebe Gott saß – das konnte gar nicht anders sein -, die gleichschwebende Waage der Gerechtigkeit in der Hand, in einem bequemen, breiten pfälzer Lehnstuhl. Der Gestalt des Josef gab der Meister gar das Gesicht des eigenen Vaters und machte aus dem derben, ungeschlachten Zimmermann einen launigen, kurzweiligen Weingärtner mit Sesel und Rebstock. Überhaupt rankte sich der Wein mit reichverschlungenen Ästen, mit üppigem Blattwerk und vollen, runden Beeren durch den weitgeöffneten Himmelsraum. Nur eben vom Wurzelwerk hingen einige Stränge und Fasern in die Unterwelt, denn etwas Anteil sollte auch der Teufel an dem Weinstock haben. Wie aber nun wieder der Teufel mit schmerzverzerrter Fratze dem entschwundenen Weinstock nachstarrte und sich – in seiner Wut vergessen – gar in den eigenen Schwanz biss, das konnte nur das Werk eines Schalkes sein, wie es die Pfälzer sind. Verspielt, wie eines der Spruchbänder aus den Engelsmündern, war dem Teufel der Schwanz durch das Maul und drumherum geschlungen.

 

„Suum Cuique“, hatte der junge Meister damals seinem Freund im Keller den Zusammenhang erklärt.

 

Und wenn er überdies auch so manches Mönchgesicht in die zähneklappernde Unterwelt versetzt hatte, so war das daher gekommen, dass seinem geraden Sinn der giftend-geifernde Eiferer nicht weniger zuwider war wie der lässig-laue Leichtfuß. Seine Spottlust machte vor keiner noch so protzigen Würde halt, allerdings – und das war schon bedenklicher – auch nicht vor seinen Freunden. Und so war Freund Kellermeister in die Unterwelt geraten, um hier, schwerleibig und satt, rittlings auf einem gewaltigen Fass zu sitzen.

 

Aber es war nicht so sehr die Versetzung in die Unterwelt, die den guten Kellermeister so giftete, sondern etwas anderes: auf den Schultern seines leiblichen Konterfeis – es war unverkennbar das seine – saß der dicke Kopf eines – Wasserfroschs! Ein Wasserfrosch ist eine böse Anspielung, wenn einer Kellermeister ist.

 

Wasser -?!

 

Brrr! Wasser war ihm seiner Lebtag weder an den Wein noch in das Maul gekommen.

 

„Dem Ehrabschneider werd ich Wasser geben,“ knurrte er böse und begab sich in den kleinen Keller, den er sonst eigentlich nur an den höchsten Feiertagen aufschloss.

 

Er als Wasserfrosch!

 

Das war nur im kleinen Keller auszumachen. Nur dort.

 

Und so oft er hinfort an dem üblen Machwerk des verräterischen Freundes vorüberging, suchte er anschließend in dem kleinen Keller für das heiß gewordene Herz Kühlung und Trost.

 

Den Freund selbst bekam er in jener Zeit allerdings nicht zu Gesicht. Den hatte gerade wieder einmal die Schaffwut gepackt, dass alles um ihn, Kloster, Abt und Kellermeister, unbemerkt versunken war. Er hatte jetzt das Letzte unter dem Meißel, die Muttergottes selbst. Tag und Nacht stand er wieder einmal in der Werkstatt. Vergaß die Zeit, sich selbst, das Essen und den Durst.

 

Das alles kann einer vergessen, wenn seine Stunde ihn hat.

 

Dem jungen Meister aber war aus den Träumen der eingesponnenen Tage und aus den sternbetauten Gesichten der Nacht ein wunderbares Bild erstanden, ein Bild der Muttergottes mit dem lieblichsten der Gesichter, das jener damals sah.

 

„So musste meine Mutter ausgesehen haben“, meinte für sich der junge Meister, über dessen Geburt einst das zarte Leben der Mutter zerbrochen war.

 

In warmer Liebe neigte sich die Muttergottes zu dem Kind, das verlangend die Arme ausstreckte, dass es schien, als fasste das Kind nach dem lieblich schwebenden Gesicht. Aber es war nicht das Gesicht, wonach das Kind haschte, es war die Hand der Muttergottes, die sie erhoben hatte, als würde sie etwas darin halten, irgend etwas, was ein Kind lockte, danach zu greifen und zu zappeln. Was aber die erhobene Hand der Muttergottes hielt, blieb unerkennbar.

 

Es war noch nicht ausgeführt.

 

Darüber eben war die Arbeit ins Stocken geraten und der Meister selbst schon recht ärgerlich, weil er damit aber auch gar nicht ins Reine kommen konnte.

 

Da ließ er in einer trotzigen Stunde plötzlich den Hammer fallen und besann sich über der eingestaubten Zunge auf den Weg zu dem Freund in die Kellernische.

 

Und als der junge Meister, ahnungslos der Umwälzung, die sich unterdessen dort vollzogen hatte, in die Kellernische kam, um den matten Blick am Deidesheimer Gold zu stärken und den trockenen Staub von der Kehle zu schwenken, da hatte zu seiner nicht gelinden Verwunderung das Gold in der Zwischenzeit alle Farbe verloren, war hell und dünnflüssig geworden und wog auf der erwartungsbereiten Zunge nicht schwerer als . . .

 

„Wasser -!“ spie er entsetzt den etwas kräftig geratenen Schluck wieder von sich und starrte dem Kellermeister fassungslos ins Gesicht.

 

Der aber verzog keine Miene.

 

„Richtig“, bestätigte er in größter Seelenruhe und nickte noch mit dem Kopf dazu. „Pures, blankes Wasser.“

 

„Und das – das mir?“ verzweifelte der Bildhauer. „Suum cuique“, entgegnete der Kellermeister voll vielsagender Anzüglichkeit. „Wasser, ha, Wasser ist ganz nach meinem Froschgeschmack.“

 

Da merkte der Bildhauer, wohin sein Übermut ihn diesmal geführt hatte: aufs Trockene.

 

Ja, aufs Trockene hatte es ihn gesetzt, unverhofft und recht im unpassendsten Augenblick, da er doch eigentlich schon auf dem Trockenen saß mit seinem Planen und Denken. Und gerade das Deidesheimer Gold sollte ihn doch wieder flott machen.

 

Der Kellermeister musste helfen!

 

Allein, obschon er ihm seine Not in den brennendsten Farben schilderte und ihm, dem Freund, vorhielt, wie sehr er sich durch weitere Hartnäckigkeit ins Unrecht setze: das Herz des Kellermeisters blieb ebenso verschlossen wie das Spundloch vor dem Deidesheimer Gold.

 

„Unrecht -, Unrecht tut man Dir?“ höhnte der Kellermeister. „Nun denn, Du Gerechter, tröste Dich. Was soll Dir, einem Gerechten, auch erst meine Hilfe! Dem Gerechten gibt’s der Herr im Schlaf.“

 

Zu dieser langen Rede funkelte er aus vorgewölbten Augen und hatte in seiner Giftigkeit nun wirklich das Aussehen eines hässlichen Froschs.

 

Vom Ärger, mehr noch von Durst geplagt, warf sich der junge Meister müde auf sein Lager und fand auch nach den letzten angestrengten Tagen und Nächten bald den Schlaf. Nur sollte selbst dieser Schlaf von neuen Schrecken durchquält sein.

 

Ihm träumte, dass er vom Kloster geschieden und in die Ferne gezogen wäre, in eine unbekannte Gegend voll Wäldern und Wiesen, und dass er unter einem luftigen Himmel seines Wegs ging, als ihn ein unerwarteter Flusslauf aufhielt. Er musste, ja, es drängte ihn über diesen Fluss! Da er aber in dieser menschenleeren Gegend weit und breit weder Steg noch Fähre gab, blieb ihm nichts übrig, als das Wasser zu durchwaten. Obschon der Fluss gegen die Mitte zu immer tiefer und tiefer wurde, ließ er sich doch nicht entmutigen, hielt sorgsam den Hals immer höher gereckt und schnappte nach Luft. Noch immer war das andere Ufer nicht zu sehen. Dafür schwoll das Wasser höher und höher. Fest presste er die Lippen aufeinander. Nur nicht schlucken!, dachte er. Nur nicht schlucken müssen -, aber da war es schon, das Wasser. Rasch schloss er die Augen.

 

Wasser -!

 

Da hatte sich das Bild auch schon gewandelt.

 

Bei geschlossenen Augen fand er sich, auf dem Rücken liegend, an einem fremden Ufer. Sein Atem ging heiß und gepresst, als säße ihm ein drückender Alp auf der Brust. Immer noch hielt er den Mund fest geschlossen, voll Abwehr und Abscheu gegen das zudringliche Wasser. Da bemerkte er, die Augen aufschlagend, dass der Kellermeister rittlings auf ihm hockte und, mit dem garstigen Froschgesicht über ihm geduckt, versuchte, aus einem riesigen Gefäß ihm, dem Wehrlosen, gewaltsam Wasser in den Mund zu gießen.

 

Er wehrte, bäumte, stemmte sich dagegen.

 

Vergebens.

 

Das Gewicht des schwerleibigen Kellermeisters drückte ihm schier den Brustkorb ein. Hämisch grinste das Froschgesicht.

 

„Suum cuique!“ grinste das Froschgesicht. „Wasser ist nach meinem Froschgeschmack.“

 

Wasser -!

 

Das Entsetzen gab ihm die Kraft, einen Arm aus der Umklammerung zu befreien. Indem er diesen Arm zum Schlag erhob, wuchs ihm die geballte Faust zum Hammer, der tödlich auf das Froschhaupt niederfuhr.

 

„Suum cuique“, hörte er dazu eine fremde Stimme sagen und fand sich im Umsehen vor dem Teufel, als wäre der Teufel aus der Froschhaut geschlüpft, die schlaff und zusammengefallen vor seinen Füßen lag.

 

Auch sonst hatte sich bereits wieder alles um ihn verändert.

 

Offenbar befand er sich inmitten der wild rebellierenden Unterwelt.

 

Verdammt!, nun hatte er sich auch noch den Kopf angestoßen. Da hing doch etwas von der Decke herab? Natürlich, die Wurzel eines Rebstocks.

 

Und da, war das nicht ein bekanntes Gesicht gewesen? Und jetzt noch eins und dort wieder eins. „Auch du hier?“ grinsten die Gesichter höhnend.

 

Affenfratzen fletschten ihn an. In einer Ecke balgte und würgte sich ein Klumpen, schrie, kratzte, biss. Vom Boden zischte ihn aufgereckten Leibes eine Schlange an. Überhaupt huschte und kroch es von Nattern, Lurchen und anderem ekligen Gewürm. Vor ihm aber, im Schein des Höllenfeuers, kauerte der Teufel, ganz seiner Beschäftigung hingegeben: er schrieb eifrig mit der Quaste des eigenen Schwanzes in einer Pergamentrolle, die so lang war, dass sie über sein Knie herab noch ein Stück des Bodens davor bedeckte. Es musste eine teuflische Liste sein, weil sich der Höllenschwanz daran so lustvoll blähte und ringelte.

 

„Suum cuique!“ wiederholte der Teufel, als setzte er zugleich mit diesem Satz den Endpunkt unter das Geschreibsel, und hielt unserm Freund die Liste unter die Nase, der sie, verblüfft, als sein eigenes Sünden- und Trinkregister erkannte.

 

Als hätte das Geschehen im Weltall nur eben auf diesen Augenblick gewartet, blies es jetzt auf tausend Fanfaren zum letzten Gericht.

 

Wehe!

 

Schlagartig war das Grinsen, das höhnisch-hämische, ausgelöscht, ringsum setzte Winseln, Stöhnen, Heulen, Zähneklappern ein, dass es unseren armen Freund wie unter einer Gänsehaut fror und gruselte. Dreizehn Teufelsgehilfen zerrten ihn aus dem Höllenraum in die Höhe, wo er vor dem strahlenden Licht, das ihn so plötzlich umflutete, geblendet die Augen schließen musste. Als er nach einer Weile sehend geworden war, fand er sich im Himmel. Und siehe!, der Raum, die Seligen, ihr Aussehen, ihre Gewänder, alles war, wie er es sich ausgedacht hatte. Selbst der Sessel, auf dem – die Waage haltend – Gott thronte, selbst der Sessel stimmte mit seinem Vorbild überein.

 

In der Freude darüber vergaß er, dass er als Angeklagter vor der Gotteswaage stand und nicht etwa wie einer, der Lob zu erwarten hat. Er achtete drum auch nicht auf die eintönig schnurrende Stimme des Höllenherrn, der aus dem Pergament die lange Reihe der Schoppen und der Viertel und der halben Viertel verlas, mit denen er den Leib ergötzt und die Seele belastet hatte.

 

Unberührt, als ginge ihn das gar nichts an, und neugierig sah sich der junge Meister in dem versammelten Kreis um und fand zu seinem Vergnügen unter den Seligen auch die pfälzische Dreiheiligkeit, den Pirminius, den Disibodus und den Remigius. Dass die Dreiheiligkeit dagegen über dieses Wiedersehen weniger beglückt, ja fast betreten und ernst dreinschaute und dabei gar seinen Blick zu meiden suchte, das bekümmerte ihn weiter nicht. In seiner Unschuld dachte er, dass ein solches Benehmen wohl den Ordnungsregeln in diesen Bezirken entspreche.

 

Dagegen versuchte es ihn durch die Lücke zwischen den heiligen Köpfen des Disibod und Pirmin immerfort heimlich anzublinzeln, und jetzt, endlich, hatte ihn der Blick erfasst: Cyriak grüßte den Sünder.

 

Cyriak! Heiliger Cyriak! Du Walter des Deidesheimer Goldes!

 

Während das Herz des jungen Meisters jubilierte, stand es im Vordergrund der Szene gar nicht so erfreulich um seine Sache: triumphierend hatte der Teufel am Ende seiner Rede das belastende Pergament auf die Waagschale geschleudert, dass diese unter der Last der schweren Sündenweine tief herabgesunken war.

 

Und nicht genug damit: plötzlich, niemand hatte recht gesehen woher und wieso, war der froschhäuptige Kellermeister mit einem gewaltigen Satz auf die gleiche Schale gehüpft und hockte nun dort – eine erschwerende Anklage! – breit und großspurig wie das Siegel auf dem Pergament.

 

Die Gesichter der pfälzischen Dreiheiligkeit waren noch länger, noch hoffnungsloser geworden.

 

Auch unserem Bildhauer war der Anblick des Froschkopfes keine angenehme Erinnerung.

 

Der liebe Gott aber – er hatte übrigens die wohlwollenden Augen des Abtes und in der Stimme den gleichen wohllautenden Ton -, er allein sprach dem jungen Sünder gütlich zu und lud ihn ein, nun seinerseits zur Entlastung seiner Sündenschale Zeugen seiner Guttaten beizubringen.

 

Da allerdings war guter Rat teuer.

 

Mit unsicherem Blick musterte der Meister die Versammlung. Er hatte wenig Hoffnung.

 

Da öffnete sich der Kreis der Heiligen und hervor traten Pirminius, Disibodus und Remigius, die pfälzische Dreiheiligkeit.

 

Der junge Meister atmete auf.

 

Drei so vornehme Fürsprecher hatten ein Gewicht in die Waagschale zu legen.

 

„Er ist unser Landsmann!“ sagten sie. Mehr nicht. Aber wie sie das sagten: das klang im Himmelsraum wie der vielstimmige Chor aller Pfälzer in der Welt.

 

Und was dabei geschah, war noch merkwürdiger: indem sie sprachen, sprang jedem von ihnen eine dicke, goldene Münze mit dem aufgeprägten Eigenbild aus dem Mund in die Guttatschale.

 

Drei Münzen fielen in die Schale.

 

Alles wartete darauf, wie nun der Froschkopf vom Gewicht der drei goldenen Heiligenköpfe aufgewogen würde.

 

Doch -, was war das?

 

Nichts rührte sich, nicht einmal, dass die Schale auch nur merklich wippte.

 

O weh, da stand es schlecht um unseren jungen Freund, wenn nicht einmal solche gewaltigen Männer wie Disibod, Pirmin und Remigius etwas auszurichten wussten!

 

Mit gesenkten Häuptern war die pfälzische Dreiheiligkeit zurückgetreten.

 

Schon hob der liebe Gott die Augenbrauen, wie er es vor einem Gewitter zu tun pflegt. Just in diesem Augenblick zwängte sich einer durch die Menge zum Zeugenplatz, der Cyriak.

 

Erstaunt sah alles nach dem Alten, der sonst so bescheiden und unscheinbar im Hintergrund stand und nun auf einmal nach dem Mittelpunkt drängte. Wie ein alter, ehrlicher Rebstock krumm und knorrig stand Cyriak, auf das Wingertholz gestützt, vor dem lieben Gott.

 

Die vielen auf ihn gerichteten Blicke machten ihn verlegen. Er suchte nach einem Anfang.

 

„Sprich, guter Freund“, suchte ihm der liebe Gott zu helfen, „und gib das Zeichen!“

 

Da richtete Cyriak den gebeugten Rücken am Wingertsbalken auf, blickte über die Menge und lächelte stolz.

 

„Seine Zunge“, sagte er, „seine Zunge ist von lauterster Wahrhaftigkeit!“

 

„Das lässt sich hören“, meinte der liebe Gott und schaute freundlicher drein. Wahrhaftig, ja -, das wollte ihm gefallen.

 

So legte Cyriak für den jungen Freund sein gutes Wort und noch etwas auf die Waagschale, von dem er sich sein Lebtag nie getrennt hatte: den Wingertsbalken.

 

Dass drei goldene Heiligenköpfe und ein Wingertsbalken einem Frosch die Waage halten würden, nun, das war billig zu erwarten.

 

Aber bewahre, nein!

 

Nichts rührte sich, nicht einen Atemzug lang.

 

Hilflos, beschämt ob seines ungewohnt vorlauten Wesens zog sich Cyriak in die Deckung hinter den Rücken der pfälzischen Dreiheiligkeit zurück.

 

Nach menschlichem Ermessen konnte dem armen Sünder nur noch ein Wunder helfen. Weil aber Menschenmaß im Himmel keine Gültigkeit hat und Wunder dort in der Ordnung sind wie bei uns das tägliche Brot, so erstaunte es auch keinen außer unseren Sünder selbst, als in der Minute höchster Ratlosigkeit Maria, das Kind im Arm, hereintrat und geradewegs auf den jungen Meister zuging.

 

Der erschrak nicht wenig vor dieser Erscheinung. Denn, indem sie näher und ihm schließlich so nahe kam, dass er sie von Angesicht sah, erkannte er stockenden Herzens, dass es seine Muttergottes war, die Muttergottes mit dem lieblichsten der Gesichter, das einer jemals vor die Augen bekam. Es war die Madonna mit dem Gesicht seiner Mutter. Und diese Muttergottes stand nun an der Waage Gottes und hob die Hand.

 

Ihre Hand hält etwas.

 

Der Teufel wird ganz bleich und blass davon, was die Hand der Muttergottes hält.

 

Ihr Mund öffnet sich zum Sprechen.

 

Es ist Gesang, was dieser Mund spricht.

 

„Auch er ist mir ein lieber Sohn!“ spricht der Mund.

 

Was aber die Hand bei diesen Worten auf die Waage legt, so gewichtig, dass die Sündenschale mit Pergament und Frosch in die Höhe schnellt, sieh -!, das ist das Wunderbarste dieses Wunders überhaupt: es ist nicht mehr und nicht weniger als ein Henkel reifer Trauben.

 

Trauben aus der Deidesheimer Gemark.

 

Deidesheimer Gold ist es.

 

Und Deidesheimer Gold wiegt schwerer als die goldenen Kopfstücke und Wingertsknüppel aller Heiligen zusammen.

 

Drum sank der Teufel zähneknirschend in den Boden. Beim Anblick dieses Goldes sah er sein Spiel verloren. Sein Pergament, von einem Gütigen Wind erfasst, flatterte durch die Luft und sah so lustig aus wie die weißen Bänder aus den Engelsmündern.

 

Nur das Froschhaupt gab das Spiel noch nicht auf. Heimtückisch sprang es den jungen Meister an, sprang mit einem solch heftigen Satz gegen seine Brust, dass dieser, der nur auf einem schmalen Wolkenrand stand, das Gleichgewicht verlor und strauchelte.

 

Unaufhaltsam stürzte er in die Tiefe.

 

Ein scharfer Luftzug brauste ihm in den Ohren.

 

Blitzschnell erlebte er noch einmal, wie sich alles so glücklich gewendet hatte.

 

Ein Henkel reifer Trauben, das war`s gewesen.

 

Und war nun doch umsonst.

 

Immer rasender stürzte er durch die Luft.

 

Bald musste der Aufschlag kommen, das Ende.

 

Jetzt -!

 

Dumpfes Poltern und Rumpeln brachte ihn zu sich. Noch hing die dunkle Erinnerung an einen Henkel reifer Trauben über ihm.

 

Trauben, in der Nacht?

 

Ja, es war Nacht.

 

Mondlicht fiel durch das offene Fenster.

 

Der Luftzug spielte in dem Vorhang.

 

Und er -, er hockte auf dem Stubenboden vor dem Bett.

 

Was ist das nur mit den Trauben gewesen? Die Trauben lassen ihn nicht los.

 

Also aus dem Bett war er gefallen, hatte geträumt . . .

 

Natürlich Trauben!

 

Ein schwerer, voller Henkel mit Trauben musste es sein. Das ihm auch das nicht eingefallen war!

Trauben würde er der Madonna in die erhobene Hand geben.

 

Da hat man sich nun tagelang den Kopf zerbrochen und jetzt, in der Nacht . . .

 

Plötzlich lachte er laut hinaus.

 

„Nun hat der Froschkopf von einem Kellermeister doch recht behalten: dem Gerechten gibt’s der Herr im Schlaf!“