Musikantenmadonna

 

Zu jener Zeit, da die deutschen Könige, damals noch ohne Residenz, mit dem glitzernden Kometenschweif ihres Gefolges von Königspfalz zu Königspfalz reisten, um dort mit der ganzen Fülle und Pracht ihres hohen Königtums Hof und Gericht zu halten, in jener Zeit stand auch in Lautern, mitten im Herz der Pfalz, ein solcher Palast, wie er von Ingelheim und Aachen berichtet wird, nur noch schöner, noch reicher als dort. Dieses Schloss war so schön und so reich, dass sich der Ruf seiner Schönheit und seines Reichtums damals in aller Welt herumgesprochen und – obschon kein Stein mehr auf dem andern ruht – bei uns bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Es war von den berufensten Künstlern und den geschicktesten Bauleuten jener Zeit aus rotem Stein erbaut und mit Marmor und Sammet verschwenderisch ausgeschmückt, auch mit einem großen Woog und einem weitläufigen Tiergarten eingerichtet worden. Dort konnte der König nach Lust und Liebe fischen und jagen. Es gab Wild und Fische aller Arten. Viel Sagen und Reden geht davon im Volke um. Auch der berühmte zweihundertsiebenundsechzigjährige Hecht, der dem Kurfürsten von der Pfalz im Heidelberger Schloss zur Tafel aufgetragen wurde – es ist der Hecht mit dem goldenen Kaiserring – auch der stammt aus dem Woog von Lautern. Und es ist nicht von ungefähr, dass Lautern einen Fisch im Wappen hat.

 

Dieses Stück Land mit Schloss und Wald und Woog liebten die Könige so sehr, dass sie es wie einen besonderen Edelstein aus dem Ring des großen deutschen Reiches heraus und für sich allein in Beschlag nahmen, dass kein anderer der Oberen des Reichs dort etwas zu sagen oder zu richten hatte. Davon hieß dieses Land dann auch Königsland, die Leute, die dort wohnten, die Königsleute und der Wald, in dem die Könige jagten, der Königs- oder – noch heute so geheißen – der Reichswald.

 

Schon damals war Lautern eine berühmte Stadt und von vielen Fremden, Kaufleuten und insbesondere Handelsherren, aufgesucht. Auch mancher Adlige hatte hier seinen Sitz und Hof. Natürlich zog in den Zeiten, da der König Hof hielt, der magische Glanz seines Gestirns erst recht alle anderen Sterne an, die großen und kleinen, die nahen und fernen, so dass sie – vom Osten und Westen, vom Süden und Norden der Pfalz herbeieilend – die Mauern der Stadt mit ritterlichem Wesen und Treiben erfüllten und so deren Ruf und Ruhm noch mehr erhöhten.

 

Allein nicht nur die Großen, die Ritter und Vornehmen, auch die Leute des flachen Landes strömten in hellen Haufen hinzu, auch sie nicht mit leeren Händen. Nur war ihr Beitrag anderer, weniger höfisch-ritterlicher, doch nicht weniger willkommener Art. Sie füllten mit ihren Gaben des Königs Küche und Keller, seine Speicher, Ställe und Scheunen. Niemals und an nichts mangelte es dem König: Korn und Wein, Obst und Früchte, Fische und Geflügel, Kälber und Ochsen, alles war in Hülle und Fülle vorhanden; denn die Pfalz, das königlichste unter des Königs Ländern, war seit je ein reiches und fruchtbares Land.

 

Sie alle nun, die Oberen und Unteren, kamen, den König zu sehen und ein Strählchen seines Glanzes zu erhaschen, an dem sie sich weiden und stärken konnten, der eine, indem er sich aus der königlichen Fülle einen neuen Wunsch gewähren ließ, ein anderer, um der Last eines bedrückten Herzens ledig zu werden, weil er zu einem verletzten Recht vielleicht ein Urteil brauchte. Und der König lieh ihnen allen sein Ohr und seinen Mund und sprach Recht oder gab Gnade, je nachdem es viel. Und jeglicher war voll Glücks, denn damals war noch der König für alle da, für die Oberen und für die Unteren, für die Reichen und für die Armen.

 

(Auch Arme gab es – das kann nicht verschwiegen werden, und setzte man dieses Geständnis verschämt zwischen hüllende Klammern –, Arme gab es auch in der reichen Pfalz. Das waren die im Westrich, wo die Erde, als hätte sie ihrer selbst vergessen, nichts als Steine und Disteln wachsen ließ. Nun waren die Leute dort doch auch Königsleute und dem Herzen des Königs nahe; drum machte es den König immer traurig, dass er bei aller Machtfülle, die ihm verliehen war, die Steine nicht in Gold und die Disteln nicht in Korn verwandeln konnte. Damit wäre ihnen allen, den Leuten und dem König, wohl geholfen gewesen).

 

Die Könige weilten – das ist begreiflich – besonders oft und lange in ihrem pfälzischen Königsland und mit Vorzug gerade dann, wenn sie der vielen Händel draußen in der Welt müde und mürrisch waren und sich von dem Sorgen und Regieren erholen wollten. Wo auch sollten sie den Lärm und Tumult, das Gezeter und Geschrei leichter vergessen als hier zwischen Woog und Wald, unter einem heiteren Himmel und bei fröhlichen Menschen, wie es die Pfälzer nun einmal sind?

 

Am Woog, über der wippenden Angel oder beim lustigen Jagen durch den grünen Wald, da verloren sich die düsteren Gedankenfährten. Und wenn das Fischen am Woog und das Jagen im Wald nicht davon helfen wollten, dann war es am Abend im strahlenden Palast der Umgang mit schönen Frauen, der das schwarze Flatterzeug verscheuchte, oder – wenn es gar nottat – auch einmal ein kräftiger Trunk unter Männern. Irgendetwas, irgendeine Arznei wie Lust, List, Liebe, Lachen, irgendwann zur rechten Stunde genossen, - das half. Solcher Heiltrank aber fand sich nur in der Pfalz, in ihrem Herzen, wo die Könige wie aus einem Lebensborn dann auch immer wieder neue Kraft und neuen Mut zu ihren Weltfahrten gewannen.

 

Immer wieder.

 

Doch nein, nicht immer.

 

Einmal weiß ich – und davon ist hier ja zu erzählen -, dass weder Woog noch Wald, weder Frauenlachen noch Männertrunk die Trübsal verjagen und das kranke Herz des Königs froh machen konnten, damals, als der König, ein Geschlagener des Lebens, vom Schauplatz der Welt in sein pfälzisches Sorgenfrei heimgekehrt war, wortlos, kraftlos, siech. Wie immer waren die Königsleute herbeigeeilt, sich an dem Strahlenglanz des Königs zu stärken und aufzurichten. Doch erschrocken wichen sie zurück vor dem Schattenbild, das da starr und leblos in dem goldenen Sessel saß. Das war der König nicht! Die Wangen eingefallen, die Lippen dünn und leer, die Stirn von krausen Falten aufgerissen, das Haar welk und bleich, die Augen matt und verhangen, der Mund stumm verschlossen -: das war ein Anblick des Jammers und Grauens.

 

Und alle, die gekommen waren, wurden darüber von so unsäglicher Traurigkeit erfasst, dass es wie ein Schatten bleischwerer Wolken über dem Land hing. Ja, das Land selbst und alle Lebewesen litten. Im Wald trauerten die Tiere und verschmähten Halm und Wasser, die Vögel in den Ästen verstummten, die Fische im Woog hielten still und lagen mit klagend-glotzenden Augen am Uferrand. An den Bäumen erschlafften die Blätter und die Blumen ließen unfroh die Köpfe hängen. Selbst Sonne und Mond schienen an Kraft verloren zu haben, die Tage waren fahl, die Nächte blass und ohne Sterne.

 

Es war ein großes Raten und Raunen im Land, was des Königs Herz denn so sehr bedrücke. Die einen fragten sich, ob dem Reich eine Hungersnot bevorstünde, die anderen fürchteten, dass vielleicht ein feindlicher Überfall, Krieg und Verheerung drohe. Dann wieder kam einer darauf, ein böser Zauber habe den armen König überfallen; den sollte man mit Sator und Rotas austreiben und am Galgenberg verbrennen.

 

An solch wunderlichen und noch kühneren Vorschlägen fehlte es nicht. Immer wieder wurde ein neuer Plan ausgebrütet. Aber alle noch so gut gemeinten Pläne konnten dem Übel nicht abhelfen. Das Herz des Königs, von dem bisher alle Fröhlichkeit in der Welt gekommen war, dies Herz blieb krank und matt.

 

Nun lebten in der Königspfalz unter dem anderen Gefolge auch sieben junge Schüler. Sie stammten aus allen sieben Ecken der Pfalz und jeder der sieben – wie das mal in der Pfalz so ist – tat sich ein Besonderes gerade auf seine Ecke, bis auf den siebten unter ihnen. Mit diesem hatte es seine eigene Bewandtnis, allein -, davon wird noch die Rede sein müssen.

 

Auch diese sieben jungen Schüler wollten, jeder nach Vermögen und Art, den König aus seiner Not befreien helfen. Und wie sie sich darauf besannen, womit sie dem herzwunden König eine besondere Freude bereiten könnten; - denn nur durch eine Freude, so dachte man, war der starre Reif um das Königsherz zu sprengen -, da fielen sie darauf, dass ein jeder das Köstlichste und Schönste, was seine Heimat zu geben hat, dem König bringen sollte. Vielleicht, dass sein Auge daran Gefallen finden und sich sein Herz darüber entzünden könnte. Was sie aber nicht laut sagten, sondern nur heimlich bedachten, das war: dass jeder von ihnen hoffte, gerade mit seinem Geschenk alle anderen zu übertreffen und damit vor dem König und dem ganzen Hof hervorzustechen.

 

Voll freudiger Erwartung schieden die jungen Schüler voneinander und beeilten sich auf dem kürzesten Weg heimzureisen, der eine an die Haardt, ein anderer in die Sommerpfalz (wo das ist, wird noch berichtet werden), wieder einer an den Rhein, ein vierter in den Süden, der fünfte nordwärts an den Donnersberg, der sechste in den Pfälzer Wald.

 

Allein der siebte Knabe reiste nicht. Der blieb, blieb auch ohne Hoffnung und voll geheimer Angst. Denn was sollte er, gerade er mit seiner Reise ausrichten? Er kam aus dem Land der Steine und Disteln und war überdies ein Waisenkind.

 

So blieb er in seiner Rat- und Hilflosigkeit zurück. Langsam, zermürbend langsam schlichen für ihn die einsamen Tage vorüber, bis endlich, vom ganzen Hof sehnsüchtig erwartet, seine sechs Gesellen, täglich ein anderer, wieder eintrafen. Jeder Tag einer solchen Rückkehr steigerte seine Not aufs Neue. Denn jeder Tag zeigte ihm eine andere, noch prächtigere Gabe dieses wunderlichen Landes, das neben soviel üppige Fülle einen leeren Zipfel gesetzt hatte.

 

Als erster – er hatte den kürzesten Weg – kam der Knabe aus dem nördlichen Land um den Donnersberg zurück. Man führte ihn ohne Aufenthalt vor den König, wo er die Gabe seiner Heimat, ein Büschel Ähren, am Fuß des Thrones niederlegte. Was er dazu sagte, war voll Hingabe an den König. Doch einem hellhörigen Ohr entging der leise, fast eitle Stolz, der das Mitleid mit dem armen König übertönte, nicht.

 

„Herr König“, sagte der Knabe, „sieh, dies Land, wo solches Gold aus dem Boden wächst, gehört Dir. Wer kann die goldenen Körner zählen? Tausend sind es auf einer Hand und abertausend Hände bergen es und tragen Dir`s zu. Wie reich Du doch bist, Herr König! Lass Dich daran ergötzen!“

 

Alle blickten nach dem König, gespannt, was nun geschehen, hoffend, dass sich etwas Beglückendes vollziehen würde. Denn die Sorge einer Hungersnot brauchte ja nun das Herz des Königs nicht zu bedrücken. Aber in dem erstarrten Gesicht des Königs regte sich keine Falte, die Augen blickten leer und verloren über den Knaben und sein Geschenk hinweg, unbewegt saß der König im goldenen Stuhl. Davon senkte sich neue Trauer über die Menschen und verdüsterte von neuem ihren Sinn.

 

Dem Knaben aus dem Westrich aber fiel es besonders schwer aufs Herz, wenn er bedachte, was Steine und Disteln ausrichten sollten, wo solche Gottesgabe unbeachtet blieb.

 

Und er trug sein Leid hinunter in die Kapelle und trat dort zu dem geschnitzten Bild der Muttergottes und unter ihr Lächeln, das in diesen trüben Zeiten das einzige Lächeln war im ganzen Land, so als wäre das Lächeln der Welt ihr, der Muttergottes, allein in allerletzte Hut gegeben, um es über diese düstere Gegenwart hinüberzuretten in zukünftige heitere Tage. Und da er ein Waisenknabe war, dem das Leben selten gelächelt hatte, besaß dieses rätselhafte Lächeln die Kraft, ihn und sein mitleidvolles Hoffen um den König doch noch zu erwärmen und den Glauben auf den kommenden Tag zu setzen.

 

Am Montag war dies geschehen.

 

Tags drauf, am Dienstag, kehrte der Knabe aus der Südpfalz wieder. Er brachte einen schwarzen, glitzernden Klumpen, der war so schwer, dass es ihm fast die Schulter abdrückte.

 

„Sieh, Herr König“, sprach er, noch stolzer als der erste, „im Boden meiner Heimat wächst ein Erz ganz anderer Art. Es lacht im wogenden Leuchten zwischen Himmel und Erde und gibt sich auch nicht so leicht gewonnen wie die goldenen Körner. Dunkeläugig blitzt es heimlich aus den Spalten der Felsen und will ihren Fesseln nur mühsam entrissen werden. Es gibt sich nicht leicht hin, seine Art ist spröde. Aber im Feuer glüht es lustvoll auf und dann -, in den Eisenschmelzen und unter dem Eisenhammer, dann wird das Köstlichste daraus, was einen Mann ziert: das Schwert. Kühn macht das Schwert den Mann und stark! Wie stark aber bist Du erst, Herr König, dem aale Schwerter und alle Schwertarme gehören!“

 

Solche Rede konnte ein mattes Herz schon aufreißen.

 

Aller Furcht vor feindlichem Überfall ledig, blickten die Leute nach dem König.

 

Aber auch dieser Pfeil, auf das Mannesherz des Königs gerichtet, prallte kraftlos ab an der harten Schale, die das Leid darumgelegt.

 

Hilflos, mit doppeltem Leid beschwert, kehrte der Knabe aus dem Westrich abermals bei der lächelnden Muttergottes ein. Dieses Lächeln passte schlecht in die Zeit, noch weniger vertrug es sich mit der zehrenden Ohnmacht des Knaben. Was aber im Schein dieses Lächelns immer leuchtender und reiner wie ein Faden, der aus seinem Herzen hinüber zu dem König wuchs, glänzte und glühte, das war das Mitleid.

 

Als dritter, das war am Mittwoch, kehrte der Knabe aus dem Pfälzerwald zurück. In der Hand trug er einen Zweig Eichenlaub, führte wohl nur diesen einen Zweig mit sich und brachte doch den ganzen Wald herein.

 

„Herr König“, sagte er nicht ohne Kümmernis, doch auch nicht ohne eitle Schmeichelei der eigenen Sache, „mit diesem Zeichen grüßt Dich meine Heimat. Diese Heimat, der Wald, bereitet dem Menschen das Leben: er gibt ihnen das Gerüst, sich das Haus zu bauen, und er schickt ihnen auf den Herd den Brand. Haus und Herd sind uns das Höchste: sie zu besitzen, höchstes Ziel; sie zu beschirmen und verteidigen, höchstes Recht. Höchster Lohn aber ist, nach Kampf und Sieg mit einem solchen Zweig am Helm wieder zu Haus und Herd heimzukehren. Herr König, nicht dieser Zweig allein, ein Wald von Zweigen ist Dein Besitz und Ruhm!“

 

Als vierter erschien der Knabe, der in der vorderen Pfalz zuhause war, dort, wo immer Sommer ist, dass man die Gegend auch gut und leicht die Sommerpfalz nennen könnte, und wo neben allen sonstigen Früchten des Bodens und der Bäume auch seltenere Dinge geraten, von denen jetzt zu hören sein wird. Seiner Sache ganz sicher, trat der Knabe ein wenig wichtig, wenn nicht gar protzig, vor den König.

 

„Nicht mit den gewöhnlichen Früchten, Herr König“, sagte er mit der leichten Prahlerei, die den vorderen Pfälzern angeboren ist, „nicht mit dem Alltag will sich mein Land begnügen. Bewahre nein! Mein Land bietet dem Herrn König“, damit schlug er die Decke seines Korbes zurück, „andere Dinge, wie sie sonst keine Gegend Deutschlands gedeihen lässt: Kastanien, Mandeln, Feigen, Datteln, Zitronen. Herr König, vernimm daraus: die Sonne des Südens steht auch über Deinem Land.“

 

Von allen diesen seltenen Köstlichkeiten hatte der Schüler die schönsten Proben mitgebracht. Aber des Königs Herz blieb auch davon unberührt, und dem Knaben aus dem Westrich fiel es noch düsterer in den Sinn, dass im Schatten von soviel Sommer und Sonne nur Steine und Disteln wachsen können.

 

Der Freitag brachte den Knaben aus der Haardt zurück. Er hatte etwas Aufenthalt gehabt und auf die Beerenlese warten müssen. Deshalb war ihm auch der aus der Sommerpfalz zuvorgekommen. Er hielt die kürzeste Rede von allen, doch fehlte bei aller Sparsamkeit der Worte auch hier nicht ein kleiner Schuss Eitelkeit.

 

„Dem Herrn König“, sagte er und öffnete seinen Korb, „dem Herrn König die köstlichsten aller Früchte!“

 

In dem Korb aber lagen die herrlichsten Trauben, wie sie gleich schön und gleich golden nur noch im Paradies gewachsen sein konnten. Doch, wenn auch der Prediger schon lehrte, der Wein müsse die Lebendigen erfreuen, das Herz des Königs blieb ungerührt.

 

Noch fehlte der Knabe, der an den Rhein gereist war. Er hatte von allen den weitesten Weg und kam erst am Samstag zurück. Einen silberschimmernden Fisch brachte er dem König zum Geschenk. Viele schüttelten darüber den Kopf und meinten: ein Fisch, nur ein Fisch? Fische gibt es auch im Woog. Allein, mit diesem Fisch hatte es seine Besonderheit, das sollten die Zweifler und Nörgler auch gleich hören.

 

„Dieser Fisch, Herr König“, sagte er, er sagte es ganz deutlich nicht nur zum König hin, sondern auch für die Ohren in der Runde, „dieser Fisch ist nur ein Zeichen. Als Gruß schickt ihn Dir der große Strom, dessen Wasser irgendwo aus der Ferne kommen und wieder irgendwo in eine andere Ferne ziehen und die, wo sie auch zwischen Quelle und Mündung an das Ufer schlagen, immer nur Deine Länder, Herr König, nur Deine Länder schauen. Der Strom liebt die Ferne, er und alle Wesen, die ihm verbunden sind: unten, über dem Grund der Fisch, oben auf dem Rücken das Schiff, darüber, am Himmel die Wolke und zur Seite, am Ufer wir selbst, seine Menschen. Wir Menschen des Stroms sind Menschen der Sehnsucht und Ferne und verkümmern in der Enge, sterben an ihr. Kann Dich, Herr König, der Strom nicht locken, seine Ferne nicht, nicht die segelnde Wolke? Lasse das Herz nicht eingesperrt sein, Herr König!“

 

Dem armen Knaben aus dem Westrich war über dieser Rede etwas Wunderliches begegnet. Mitteninne hatte es ihn plötzlich und gleich mit heftigster Gewalt überfallen, etwas, das er vordem nie gekannt und gefühlt: eine fremde Sehnsucht nach Strom und Ferne, ein lustvoll schmerzendes Fernweh nach den weiten Ländern des Königs, an denen die fischträchtigen Wasser und die Schiffe und die Wolken vorüberziehen. Das lockte und rauschte ihm im Blut und schoss über ihn hinweg, dass er davon fieberte und zitterte.

 

Dem König aber, dem diese Rede gegolten hatte und dessen Sinn doch immer gerne nach fremden Ländern und Himmeln, vor allem jenseits der Alpen gestanden war, ihm tönte dieses Locken nicht. Unbewegt und unbeweglich, mit wächsernem Gesicht, eine welkende Blume, saß der herzwunde König auf dem Thron, ein Bild verbleichenden Prunks, zum Erbarmen anzusehen.

 

Nun sahen die Königsleute, die der elende Anblick ihres Königs jammerte, nach dem letzten der sieben Knaben wie nach einer letzten Hoffnung aus.

 

So kam es, dass in dem Wettstreit der Knaben die Hoffnung auf einen fiel, der unter ihnen der ärmste war und nichts aufzuweisen hatte als im Herzen das Mitleid und in den Händen taube Steine und Disteln.

 

Diesen aber, den armen Knaben aus dem Westrich, den das Mitleid um den König krank und das Fernweh nur noch kränker machte, den erdrückte fast das Gewicht, mit dem die vielen fordernden Blicke auf ihm lagen. Und wie an jedem der vergangenen Tage trieb ihn die Not in die Kapelle, wo er sich unter das Lächeln der Muttergottes stellte.

 

„Sie werden mich morgen mit Steinen werfen und mit Disteln schlagen“, klagte er dem Muttergottesbild, „aber das sollte mir gleichgültig sein, wenn ich dem König damit helfen könnte.“

 

Traurig ließ er den Kopf hängen.

 

„Du möchtest dem König etwas schenken, allein nur um ihm zu helfen?“ meinte das Muttergottesbild.

 

„Wie könnte es anders sein?“ blickte der Knabe erstaunt auf. „Allein um des Königs willen. Aber -, mein Land hat nichts zu verschenken.“

 

„Dein Land nicht“, bestätigte die Muttergottes. „Aber Du!“

 

„Ich?“ fuhr der Knabe erschrocken auf, um dann voll Bitterkeit hinzuzusetzen: „Ich habe für den König wirklich nichts, als dass ich für ihn leide . . .“

 

„Du leidest . . .“

„. . . weil ich ihn liebe.“

 

Da strahlte das Lächeln noch heller um das Muttergottesbild.

 

„Siehe“, sprach das Lächeln, „dann bist Du, ein armer Knabe, noch reicher als der mächtige König selbst. Denn Du hast etwas zu verschenken, was der König nicht besitzt.“

 

„Der König . . . nicht besitzt?“ staunte der Knabe.

 

„Ein Herz.“

 

„. . . ein Herz –“, lallte er und erkannte verwundert, dass der König mit dem freud- und leidlos toten Herzen noch ärmer ist als er, der arme Knabe aus dem Westrich.

 

„Dann will ich mein Herz dem König schenken!“ jubelte er freudig hinaus.

 

Gleich darauf schlug es seinen Jubel aber wieder nieder, weil er nicht wusste, wie er das beginnen sollte.

 

„So hilf mir doch!“ bettelte er zu dem Muttergottesbild.

 

„Dein Herz willst Du dem König schenken?“ fragte die Muttergottes.

 

„Das will ich!“ antwortete er fest und ernst.

 

„Auch wenn Du darüber sterben müsstest?“ fragte die Muttergottes weiter.

 

„Auch dann!“ sagte der Knabe unbesonnen und bestimmt und bettelte schon wieder von neuem: „Du kannst mir helfen!“

 

Nun strahlte die Muttergottes in ihrem goldensten Lächeln und sagte: „Ja, ich will Dich unterweisen.“

 

Damit wandte sie sich seitwärts und nahm dem kleinen, lustigen Engel, der über ihrer linken Schulter saß, die Geige und den Bogen aus den Händen und reichte sie dem armen Knaben aus dem Westrich.

 

„Nimm dies“, sagte sie, „nun brauchst Du nur die Saiten zu streichen und gleich wird Dein Herz über diesen Saiten klingen, traurig und froh, mutig und bang, wie es eben Dir selbst ums Herz dabei ist. Und dein Herz wird über diesem Klingen hinübergleiten zu dem König und in ihn einströmen und den König jauchzen und jubeln oder verzagt und traurig machen: denn es ist ja Dein Herz, das die Saiten rührt.“

 

Da fasste der arme Knabe mit beiden Händen nach Fiedel und Bogen und eilte, denn es war darüber Morgen geworden, hinüber zu dem König, wo sie bereits auf ihn warteten. Als sie ihn aber mit nichts als mit Fiedel und Bogen ankommen sahen, da wollte das nicht in ihre Köpfe und sie murrten und schalten, während die anderen Knaben in ihrem falschen Hochmut heimlich über so viel Einfalt gar kicherten und spotteten.

 

Der Knabe aus dem Westrich aber sah dieses feindselige, boshafte Wesen um sich überhaupt nicht. Unbeirrt trat er hinzu, im Sinn nur den einzigen Gedanken, dem armen König dort sein Herz über die Saiten zu schicken.

 

Und wie er, den Bogen ansetzend, dachte, dass es nun Sonntag wäre, kam es ganz feierlich aus der Geige. Das sang und jubilierte wie von einem vielstimmigen Choral und löste – o Wunder! – das Murren und Zagen der Menschen und das Kichern der falschen Knaben als neue Stimmen im Gewebe seiner Harmonien auf, dass die Alten in diesem Bann Leid und Kummer vergaßen und die eitlen Knaben beschämt beiseite standen.

 

Dem Knaben mit der Geige aber war, als säßen seine Gedanken auf den Saiten und er brauchte nur daran zu rühren, um sie reden und schwingen zu lassen. Und als er, immerfort spielend, dachte, wie doch der arme König ohne Sonntag und überhaupt ohne Freude würde leben müssen und wie ihm alle, auch er, hatten helfen wollen, und er, der arme Knabe aus dem Westrich, doch nichts zu geben hatte als Steine und Disteln -, als so das echte Mitleid über die Saiten strich, dass es das kühlste Herz erwärmen musste, da geschah an dem König das Wunder der Widergeburt, wie es nach dem Winter der Frühling und nach jeder Nacht der Morgen ist.

 

Wie das welke Haupt der von Tau und Sonnenstrahl getroffenen Blume hob sich der Kopf des Königs. Die eingefallenen Wangen füllten sich und die Stirn glättete sich, als fahre eine unsichtbare Hand darüber hin. Das matte, fahle Aschenhaar rollte und färbte sich und fiel schließlich wieder in goldschimmernden Locken auf die Schultern.

 

Und weil der Knabe daran dachte, wie sich das Lächeln um den Mund der Muttergottes kräuselte und wie dieses Lächeln voll Güte in ihren Augen stand, kam es, dass dem König das Blut in die leeren Lippen drang und von den trüb verhangenen Augen Schleier um Schleier fiel, bis ihre alte blaue Farbe wieder dahinter hervorkam.

 

Noch aber war alles unbelebt an dem König, die Stirn, der Mund, das Auge.

Denn alles Leben kommt vom Herzen.

 

Puppenhaft leer und tot war das Gesicht des Königs dem Knaben zugewandt.

 

Dem Knaben aber fiel in diesem Augenblick ein, was er der Muttergottes gelobt hatte: dass er dem König ja noch sein eigenes Herz schenken wollte. Und wie er eben noch erschrak, dass er darauf beinahe vergessen hätte, tat es einen Knall, als wäre eine Fessel gesprungen, und plumpste gleich danach wie von einem schweren Stein mit lautem Poltern auf den Boden.

 

Des Königs Herz. –

 

Da schoss das Leben in den König ein.

 

Mit blauen Strahlen kehrte es in das Auge zurück, zog, als erwachte es aus tiefem Schlaf, mit einem langen Seufzer durch die Brust, löste den bösen, zauberischen Bann von seinen starren Gliedern.

 

Allein nicht nur dem König, der ganzen Welt kehrte der Atem und Pulsschlag zurück.

 

Die Vögel im Astwerk fanden ihre Stimmen wieder, die Tiere tummelten erneut durch den Wald, im grünen Woog schnalzten und schossen silbriger denn je die Fische. Die Dornenhecken sprangen auf und die Rosen blühten. Auf den Wiesen sprossten die Gräser und die Blumen läuteten in allen Farben und Stimmen ihrer Blütenglocken.

 

Und in das Glockenläuten der Blumen und das Tirilieren der Vögel und das Singen des Windes mischte sich der Jubel der Königsleute, als der König in jugendfrischer Blüte und im Glanz der alten Herrlichkeit auf den armen Knaben aus dem Westrich zuschritt und ihn, was keinem zuvor noch begegnet war, in seine Arme schloss.

 

Alle lobten und priesen ihn, und seine Gesellen aus dem Norden und Süden, von der Haardt, aus dem Wald, vom Strom und aus der Sommerpfalz gaben sich in dem Wettstreit als von ihm, dem armen Knaben aus dem Westrich, wo nur Steine und Disteln wachsen, gerne und freudig geschlagen.

 

Denn der arme Knabe aus dem Westrich war plötzlich reich geworden: er hatte nicht nur Gewalt über des Königs Herz, sondern über alle Menschenherzen überhaupt. Er brauchte nur die Saiten zu rühren, lustig oder klagend, traurig oder froh, - sie alle folgten ihm willig, wohin er sie führte.

 

Der König dachte nicht anders, als dass der Knabe bei ihm bleiben würde. Aber – obgleich er ihn mit Geschenken überschüttete und ihm hohe Ehren und Würden an seinem Hof antrug, der Knabe lehnte alle ehrenden Geschenke und Würden ab, denn im Westrich sind sie nicht eitel, und gehorchte nur einem Gebot, das war das Gebot seines Herzens. Und dieses Herz zog ihn zu den Menschen, um ihnen das Glück des Lächelns wiederzubringen. Und das gleiche Herz zog ihn in die Ferne, lockte ihn zu dem Strom und den Schiffen und Wolken.

 

Und so wanderte er mit der fremden Sehnsucht im Herzen durch das Land und kam zu dem Strom und folgte den Wolken, und niemand weiß, in welche Fernen dieses Herz ihn noch überall hingeführt hat. Wohin er aber kam, war er von den Menschen gerne gesehen, denn er brachte ihnen das Lächeln, das beiderlei Lächeln: wo Leid war, machte er es leicht und heiter, wo Übermut, dort dämpfte er zu weiser Einsicht. Er brauchte nur die Saiten zu rühren, lustig oder mahnend, traurig oder froh, immer folgten ihm die Menschen willig und dankbar. Denn es war ja sein Herz, das die Saiten rührte.

 

Und als dieses Herz von den weiten Gängen durch die Welt müde geworden war, kehrte es heim in den Westrich. Dort wanderte in seinen letzten Jahren ein alter Mann von Ort zu Ort und lehrte die Knaben das Fiedeln und Bogenstreichen, damit das Lächeln nicht aus der Welt verloren gehe.

 

Viele der Knaben haben von dem Alten das Fiedeln gelernt, wieviele mögen erst noch seitdem in den Jahrhunderten daraus geworden sein! Denn, wenn auch die Herrlichkeit des Königs verblichen, sein Schloss verfallen und in der Kapelle das liebliche Madonnenbild von den Würmern zu Mehl und Staub zerfressen ist, so blieb doch in der schönen Pfalz der steinige Westrich, aus dem bis auf den heutigen Tag die Musikanten kommen, die auf ihren wanderfrohen Wegen durch die Welt den Menschen das Lächeln bringen.