Müttermadonna

 

Was ich euch da erzählen möchte, liebe Kinder, das ist schon lange her, so lange, dass sich auch keiner von uns Alten mehr daran erinnern kann, selbst euer Großvater und eure Großmutter nicht, und die wissen doch vieles aus den früheren Zeiten. Aber was ich erzähle, das war noch früher, das war, als sie im Pfälzerwald noch Holz zu Kohle brannten und draußen an der Haardt ihren guten, alten, unverderbten Wein bauten und doch nichts wussten von Edelspitzen und Trockenbeerauslese und all diesen neumodischen Finessen, womit den Menschen nur das Maul verwöhnt und die Begehrlichkeit gezüchtet wird.

 

Damals – nun wisst ihr ja, wann es gewesen – damals lebte hoch droben im dichten, dunklen Pfälzerwald ein Köhler mit seiner Frau. Sie wohnten einsam und abgelegen und es waren vier gute Stunden bis ins Dorf drunten im Tal. Mit diesen Köhlersleuten hatte es ein Besonderes auf sich, vor allem mit der Frau, die immer so schweigsam und mit schwermütig-traurigen Augen durch den Wald huschte, dass man sich vor ihrem scheuen Wesen fürchten konnte, hätte man nicht eigentlich Mitleid mit der armen Frau haben müssen.

 

Doch, das gerade ist es, was ich erzählen wollte, und beinahe hätte mich der voreilige Eifer gleich zu weit geführt in dieser Geschichte, wo man nur Schritt um Schrittchen machen darf, damit es ja alle und auch jene, die den Köhler und seine Frau nicht kannten, doch recht verstehen mögen.

 

Ich sagte, es waren arme Köhlersleute, und Köhlersleute sind schon recht, recht arm. Aber diese waren noch um eines ärmer, als Köhlersleute ohnedies sind: sie hatten keine Kinder. So armselig waren sie.

 

Und so könnt ihr euch auch denken, warum die Augen der Frau so schwermütig-traurig waren; denn ihr Herz hing an einem Kind.

 

Nun muss ich mich schon wieder verbessern: dass sie überhaupt kein Kind gehabt hätten, ist nämlich auch wieder nicht ganz richtig.

 

Richtig ist es so damit:

Nachdem sie vierzehn Jahre vergeblich darauf gewartet hatte, war die Köhlersfrau eines Tages in die Hoffnung gekommen. Freudvoll hatte sie sich der süßen Erwartung hingegeben und war in ihrem großen Glück Tag für Tag zu der frommen Kapelle drüben auf den Berg gelaufen, um der Muttergottes dort zu danken. Die hielt mit geneigtem Haupt das herzige Kind auf ihrem Arm, eingehüllt in ihrem Mantel aber trug sie vierzehn Mütter, auf jeder Seite des Mantels sieben: eine rechte Gottesmutter also, bei der man sich geborgen fühlte. Wie mit tausend blitzenden Goldfäden fiel das Lächeln von den Augen der Muttergottes auf das Kind, streifte im Niederfallen die Köpfe der aus dem Mantel hervorlugenden vierzehn Mütter und traf gar noch mit einigen verlorenen Strählchen die krumme Mondsichel, auf deren scharfer Schneide die zarten Muttergottesfüße standen, während in der Höhe sich die goldenen Strahlen an dem blauen Baldachin brachen, der wie ein sternbesetzter Himmel das Muttergottesbild bedachte. Liebe, Güte, Wonne kam aus den Augen der lieben Frau, und man musste sie Lieb haben in der Mütterlichkeit, mit der sie das Kind in ihrem Arm hielt. Beschaute man das Bild indessen länger, dann konnte es einem ankommen, dass das verklärende Licht nicht aus den Augen der lieben Frau, sondern eben eigentlich von dem Kind in ihrem Arm ausstrahlte. Wie es auch – ihr werdet davon hören – in Wirklichkeit so bestellt war damit.

 

An diesem lieblichen Bild also ergötzte sich das späte, hoffende Mutterglück der Köhlersfrau täglich immer wieder aufs neue, bis ihr selbst der schwere Tag gekommen war.

 

Es war der bitterste ihres Lebens. Als sie daraus erwachte, hatte man das Kind bereits fortgetragen, denn es war tot geboren.

 

Und nun könnt ihr euch, liebe Kinder, auch denken, was die arme Frau so scheu und schweigsam machte, dass sich einer leicht vor ihr fürchten konnte, wenn er ihr im Wald begegnete und nicht wusste, dass man eigentlich Mitleid mit ihr haben musste.

 

Mit all seiner Liebe vermochte der freundliche Köhler nicht das Leid der Unglücklichen zu stillen. Die Frau, in ihre Schweigsamkeit wie in eine Festung eingeschlossen, ließ ihn nicht ein, ja, sie ließ ihn nicht einmal in ihre Gedanken schauen, und dort rumorte es in dunkel verworrenen Zügen und suchte sich Luft aus der Erstickung des Leids zu schaffen. Aber es waren Irrgänge des Herzens und nimmer wie vordem ein vertrauendes Wandeln, wenn die unglückliche Frau jetzt zu dem geschnitzten Muttergottesbild ging.

 

Auch die vierzehn unter dem blauen Mantel ach so seligen Mütter konnten sie nicht umstimmen und erst recht nicht das Glück, das darüber im schützenden Arm lag und von dem mütterlichen Gesicht beschienen war. Nein, das Glück der Muttergottes fraß an ihrem Herzen und es waren seltsame und bedrohliche Redensarten, die die verirrte Frau mit der lieben Frau da oben führte.

 

„Gib mir mein Kind!“ zeterte die Unglückselige Tag um Tag.

 

„Mein Kind sollst Du mir geben!“ rechtete sie.

 

Aber die Muttergottes blieb vor solch herrisch-forderndem Wesen taub und antwortete nicht, sie schenkte der Fordernden nicht einmal, auch nicht mit einem noch so winzigen Blick, ein einziges der tausend goldenen Strählchen, an dem sich das dunkle Gedankenwerk der Frau und ihr verstocktes Herz hätte erhellen lassen. Im Gegenteil, das Herz verfinsterte sich noch mehr und kam nun gar ins Drohen:

 

„Wenn Du mir mein Kind nicht gibst, dann nehm ich Dir das Deine!“

 

Das, ihr lieben Kinder, war gewiss die fürchterlichste Drohung, die einer Mutter ausgesprochen werden kann, und keiner dachte daran, auch die Muttergottes nicht, dass sie Wahrheit werden würde.

 

Doch eines Tages, vielmehr in einer dunklen Winternacht, geschah das Ungeheuerliche, dass die verblendete Köhlerfrau in die Kapelle drang, der Muttergottes das Kind entriss und mit dem Raub durch den Wald heimwärts eilte. Gewiss floh sie vor dem Entsetzen ihres eigenen Tuns, nicht minder aber floh sie vor dem sonderbar hellen Schein, der sie auf einmal umfloss und der keine andere Lichtquelle hatte als den Packen unter ihrem Arm. Denn, obschon sie das Kind in ein dickes Tuch gewickelt hatte, der Schein – und damit ist dies offenbar – der Schein, der von dem Kind ausging, ließ sich nicht in ein Tuch einsperren, sondern drang durch das Gewebe durch und durch.

 

Gewiss, das Fehlen des Kindes blieb nicht unentdeckt, das Leuchten, das die Kapelle sonst erhellte, fehlte. Das Lächeln in den Augen der Muttergottes war gestorben, die vierzehn Mütter ließen traurig die Köpfe hängen und der Mond war in der Dunkelheit versunken. Kein Sternchen blinkte an dem blauen Baldachin. Das alles konnte ja nicht unbemerkt bleiben, aber die Leute waren es dennoch zufrieden, denn der Schäfer hatte ihnen erzählt, wie er in der Nacht das Leuchten wandeln sah, von der Kapelle in den Wald hinauf:

 

„Das Christkind geht in den Himmel, jetzt wird bald Weihnachten sein.“

 

Ja, jetzt wird bald Weihnacht sein, nickten die frommen und gläubigen Menschen. Sie dachten, dass das Christkind zur rechten Zeit wieder an seine Stelle käme, und blieben ohne Sorge um das fehlende Kind, das nicht mehr bei seiner Mutter, aber auch nicht im Himmel, sondern in der armen Köhlerstube zutiefst unten auf dem Boden einer verschlossenen Truhe gefangen lag.

 

Aber, obschon die Frau viele Röcke und noch mehr Tücher über das Kind deckte, drang der Schein doch durch die Kleider und das Holz des Kastens durch und erhellte die Nacht in der Stube, dass der Köhler, der von dem heimlichen Unwesen seiner Frau nichts ahnte, am Morgen die Augen rieb und unausgeschlafen meinte:

 

„Es war so sonderbar hell in der Nacht.“

 

Die Frau aber erwiderte:

 

„Du wirst geträumt haben.“

 

„So wird es gewesen sein“, nickte der Mann ohne Verdacht und Hintergedanken und ging seiner Arbeit nach.

 

Die Frau aber, die der helle Schein selbst nicht hatte schlafen lassen, auch dann nicht, als sie die Decke über den Kopf zog, lag immerzu wach auf ihrem Bett und hatte in den drei Nächten vor dem Weihnachtstag drei seltsame Begegnungen, die eben der helle Schein durch das Fenster der Köhlerstube an sich gezogen hatte und von denen ich euch nun nacheinander berichten will.

 

In der ersten Nacht klopfte es an Fenster. Als die Frau nach dem Klopfen sah, entdeckte sie hinter den verschneiten Scheiben das breite, runde Gesicht des Mondes, daneben das Strahlenhaupt der Sonne und zwischen ihnen und um sie herum viele kleine und große Sterne, so viele, als auf der Milchstraße stehen. Dieses Bild vor dem Fenster aber war nicht etwa freundlich wie sonst, sondern erbärmlich und bejammernswert anzusehen. Und das kam von der eisigen Kälte, die gerade in diesem Jahr die Welt besonders grausam überfallen hatte. Es war mit Eis und Schnee ein so harter Winter, wie sich seiner die ältesten Leute nicht erinnern konnten, die allerältesten nicht, die leider auch nicht viel klüger waren als die anderen, sonst hätten sie wissen müssen, dass diese Kälte von dem Raub des Christkinds kam.

 

Der Mond schien in dem schrecklichen Frost grün angelaufen, als wäre er von Grünspan überzogen. Der Sonne waren die Backen eingefallen, die Haut fiel in schlaffen Falten von dem Kinn herab und die einst stolzen goldenen Strahlen hingen ihr wie bleiche, welke Blätter um das Haupt. Unter den Sternen aber war in der Kälte ein Knistern und Knirschen wie von silbernen Zähneklappern.

 

Und jetzt lagen sie am Fenster und drückten sich die Gesichter platt, damit sie ja recht nahe an den wärmenden Schein herankamen, der von dem in der Truhe verborgenen Kind ausging.

 

„Gib das Kind zurück!“ stöhnte der Mond so schmerzlich, dass von dem kalten Hauch die Scheiben mit vielverästelten Eisblumen anliefen.

 

Darauf öffnete auch die Sonne den Mund.

 

„Gib das Kind zurück!“ schnatterte sie vor Kälte; dabei prasselten mit jedem Wort kleine Eisperlen, wie gefrorene Tränen groß, aus ihrem Mund an das Fenster.

 

„Wenn du das Kind nicht zurückgibst, müssen wir alle an der Kälte zugrunde gehen, auch ich“ –

Jammerte der Mond.

 

„– und ich“, mischte sich die Sonne ein.

 

„– und du“, sprachen sie beide.

 

Erwartungsvoll sahen sie nach der Frau.

 

Die Frau blieb stumm.

 

„Es wird keine Sonne mehr sein“, drohte der Mond und seufzte, dass die Eisblumenadern an den Scheiben zu dicken Ästen anschwollen.

 

„– und kein Frühling“, sagte die Sonne und prasselte gleich eine dichte Wolke von Eistränen gegen die Scheiben.

 

„Kein Vogel wird sein“, jammerte der Mond.

 

„– und keine Blume!“ jammerte die Sonne.

 

„Nur Eis . . . nur Eis . . . nur Eis . . .!“ jammerten beide zusammen.

 

Zu diesem Zwiegesang zwischen Sonne und Mond stießen die Sterne klirrend im Chor aneinander und es gab einen wehen, herzzerreißenden Klang in der Winternacht.

 

Aber das Jammern und Quälen und Klagen blieb ohne Widerklang in dem verhärteten Herzen der Frau. Unbewegt schaute sie hinaus und sah, wie sich der Schnee auf die Gesichter der Bittgesellschaft vor dem Fenster setzte, dass man bald nichts mehr von dem grünen Mond und den welken Sonnenstrahlenblättern und den Sternen sah als nur das weiße Schneepolster, unter dem das Fenster nach und nach zuwuchs.

 

Wieder rieb der Köhler am Morgen darauf die verschlafenen Augen.

 

„Mir ist“, sagte er diesmal, „mir ist, ich hätt heut Nacht Gesang gehört, der war so traurig.“

 

Worauf die Frau verwundert tat und meinte: „Ei Mann, was hast du doch für Träume!“

 

In der folgenden Nacht klopfte es wieder ans Stubenfenster. Draußen, im Schneegestöber, stand –, nun, was denkt ihr, wer dort wohl stand? Es war kein Geringerer als St. Nikolaus und der Esel. Das Christkind fehlte; natürlich fehlte es, es lag ja noch immer in der Köhlerstube, in dicke Tücher eingewickelt, zuunterst in der Truhe.

 

Ach, wie unglücklich war der gute, gemütliche St. Nikolaus anzusehen! Die sonst so munteren Äuglein blickten traurig durch das Fenster nach dem Kasten in der Ecke. Das rosige Gesicht war von der Kälte ganz blau und lila angelaufen. Und erst der Bart, wie sah der Bart erst aus! O je, der schöne Bart war zu einem dichten Gewebe zusammengeschmolzen und fiel wie ein Gletscher über den Bauch des guten Alten herab. In Eiszapfen hing ihm das Haar vom Kopf, dass es immer läutete, wenn er den Kopf bewegte, und selbst die lustigen Haarbüschel in den Ohren starrten unfreundlich als spitze, eisige Nadeln hervor.

 

„Brrr . . .“ knurrte St. Nikolaus, schüttelte den Schnee ab, dass es unter den Eiszapfen wie mit allen Glocken läutete, und polterte gegen die Frau: „Gib das Kind zurück!“

 

„I – a, gib das Kind zurück!“ echote der Esel und schlug dem Nikolaus mit seinem Schwanz den Buckel frei vom Schnee.

 

Aber mit dem Poltern war nichts auszurichten. Ein Menschenkenner wie St. Nikolaus sah das auch ein und verlegte sich darum auf Güte.

 

„Sieh“, sagte er und stellte der verstockten Frau seine große Not als Glücksbringer dar, „sieh, wer kommt nun zu den Kindern ins Haus?“

 

„I – a, wer stellt das Eselchen auf den Mist . . .“

 

„Sieh“, unterbrach der Alte eifernd das Tier und drängte es zur Seite, „wer leert das goldene Säckelchen aus?“

 

„. . . i – a, dass es Heu und Hafer frisst?“ hinkte das verhinderte Eselchen hinterher.

 

Mit großen aufgerissenen Augen starrten beide in die Stube nach der Frau und meinten Wunder, was ihre Vorstellungen erwirken würden. Aber da haben sie sich an der Härte dieses Herzens versehen. Dies Herz blieb fest und unerweicht.

 

„Willst du denn nicht, dass die Kinder Weihnacht haben sollen?“ knurrte St. Nikolaus grollend, dass sich das Eselchen ängstlich zusammenkrümmte und auf das Wedeln mit dem Schwanz vergaß.

 

Die Frau blieb stumm.

 

Da wurde St. Nikolaus so böse, dass er ganz auf seine Heiligkeit vergaß und heftig mit dem Fuß aufstampfte.

 

„Dann soll dich doch gleich der –“

 

Was St. Nikolaus jetzt sagen wollte, soll kein Menschenkind und auch St. Nikolaus nicht, nicht einmal im gerechten Zorn in den Mund nehmen. Er hatte denn auch das Wort noch nicht ausgesprochen, als er mitsamt dem unschuldigen Eselchen blitzschnell in die Tiefe sank. Als der Gute mit dem Bein aufstampfte, hatte er nämlich nicht daran gedacht, dass er keinen festen Boden, sondern nur weichen Schnee unter den Füßen hatte.

 

Die Erde hatte St. Nikolaus und sein Eselchen aufgeschluckt. Wie ein Leichentuch hielt der Schnee seine weiße Decke über die beiden Unglücklichen gezogen.

 

Am anderen Morgen saß der Köhler auf dem Bettrand und rieb sich den Schlaf aus den Augen.

 

„Ich weiß nicht, ich hab heut Nacht schweren Männergang gehört und Hufgeklapper.“

 

Da sagte die Frau verächtlich:

 

„Lass mich endlich mit deinen einfältigen Träumen.“ Und doch wartete sie selbst – halb neugierig, halb belustigt – wer sie nach Sonne, Mond und Stern und Esel und St. Nikolaus nun in dieser Nacht heimsuchen würde. Denn es war eine besondere Nacht, die Nacht vor dem Weihnachtstag. Da war gewiss auch besonderer Besuch zu erwarten. Aber wenn selbst der liebe Gott zu ihr käme oder auch der Teufel, lästerte die Frau in dunklen Gedanken, sie würde das Kind nicht hergeben. Nie und nimmer! Es sei denn, ihr würde das eigene Kind zurückgegeben. So hart war das Herz der Köhlersfrau.

 

Wie aber erschrak sie tief im Innersten, als sie zu der gewohnten Stunde zum Fenster blickte und dort zwar nicht den lieben Gott und auch nicht den Teufel, sondern etwas ganz anderes, etwas ganz Unerwartetes gewahrte: geführt und geleuchtet von dem großen Morgenstern stieg draußen am Waldrand die Muttergottes im Schnee mühsam den Berg hinan, im blauen Mantel die Last der vierzehn Mütter, im Herzen unsichtbar die größere Last der eigenen Not.

 

So weit also hatte es kommen müssen.

 

Dies sah die Frau hinter dem Fenster und erschrak. Das Erschrecken aber war die erste Regung des vergessenen Herzens.

 

Eine Mutter sucht ihr verlorenes Kind.

 

Das war es, was die Köhlersfrau so erbarmte.

 

Und jetzt trat die Muttergottes unter das Fenster und stand mit den zarten Füßen im tiefen Schnee und, obschon sie vorerst kein Wort sprach, war ihr Mund dennoch beredter als das laute Klagen und Jammern in den Nächten zuvor. Er redete vom Schmerz der Mutter, der auch ihr eigener Schmerz, ihr, der Köhlersfrau, bitterster Schmerz des Lebens war.

 

Und in die Bestürzung dieser Erkenntnis fiel der Chor der vierzehn Mütter, einmal die sieben der rechten, ein andermal sie sieben der linken Mantelhälfte und dann wieder alle zusammen.

 

„Siehe“, sagten die von rechts, „sie klagt nicht, und doch hast Du ihr das Kind genommen.“

 

„Ach, was soll ich klagen?“ seufzte die Muttergottes mit so lieblicher Stimme, dass Eis und Schnee daran zerschmolzen. „Ich habe es tausend und abertausend Mal hingegeben.“

 

„Siehe“, sagten die sieben von links, „sie redet nicht einmal von der Not des eigenen Herzens.“

 

„Ach, was soll ich jammern?“ seufzte die Muttergottes. „Mich jammert die Not der Mütter in der ganzen Welt.“

 

„Siehe“, sagte jetzt der ganze Chor, „jede von uns Vierzehn hat einst ihr die Last des Mutterschmerzes aufgeladen und sie hat diese Last auf sich genommen und für uns getragen. Und wir waren geborgen unter dem Mantel des Trostes.“

 

„Sie kommt nicht um ihrer selbst willen“, sagten die von rechts.

 

„. . . und bittet nicht, gib mir das Kind, mein Kind zurück!“ sagten die von links.

 

„Nein, nicht um meinetwillen“, sprach die Muttergottes und jedes ihrer Worte war Gesang von bitterer Süße, „ich komme zu Dir um dieser Vierzehn und um aller Mütter willen und bitte für sie: gib das Kind! Nicht mir allein, nein, den Müttern, allen Müttern zum Trost und auch Dir gehört das Kind; ich durfte es nur für euch halten.“ Da erkannte die Köhlersfrau, dass ihre Not keine besondere Not, sondern die Not aller Mütter war, und wurde plötzlich von tiefem Mitleid angegriffen und ihr wurde so schmerzlich im Sinn, dass sie in diesem Augenblick bereit gewesen wäre, ihr eigenes Kind hinzugeben. Und lief zur Truhe und nahm das geraubte Kind aus dem Bündel und legte es der lieben Frau in den Arm.

 

Über dem Gesicht der Muttergottes ging ein Leuchten auf, als fielen tausend blitzende Goldfäden von ihren Augen auf das Kind. Und unter dem streifenden Glanz der Goldfäden richteten sich die Köpfe der vierzehn Mütter wieder auf wie welke Blumen im Sonnenstrahl. Ein Strählchen von den tausend Fäden aber fiel in das Herz der Köhlersfrau und traf sie dort wie ein feiner, dünner Stich, dass sie mit der Hand nach der Brust fuhr und ins Bett zurücksank.

 

Darüber war der Köhlersmann an ihrer Seite wach geworden.

 

„Ist jemand bei Dir, dass Du so hell im Zimmer hast?“ fragte er ganz täppisch und benommen.

 

Da lächelte die Frau im Dunkeln und hielt die Hand noch immer über ihrem Herzen.

 

Wo der Stich gewesen, spürte sie jetzt ein anderes, spürte sie, wie sich neues Leben regte.

 

„Ja“, antwortete sie ganz glücklich, „es ist jemand bei mir, Mann. Komm, Deine Hand. Spürst Du es, spürst Du das Kind?“

 

Da holte der Mann tief Atem und lauschte.

 

„Und morgen ist Weihnacht!“ sagte er.

 

Beide waren selig wie Kinder, denen das Christkind das Schönste beschert hat, was sie sich nur wünschen können.

 

„Wenn`s ein Mädel ist“, lachte die Frau, „dann soll es Ursel heißen.“

 

„Und wenn`s ein Bub ist, Peter“, bestimmte der Mann.

 

Und es wurde ein lustiger Streit.

 

Als aber der Frühling kam, und er kam mit Blumen und Vögeln, da stand in der Köhlerstube eine Doppelwiege und darin lagen gleich zwei Glücksbringer: die Ursel und der Peter!

 

Und die Sonne leuchtete ihnen am Tag und der Mond stand blankgeputzt in der Nacht, die Sterne aber wachten über ihrem Schlaf, damit ihnen nichts Böses träumte.

 

Und als es wieder Weihnacht war, kam St. Nikolaus mit gewichtigen Schritten und brachte den Kindern so viele Geschenke, als das goldene Säckelchen nur fassen und das Eselchen – ja, das stand auf dem Mist – das gute, liebe Eselchen über seinem Rücken tragen konnte.